Eine Familie aus Rückersdorf erzählt

Wenn Corona das Leben auf den Kopf stellt

Erinnerung an eine schwere Zeit: Dagmar und Thomas Klinger schauen sich auf dem Handy Fotos von Thomas Klingers zweiwöchigem Krankenhausaufenthalt an. | Foto: Haase2020/06/Corona-Ruckersdorf-Familie-Klinger-Zuhause-scaled.jpg

RÜCKERSDORF – Fast 50 000 Corona-Kranke hat man in Bayern bisher gezählt, über 2500 Menschen sind daran gestorben – nackte Zahlen, hinter denen Schicksale stecken, so wie das der Familie Klinger aus Rückersdorf. Die Klingers wenden sich ganz bewusst an die Öffentlichkeit.

Das Corona-Virus hat das Leben der vierköpfigen Familie in den letzten Wochen extrem durcheinandergewirbelt. Nun wollen Mutter Dagmar, Vater Thomas und die beiden neun- und 17-jährigen Söhne mit ihrer Geschichte zur Vorsicht aufrufen: „Jeder denkt momentan an Urlaub und Freiheit. Corona scheint so weit weg. Aber man sollte auch an andere Menschen denken. Wenn man jemanden unwissentlich ansteckt oder eine Ansteckung riskiert, kann das schlimme Folgen haben“, fasst Thomas Klinger zusammen, denn er selbst hat das am eigenen Leib erfahren.

Schmerzen und Schüttelfrost

Alles begann am 17. März – dem ersten Tag des Corona-Lockdowns. „Ich war tagsüber ganz normal im Büro. Abends habe ich mich plötzlich nicht so wohl gefühlt, hatte leichte Schmerzen in der Brust und Schüttelfrost. Kein Fieber und auch keinen Husten“, beginnt Thomas Klinger zu erzählen. Der 56-jährige Familienvater arbeitet als technischer Betriebswirt bei einem Sportartikelhersteller in Herzogenaurach.

Auch am nächsten Morgen fühlt er sich nicht besser. Sein Hausarzt schreibt ihn für den Rest der Woche krank. Einen Tag später, am 18. März, erhält Klinger eine E-Mail von seinem Arbeitgeber. Darin informiert ihn die Personalabteilung, dass er eine Woche vorher im Büro Kontakt zu einer mit dem Coronavirus infizierten Kollegin hatte.

Corona-Test im Auto

Ein Schock für die Familie. „Das Thema Corona haben wir schon von Beginn an ernst genommen, aber bis zu diesem Moment erschien es uns noch so weit weg“, wirft Dagmar Klinger ein. Ihr Mann ruft sofort beim Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst an, um nach einem Test zu fragen.

Nach einiger Zeit in der Warteschleife wird die Familie von der Stimme am anderen Ende des Telefons noch am selben Tag zu einem Massen-Test nach Nürnberg eingeladen. „Wir haben eine Nummer bekommen und wurden aus dem Auto heraus getestet. Das ging recht schnell“, sagt Thomas Klinger.

Ein wenig beruhigt

Ein wenig beruhigt kehren die vier nach Hause zurück. Denn immerhin würde man zumindest bald Klarheit haben, ob sich der Vater tatsächlich angesteckt hat oder ob vielleicht sogar Söhne und Frau infiziert sind, so die Hoffnung der Familie.

Doch der Zustand des Vaters verschlechtert sich plötzlich. „Zum Wochenende habe ich nur noch gehustet und vor Erschöpfung geschlafen. Fieber hatte ich nach wie vor nicht“, erinnert sich der 56-Jährige.

Dazu kommt: Die Testergebnisse bleiben aus. „Verschwunden, unauffindbar, kein Einzelfall“, erfahren die Klingers nach vierwöchigem, regem E-Mail-Verkehr mit dem Gesundheits­amt Lauf und dem Versorgungsarzt Nürnberger Land. Zurück bleiben die Unsicherheit und die Sorge um den Vater und Ehemann, dem es immer schlechter geht.

