Bundesregierung berät Entschärfung des Neonikotinoid-Verbots

Kommt das Bienengift bald wieder in Umlauf?

Honig- und Wildbienen können etwa über Nektar und Pollen mit Neonikotinoiden in Kontakt kommen. Einmal von dem nervengift berauscht, verlieren sie Orientierung und Gedächtnis. | Foto: Bauer2016/05/Biene-Pollen.jpg

NÜRNBERGER LAND – Wieder einmal schlagen Bienenschützer Alarm. Wieder einmal ist der Grund dafür eine geplante Neuregelung zu den sogenannten Neonikotinoiden, einer Gruppe hochgiftiger Pflanzenschutzmittel. Im Frühjahr wurde ein Entwurf des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft bekannt, demzufolge mit diesen Pestiziden behandeltes Saatgut wieder auf die Felder gebracht werden darf. Mittlerweile gibt es jedoch einige wissenschaftliche Studien, die eine massive Gefährdung der Bienenpopulation durch Neonikotinoide nahelegen. Wolfgang Mittwoch, Direktor des Zeidelmuseums und Vorstand im Imkerverein Feucht, betrachtet die Entwicklungen mit Sorge.

Erst im letzten Sommer hatte Agrarminister Christian Schmidt (CSU) die Aussaat und den Handel mit Saatgut, das mit Neonikotinoiden behandelt wurde, vollständig verboten. Damit sollte verhindert werden, dass dieses nach Deutschland eingeführt wird. Denn in der EU ist zwar der Einsatz der Pestizide auf blühenden Pflanzen verboten, die Beize von Saatgut mit dem Mittel jedoch nicht. In Deutschland steht nun erneut zur Debatte, ob das ausnahmslose Verbot gelockert werden soll. Nach den Plänen des Ministers wäre dann der Handel mit Wintersaatgut, das nur bis zu einem gewissen Grenzwert mit Neonikotinoiden behandelt ist, wieder zugelassen. Die Beizmittel sollen Pflanzen vor nagenden und saugenden Insekten schützen. Die Frage ist: Zu welchem Preis?

Protest der Imker

Imkerverbände und Bienenschützer, wie Wolfgang Mittwoch, protestieren seit Langem gegen den Einsatz der Pestizide. „Die Mittel gehen in den Blutkreislauf der Bienen und schädigen die Organfunktionen“, erklärt Mittwoch. „Zwei bis drei Wochen lebt eine Biene, das ist nicht sonderlich lange. Aber sie bringt den Schadstoff in das ganze Bienenvolk mit hinein.“ Er verbreitet sich unter den Tieren und kann zum Aussterben ganzer Völker führen.

2008 war es nach der Maisaussaat am Oberrhein zu einem massenhaften Bienensterben gekommen. Die Maissamen waren mit dem Insektizid Clothianidin der Firma Bayer behandelt worden. Eigentlich hätte das Mittel mit dem Saatgut direkt in den Boden gelangen sollen, wurde jedoch verweht und in großen Mengen von Bienen aufgenommen. Zehntausende Völker starben. Aber auch ohne dass die Gifte verweht werden, kommen Insekten mit ihnen in Kontakt. Da die hochgiftigen Wirkstoffe sehr gut wasserlöslich sind, werden sie vom Samen in alle Teile der Pflanze transportiert – auch in den Nektar und die Pollen, die die Bienen sammeln.

„Das Problem: Normalerweise merken Bienen, wenn sie giftige Stoffe aufnehmen“, so Mittwoch, „bei Neonikotinoiden merken sie es nicht.“ Schon durch kleinste Dosen des Gifts verlieren die Bienen die Orientierung und einen Großteil ihres Gedächtnisses.

Lethargische Insekten

Sie werden lethargisch, führen keine Schwänzeltänze mehr aus, vernachlässigen die Brutpflege oder finden ihren Bienenstock nicht. Honig- wie Wildbienen sind gleichermaßen gefährdet.

Wolfgang Mittwoch sieht ein großes Problem darin, dass Bienen ohnehin vielen Bedrohungen ausgesetzt sind: Von alljährlich auftretenden Krankheiten, wie Darminfektionen oder Varroose hin zu äußeren Einflüssen, wie klimatischen Veränderungen, dem Pflanzensterben und Spritzmitteln. Ihre Abwehr sollte nicht noch zusätzlich geschwächt werden. „Einen Schaden in der Natur kann man nicht einfach wieder reparieren.“ Indirekt schadet  die Landwirtschaft durch den Einsatz der Pestizide auch sich selbst, wenn immer weniger Insekten Pflanzen bestäuben.

Umweltorganisationen und Verbände, etwa das Umweltinstitut München oder Campact, versuchen mit Online-Petitionen den Minister von seinen Plänen, die möglicherweise noch diesen Sommer in Kraft treten könnten, abzubringen.

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