Führung beim Klostermauerverein Engelthal

Die Nonne und der Kaiser

Heini Liebel im Landsknecht-Kostüm entführte in die Zeit des Mittelalters. Foto: A. Pitsch2016/07/7268105.jpeg

ENGELTHAL – Was macht ein Kaiser bei einer Nonne? Und das noch in Engelthal? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Führung von Klostermauerverein und Evangelischem Forum, die passend zum Karlsjahr die Begegnung Karls IV. mit der Mystikerin Christine Ebner zum Thema hatte.

Hier heben Historiker gleich den Finger: Als Karl nach Engelthal kam, war er noch kein Kaiser, nur König von Böhmen. Das macht auch Heini Liebel deutlich, der die vielen Teilnehmer stilecht in der Kleidung eines mittelalterlichen Landsknechts zu Nürnberg empfängt. „Sehr schön!“, entlockt das einer Frau.

Einige aus der Gruppe kennen sich: „Ach, ihr seid auch da!“ Und auch Liebel knüpft rasch mit allen Kontakt, begrüßt jeden per Handschlag, bevor er alle von der Wärme der Straße in die Kühle, Schlichtheit und Dunkelheit der Willibaldskapelle führt. Mauern liegen frei, eine rote Freske ist schemenhaft zu erkennen in dem Gebäude, das zwischendrin als Scheune genutzt wurde. Die Zeitreise beginnt.

Gespannt lauschen die Männer, Frauen, Jugendlichen und Senioren, als Liebel ihnen vor Augen führt, welche Bedeutung die unscheinbare (Nachfolge-)Kapelle für das spätere Engelthal hat. Die Weihe des ursprünglichen Baus markiert die erste urkundliche Erwähnung des Orts 1058/60. Doch für ein Kloster reichte das kleine Gotteshaus nicht aus. Also zieht der Tross angeführt vom Landsknecht von der mittelalterlichen Einfachheit hinüber in den barocken Prunk der St. Johanniskirche. Der Johannes dem Täufer geweihte Bau war die Nachfolgekirche der Klosterkirche. Noch heute deutet der Dachreiter statt eines Glockenturms auf den Sitz eines Bettelordens hin.

Hier fällt es den gebannt zuhörenden Teilnehmern nicht schwer, sich ins 12. Jahrhundert zurückzuversetzen, die Zeit, in der die Kreuzritter von ihren Zügen heimkehren, höfisches Leben und Reichtum in die Burgen und Städte einziehen. „Genau das erzeugt Aussteiger“, sagt Liebel mit seiner sonoren Stimme in die Stille der Kirche hinein.

Kuh wichtiger als Frau
Menschen wie Franz von Assisi oder die Reuerinnen von Nürnberg wählen bewusst ein Leben in Einfachheit und im Glauben. Über Ulrich von Königstein bekommen die Nürnbergerinnen Grundbesitz in Engelthal, um aufgrund des Interdikts von 1240, als in der Stadt „die Kirchentüren verschlossen waren, die Glocken schwiegen“, so Liebel, außerhalb ein Kloster zu gründen.

Und hier kommt erstmals die Besonderheit des Ortes ins Spiel: die starken Frauen. Denn, wie Liebel anschaulich darstellte, war auf dem Dorf „eine Kuh wichtiger als eine Frau“, aber die Engelthaler Priorin war es, die beim Papst die Aufnahme der Nonnen in den Dominikaner-Orden erwirkt hatte. Das war der Startschuss für ein enormes Wachstum des Klosters: 70 Jahre nach der Gründung lebten vermutlich rund 100 Frauen hier.

Eine solche Reiche wie bei den Reuerinnen war auch Christine Ebner. Als zehntes Kind einer Nürnberger Patrizierfamilie wurde sie mit zwölf Jahren auserkoren für das Kloster. Schweigepflicht, Armut und Keuschheit galten damals als Privileg. Dieses Nicht-reden-Dürfen reißt die Zuhörer aus ihrem eigenen Schweigen. Staunend und ungläubig fragt einer: „Wie, die mussten immer schweigen?“ Wohl nicht immer, aber viele Worte dürfte Ebner, die mit 79 Jahren ein „wahrhaft biblisches Alter“ (Liebel) erreicht hat, in ihrem Leben nicht gesprochen haben.

Stattdessen verbrachte sie Zeit mit Selbstkasteiung, schlief auf Brennnesseln, aß viel Krautsuppe und schrieb ihre Offenbarungen mit Visionen und gottmenschlichen Gesprächen. Letztere machten sie im Reich bekannt, auch bei Böhmenkönig Karl IV.

Karl auf Knien
Liebel erzählt ruhig und sachlich, zitiert viel aus Ebners Schriften, um die damalige Zeit wieder aufleben zu lassen. Die Gruppe sitzt vor ihm in den Bänken, fast wie bei einer Predigt, und scheint auf die Offenbarung, die Schilderung des hohen Besuchs, zu warten.

Für diesen gibt es nur eine Quelle, die der Nonne. Sie schreibt aber nicht, wie die Stippvisite abläuft, sondern fasst sie in Worte wie ein Wunder: Karl habe auf Knien vor ihr um Wasser und Segen gebeten. Da ist sie wieder, die besondere Rolle der Frau.
Doch woher der König kam, wohin er wollte, welches Gefolge dabei war, bleibt im Dunklen. Liebel mutmaßt, dass der Besuch in Engelthal etwas mit Machtsicherung zu tun gehabt haben könnte. Fest steht, dass er das Ansehen des Klosters gesteigert hat: Wo ein Herrscher sonst nur ein bis zwei Schutzbriefe ausstellte, waren es elf durch Karl für Engelthal.

Bis ins 16. Jahrhundert hinein wuchs die Anlage. 327 Höfe in 66 Orten waren im Besitz der Nonnen, bis das Pflegamt Nürnberg die Verwaltung übernahm. Das klösterliche Leben weichte aber nach und nach auf. Der Kreuzgang verkam zum Pferdestall, Männer wurden im Kloster gesehen.

Und Novizinnen wurden auch keine mehr aufgenommen. „Man setzte wohl auf den demografischen Prozess“, sagt Liebel schmunzelnd. Nach 322 Jahren war das Kloster Geschichte – und Engelthal „wieder nur ein Dorf“.

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