Kaum Luft zum Atmen

Am Montag bekommt Thomas Klinger kaum noch Luft und hat keine Kraft, sich zu bewegen. Seine Frau Dagmar ruft beim Hausarzt an, bittet um Rat. Er verweist die Familie direkt an das Laufer Krankenhaus. Doch bei ihrem Anruf erfährt Dagmar Klinger, sogar im Krankenhaus will man ihren Mann nicht einfach so aufnehmen.

Pure Verzweiflung überkommt sie, also wählt sie den Notruf. Eine halbe Stunde später betritt einer der beiden Sanitäter in voller Schutzkleidung das Haus der Familie und untersucht ihren Mann. Fieber? Keines. Aus diesem Grund will auch der Rettungsdienst den 56-Jährigen zunächst nicht mitnehmen. Doch wegen des gemessenen schlechten Blutsauerstoffwertes, bringt man ihn doch zur – vorerst ambulanten – Behandlung ins Krankenhaus.

Doch an diesem Dienstag, 24. März, sollen sich die Wege der Familie für die nächsten beiden Wochen trennen. Der neunjährige Sohn drückt dem Vater zum Abschied noch einen kleinen Glücksbringer aus Plüsch in die Hand.

„Haben Sie Fieber?“

Im Laufer Krankenhaus stellt man Thomas Klinger wieder die Frage, die er in der letzten Zeit schon viel zu oft gehört hat: „Haben Sie Fieber?“Keiner wollte mich annehmen. Sie haben gehört ‚kein Fieber‘ und das war‘s dann. Das war schon komisch“, erinnert sich Klinger an seine Eingangsuntersuchung im Krankenhaus, bei der auch noch einmal ein Corona-Abstrich gemacht wird.

Am nächsten Morgen geht alles furchtbar schnell: Der Test des Familienvaters fällt positiv aus. Weil Thomas Klinger kaum noch atmen kann, wird seine Lunge geröntgt. „Erst als die Ärzte die weißen Ablagerungen auf meiner Lunge gesehen haben, wurde ich endgültig stationär aufgenommen“, erinnert er sich.

Thomas Klinger ist kein Risikopatient mit Vorerkrankung im eigentlichen Sinne. Er leidet an einem angeborenen Wirbelsäulenschaden. Schmerzen begleiten ihn im Alltag daher ständig. Aufgrund erhöhter Blutwerte verzichtet er auf Alkohol und raucht auch nicht.

Auf der Covid-19-Station

Auf der Quarantänestation des Laufer Krankenhauses werden Antibiotika, Infusionen und ein Sauerstoffschlauch zu seinen ständigen Begleitern. Und natürlich der kleine blaue Plüschvogel – der Glücksbringer seines Sohnes.
Den Corona-Patienten plagen extreme Kopfschmerzen, er hat starken Husten, kann Licht nur schwer ertragen und auch keinen klaren Gedanken fassen. Und dazu kommt noch das starke Verlangen nach Schlaf.

Keine Informationen

Klinger ist sehr schwach, kann sich nur recht unregelmäßig bei seiner Familie melden. Ab und an sendet er seiner Frau eine Nachricht über WhatsApp. Dagmar Klinger sitzt unterdessen mit den zwei Söhnen in Quarantäne zu Hause wie auf Kohlen, denn auch die Kommunikation mit dem Krankenhaus läuft nur sehr schleppend. Einen Rückruf vom Arzt erhält Dagmar Klinger zum Beispiel nie und weiß nicht, ob ihr Mann nicht vielleicht doch schon auf der Intensivstation liegt.

Doch damit nicht genug: Die Situation der Familie verschlimmert sich, als auch die Mutter von Thomas Klinger an Corona erkrankt und nach Nürnberg in ein Krankenhaus gebracht wird.

Erinnerung an Müllsäcke

Derweil fühlt sich ihr 56-jähriger Sohn nach der ersten Woche im Krankenbett im Laufer Krankenhaus langsam besser. Aus dieser Zeit sind dem Betriebswirt vor allem die blauen Müllsäcke voller gebrauchter Schutzkleidung in Erinnerung geblieben, die anfangs täglich durch die Flure getragen wurden.

