Mit dem Eisenschwein zum Everest

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NÜRNBERGER LAND – Tibet, das geheimnisvolle Land nördlich des Himalaja, ist seit 1950 von China besetzt. Kein anderes Land der Welt liegt so hoch (im Schnitt über 4000 Meter), weshalb es auch als das Dach der Welt bezeichnet wird. Seit einigen Jahren öffnet sich das Land vorsichtig dem Tourismus, das Reisen auf eigene Faust ist aber nach wie vor offiziell nicht erlaubt. Dennoch hat sich der Rückersdorfer Globetrotter Walter Költsch, Mitarbeiter der Rummelsberger Anstalten, zusammen mit zwei Freunden an eine Durchquerung per Mountainbike gewagt. Hier sein Reisebericht:

Fantastische Landschaften, die bewegende Geschichte des Dalai Lama und der höchste Berg der Welt: Tibet stand seit Jahren weit oben auf meiner Reisewunschliste. Zusätzlicher Anreiz: Das Basislager des Mount Everest auf 5300 Metern Höhe ist mit dem Fahrrad erreichbar! Wir wollten das Land auf eigene Faust bereisen, ohne Autobegleitung und Gepäcktransport. Alles musste auf dem Fahrrad transportiert werden: Zelt, Schlafsack, Kocher, Medikamente, Kleidung, Verpflegung.
Dem Individualtouristen ist es fast unmöglich, von Nepal aus einzureisen. Es bleibt nur der Weg über China. Als erstes besorgt man sich also daheim ein chinesisches Visum (nur ja im Antrag nicht erwähnen, dass man nach Tibet will!). In China können dann manche Reisebüros oder Hotels ein so genanntes „Gruppenvisum“ samt Flugticket nach Lhasa besorgen. Ist man glücklich in der tibetanischen Hauptstadt angekommen, benötigt man einen weiteren Erlaubnisschein, sobald man die Stadt verlassen will. Eigentlich gibt es diese Erlaubnis wieder nur in Verbindung mit einer gebuchten Jeeptour. Aber uneigentlich ergattert man es dann doch irgendwie. Es bedurfte einiger Wochen intensiver Recherchen in Internet und Reiseführern, um das alles herauszufinden.
20 Kilo schweres Rad
Ich entschied mich für mein altes, 20 Kilo schweres „Eisenschwein“, ein Mountainbike der ersten Stunde und ließ es noch mal in einer Fahrradwerkstatt durchchecken. Sonderlich überzeugt war der Monteur von meiner Fahrradauswahl allerdings nicht. Ich unterzog „Eisenschwein“ am Moritzberg noch einem letzten Test, es hat alles funktioniert. Wenn’s den Moritzberg packt, schafft’s den Everest auch, dachte ich mir.
Aufgrund einer langwierigen Sportverletzung konnte ich ein ganzes Jahr keinerlei Sport treiben. Würde ich die Strapazen einer derartigen Reise überhaupt durchstehen? Hält mein zusammengeschraubter Unterarm die brutalen Erschütterungen der tibetanischen Wellblechpisten aus? Ein Arzt, der von meinem Plan hörte, war da eher skeptisch. Fest stand: Noch nie bin ich in schlechterer körperlicher Verfassung auf eine anstrengende Reise gegangen. Nicht viel besser erging es meinem Reisebegleiter Horst Scharrer – Entzündung in Knie und Steißbein! Wenigstens der Dritte im Bunde, Norbert Hartan, ging unvorbelastet auf die Reise. So machte sich ausgerechnet am 1. April ein ziemlich lädierter Haufen auf den langen Flug nach Tibet.
Die Reise begann mit einem Erfolgserlebnis: Unsere Fahrräder, die wir schon vorausgeschickt hatten, waren angekommen. Drei Tage haben wir uns dann akklimatisiert. Lhasa liegt 3700 Meter hoch, und schon die Hühnerleiter in unser Hotelzimmer mussten wir ganz schön hoch keuchen. Wir nutzten die Zeit für die Sehenswürdigkeiten der Stadt, insbesondere den Potala, weltberühmte ehemalige Residenz des Dalai Lama.
200 Kilometer nördlich von Lhasa liegt der riesige See Nam Tso auf 4700 Metern Höhe. Um diesen zu erreichen, mussten wir das erste Mal die magische Höhe von 5000 Metern überwinden. Wir waren gespannt, wie wir das verkraften würden. Bis kurz vor der Passhöhe lief alles glatt, wir fühlten uns topfit. Dann machten wir einen entscheidenden Fehler, als wir unterhalb der Passhöhe Brotzeit machten. Die tibetanische Salami sah so verlockend aus. Sie war scharf und – gezuckert! Die letzten Höhenmeter den Pass hoch waren eine Qual. Wenn ich nur an die Salami dachte, wurde mir übel. Auch die restlichen 50 Kilometer „unten“ auf 4700 Metern bei brutalem Gegenwind bis zum Seeufer werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
Zur Entschädigung verbrachten wir zwei wundervolle Tage am Nam Tso, der um diese Jahreszeit noch von einer dicken Eisschicht bedeckt ist. Kein Wunder bei minus 20 Grad in den klaren Nächten!
