Lesung mit Volker Kutscher

Bisschen „Babylon Berlin“ am Berg

Volker Kutschers (links) Lesungen wurden vom Pianisten Sasha Pushkin live begleitet. Moderatorin Ina Gombert hörte gespannt zu. | Foto: Beck2021/07/Lesung-Sommerliteraturtage-Lauf-Volker-Kutscher-140721-Foto-Bec.jpg

Lauf. Volker Kutscher schreibt Kriminalromane, die mehr sind als die Jagd eines Polizisten nach Verbrechern. Der Kölner Autor zeigt seinen Lesern gleichzeitig durch die Augen seiner Figuren die Verwandlung Deutschlands in den 30er Jahren, als die Weimarer Republik von der Machtergreifung der Nationalsozialisten abgelöst wurde.

Das macht die Faszination seiner Romanreihe über den Berliner Ermittler Gereon Rath aus, durch die Kutscher zum bekannten Autor wurde und aus deren neustem Band „Olympia“ er im Zuge der Laufer Sommerliteraturtage auf dem Kunigundenberg las. Dass die ersten zwei Bände die Drehbuchvorlage für die Fernsehserie „Babylon Berlin“ sind, vergrößerte die Fangemeinschaft des 58-Jährigen zusätzlich.

Fast 200 Besucher

Die erste Lesung der Literaturtage lockte am Mittwochabend – auch aufgrund des Renommes des Autors – fast 200 Besucher auf den Reigenplatz. Diese sitzen, im Gegensatz zu den Zuschauern des Konzerts der Band Dota am Abend zuvor, nicht im strömenden Regen, sondern im sonnigen Abendlicht und sehen eine Premiere in mehrfacher Hinsicht. Denn die Moderatorin und Organisatorin der Veranstaltungsreihe, Ina Gombert, und ihr Gast gestalten die Lesung als Autorengespräch, anders als auf den Literaturtagen bisher üblich. „Bei unseren Online-Literaturtagen im vergangenen Herbst haben wir das Format ausprobiert und so gute Rückmeldungen erhalten, dass wir es beibehalten wollen“, sagt Gombert. Kutscher, der im November bereits Gast dieser Online-Literaturtage war, knüpfte eine erneute Teilnahme damals an eine Bedingung: die nächste Lesung muss in Präsenz stattfinden.

Und mit der Gewissheit, dass die Sommerliteraturtage live stattfinden, setzte Kutscher auch sein Versprechen um. „Ich bin so froh, dass Sie alle hier sind. Es hat gefehlt, vor Publikum zu lesen und nicht mehr nur vor einer Kamera“, sagt er.

Und er war wohl ebenfalls froh, dass eine weitere Premiere gut funktionierte. Zum ersten Mal begleitet ihn der Pianist Sasha Pushkin auf der Bühne am Keyboard, während Kutscher liest. Er spielt die Hintergrundmusik, die sonst vor allem für Hörbücher charakteristisch ist und deren Einsatz Autor und Pianist bisher nur während der Aufnahme von Live-Streams ausprobiert hatten. Die Besucher auf dem Reigenplatz hören also düstere Musik zur Szene, in denen SS-Beamte den unschuldig Inhaftierten Herbert Ehlers foltern, doch den großen Tag von Gereon Raths Pflegesohn Fritze, der den ersten Wettkampftag der Olympischen Spiele 1936 vor Ort erleben darf, begleitet Pianist Pushkin mit heiteren Melodien. Die parallelen Klänge von Kutschers Stimme und Pushkins Keyboard sind, nach einer kurzen Gewöhnungsphase, eine gelungene Kombination und erhalten anschließend viel positive Rückmeldungen aus dem Publikum.

Zwischen Kutschers Lesungen unterhält er sich mit Moderatorin Ina Gombert über die Figuren und die Recherche, die für die glaubhafte Kulisse von Gereon Raths Ermittlungen nötig ist. Um sich in die Zeit des Wandels von der Wirtschaftskrise ab 1929 bis zum Vormarsch der NSDAP hineinzuversetzen, liest der ehemalige Journalist Kutscher unter anderem die Propaganda-getränkte Tagespresse der 30er Jahre und bekannte Sachbücher. „Die Hintergründe sind der faktische Rahmen für eine fiktive Handlung.“

Leser des 2020 erschienenen Romans „Olympia“ können sich durch Kutschers Recherche gut in das Jahr 1936 hineinversetzen, als die Nazis der Welt demonstrieren wollten, dass die internationale „Greuel-Propaganda“ haltlos ist. Auf der Suche nach einem Mörder im olympischen Dorf legt sich Hauptfigur Rath nicht nur mit Verbrechern, sondern auch mit seinen hitlertreuen Vorgesetzten an. Die Handlung seiner Romane entwickelt Kutscher beim Schreiben. „Ich habe zuvor nur ein grobes Setting. Das ist spannend, birgt aber auch das Risiko, dass man sich verrennt und einige Tage umsonst schreibt.“ Noch zweimal will Kutscher Gereon Rath auf die Jagd schicken, bis seine Reihe vollständig ist.

„Dass die Krimis so ein Erfolg werden, war für mich nicht abzusehen. Bei einer Romanreihe besteht immer die Gefahr, dass der erste Band durchstartet und die Folgenden nicht mehr daran anknüpfen können. Im Fall von Gereon Rath ist das zum Glück anders.“ 

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