Während Krankenschwestern in den ersten Tagen Klingers Mahlzeiten noch in voller Montur ans Bett brachten, schieben sie das Essen später ohne Kittel und Mundschutz einfach durch die Tür.

Durch solche Sparmaßnahmen machte sich der Materialengpass zu Beginn der Pandemie bemerkbar, vermutet der Familienvater. Dem Personal möchte er damit aber keinen Vorwurf machen, so der 56-Jährige, denn die Mitarbeiter hätten alles getan, was man eben tun könne, bei einer Erkrankung, über die es zu diesem Zeitpunkt noch viel zu wenig Informationen gibt.

Prinzipiell sei er sehr dankbar für das gute Gesundheitssystem in Deutschland. Auch dankt er seinem Hausarzt für die gute Versorgung und Unterstützung sowie dem Krankenhaus Lauf für die Betreuung in dieser schwierigen Zeit.

Entlassung nach 14 Tagen

Nach insgesamt 14 Tagen kann der Familienvater das Krankenhaus verlassen – ohne abschließenden Test und ohne Informationen, wie es nun für ihn und die gesamte Familie weitergehen wird. Lediglich eine 14-tägige häusliche Quarantäne wird ihm auferlegt.

Zuhause ist die Freude natürlich erst groß, dass man nun endlich wieder zu einem normalen Leben zurückkehren kann, dass die Kinder wieder nach draußen dürfen und man die Einkäufe endlich wieder selbst erledigen kann. Doch Dagmar Klinger ist sich unsicher und ruft, auf Anraten des Hausarztes ihres Mannes, beim Gesundheitsamt an.

Der nächste Schock

Es folgt der nächste Schock: „Die Kinder und ich sollten ebenfalls noch einmal zwei Wochen in Quarantäne bleiben. Ich verstehe das nicht. Keiner von uns war krank“, kritisiert Dagmar Klinger.

Also verbringen die Klingers noch einmal zwei weitere Wochen in häuslicher Quarantäne, Homeschooling inklusive. Endlich wird nun auch die Großmutter nach langen zehn Wochen aus dem Nordklinikum Nürnberg entlassen und die Familie setzt alle Hebel in Bewegung, um einen Pflegeplatz für die Seniorin zu finden.

Spätfolgen der Erkrankung?

Dass genesen und gesund nicht dasselbe ist, merkt Thomas Klinger nun in den Wochen nach seiner Entlassung: Zehn Kilo hat er insgesamt verloren, bekommt noch immer schlecht Luft. „Ich bin nachmittags schon so erschöpft wie sonst abends nach einem langen Arbeitstag“, sagt er. Außerdem sei er wesentlich schmerzempfindlicher geworden, spürt seinen Wirbelsäulenschaden noch mehr.

Psychosomatische Behandlung

Deshalb ist er nun wieder krankgeschrieben. Seit dem 12. Juni befindet er sich in stationärer psychosomatischer Behandlung, die noch einige Wochen andauern wird.

Zurück bleibt bei allen nur die Ungewissheit darüber, ob sich der Gesundheitszustand des Familienvaters jemals verbessern wird und ob auch andere Familienmitglieder sich mit dem Virus infiziert hatten.
Am Ende des Gesprächs sagt Dagmar Klinger, dass sie nun Zeit brauche, um das Erlebte zu verarbeiten.

Hoffen auf Wirkung

Und Thomas Klinger hofft, dass ihre Geschichte Wirkung zeigt: „Ich hoffe, dass sich manche Menschen besinnen, denn wer nicht betroffen ist, kann sich kein Bild davon machen, wie schlimm es ist. Wir leben in einer Solidargemeinschaft und da sollte man auch an andere Menschen denken und alles tun, um eine Ansteckung anderer zu vermeiden.“

Deswegen achten die Klingers auch im Alltag besonders auf Einhaltung des Abstands: „Ob man sich von Mitmenschen beschimpfen lassen muss, weil man sie auf die Nichteinhaltung der Abstandregeln anspricht, frage ich mich aber schon“, fügt Dagmar Klinger noch an, denn das ist ihnen in letzter Zeit öfter passiert.

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