Nach einem Tag Pause in Lhasa nahmen wir schließlich am 12. April unser Hauptziel in Angriff: 1200 Kilometer wollten wir radeln bis in die Hauptstadt Nepals und als Höhepunkt der Reise einen Abstecher zum Basislager des Mount Everest machen. Wir verließen Lhasa in westlicher Richtung und ein fürchterlicher Gegenwind blies uns den ganzen Tag ins Gesicht. Es folgte der 4990 Meter hohe Pass Kampa La. Der Wind war so stark, dass wir uns kaum auf den Fahrrädern halten konnten. Unterhalb lag der wunderschöne Skorpion See, umgeben von einer fantastischen Gebirgskulisse. Wir hatten große Probleme, am Ufer eine windgeschützte Stelle zum Zelten zu finden. Der Wind blieb auf der gesamten Reise unser Hauptfeind. 
Ein zusätzliches Ärgernis waren chinesische Geländewagenfahrer, die ohne jegliche Rücksicht auf den Schotterpisten an uns vorüber donnerten, dass uns die Kieselsteine um die Ohren flogen.
Zum Frühstück Nudelsuppe
Die Beschaffung von Verpflegung kann in Tibet zum Problem werden. In den wenigen Lebensmittelgeschäften suchten wir häufig vergeblich nach Nudeln, Müsli, Brot oder Schokolade. „Dramatisch“ wurde vor allem unsere Frühstückssituation, nachdem das von daheim mitgebrachte Müsli verputzt war. Um wenigstens etwas im Magen zu haben, gab es fortan Nudelsuppe. Es war eine interessante Erfahrung, zu beobachten, wie sich der Körper umstellte und trotz viel zu wenig Nahrung jeden Tag Höchstleistung erbrachte. Allerdings auf Kosten des Körpergewichts!
Wir versuchten, unsere Tagesetappen so einzuteilen, dass wir am Abend am Fuße von Pässen zelteten, keinesfalls in Eiseskälte und dem Wind ausgesetzt auf der Passhöhe. Dieses Malheur passierte uns dann doch einmal: Erst gegen 18 Uhr erreichten wir den 5150 Meter hohen Pass Pang La. Wir waren abgekämpft und der eisige Wind kroch durch die Kleider, aber wir wurden mit einer der spektakulärsten Aussichten, die dieser Planet zu bieten hat, belohnt: Vor uns breitete sich der Himalaja-Hauptkamm aus, herrlich angestrahlt von der Abendsonne. Wie auf einer Perlenkette aufgereiht standen die 8000er vor uns: Everest, Makkalu, Lhotse, Cho Oyu. Einheimische boten uns in ihrem Hauszelt eine Unterkunft, wir drängelten uns um den wärmenden Ofen, der wie überall in Tibet mangels Holz mit getrocknetem Yakdung befeuert wird. Am Morgen zeigte das Thermometer 20 Grad minus, dick vereist waren unsere Fahrräder. Es folgte die eisigste Abfahrt meines Lebens.
Weitere zwei Tage benötigten wir bis zum Fuß des Mount Everest. Gigantisch ragte seine 8848 Meter hohe Spitze in den Himmel. Und welch ein Gefühl, das Basislager auf 5200 Metern Höhe mit einem voll beladenen, fast 50 Kilo schweren Fahrrad erreicht zu haben!
Noch 400 Kilometer und vier weitere Pässe über 5000 Meter lagen vor uns. Kurz vor der Grenze nach Nepal fällt die Piste wie ein Stein vom kargen tibetanischen Hochplateau hinunter in das nepalesische Tiefland. Der Kontrast könnte größer nicht sein und nirgendwo sonst erlebte ich ihn in dieser Einzigartigkeit: Eben hat man noch eine eisige Nacht auf 4500 Metern Höhe verbracht, dann taucht man hinunter in den üppig grünen Regenwald. Wasserfälle donnern zu Tal, Kinder plantschen in den Flüssen. Das erste Mal seit Wochen wieder Wald riechen, Obst essen!
Wir wälzten ein Problem vor uns her, das mit jedem Kilometer, dem wir uns der nepalesischen Grenze näherten, größer wurde. Geländewagenfahrer berichteten uns unterwegs immer wieder von Unruhen in Nepal. Die Grenze sei gesperrt, weil die Straße nach Katmandu von Rebellen überfallen wird, Touristen würden aus Sicherheitsgründen mit Helikoptern von der tibetanischen Grenze direkt nach Katmandu geflogen. Aus der Heimat erfuhren wir, dass das Auswärtige Amt vor der Einreise nach Nepal warnte. Wir wären traurig, unser Ziel nicht wie geplant zu erreichen und unsere Fahrräder würden mit dem Helikopter bestimmt nicht mitgenommen werden. Armes „Eisenschwein“! Wir hatten Glück, gerade rechtzeitig lenkte der nepalesische König ein, die Unruhen hörten auf, die Grenze und der Weg nach Katmandu waren frei! Nach fast 2000 Kilometern und 17.500 Höhenmetern erreichten wir überglücklich unser Ziel.
Wir sind gesund geblieben, unsere Fahrräder haben durchgehalten (ich wusste gleich, dass der Moritzberg ein guter Gradmesser ist!) und hinter uns lag eine der tollsten Fahrradtouren der Welt. Und als ich mich daheim auf die Waage stellte, wunderte ich mich: zehn Prozent Körpergewicht hatte ich verloren. Falls also jemand abnehmen will: Ich hätte da einen Tipp!
Walter Költsch berichtet in einem Film am Sonntag, 10. 2., um 17 Uhr in der Altdorfer Stadthalle und am Sonntag, 24. 2., im Neumarkter Landratsamt von der Reise. Karten im Vorverkauf gibt es beim Boten in der Nürnberger Straße 5 in Feucht und an den Abendkassen.

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