Röthenbacher Moschee

„Wir lassen uns nicht einschüchtern“

Die Polizei hat ihre Präsenz rund um muslimische Einrichtungen erhöht. So wurde die Moschee am Röthenbacher Bahnhofsplatz während des gestrigen Freitagsgebets von Beamten abgesichert (im Bild). An die Türkisch-Islamische Gemeinde war der Drohbrief gerichtet, der am Donnerstag einging. | Foto: Beck2020/03/Polizei-Moschee-Rothenbach-Sicherheit-060320-abe1-scaled.jpg

RÖTHENBACH — Der Drohbrief gegen die Türkisch-Islamische Gemeinde in Röthenbach hat die Mitglieder beunruhigt, einschüchtern lassen sie sich nicht.

Das hellblaue Haus gegenüber des Röthenbacher Bahnhofs steht seinen Besuchern die ganze Woche 24 Stunden am Tag offen. Meistens sind nur eine Hand voll betender Männer vor Ort – und Kinder, die gemeinsam Koranverse lernen. Doch an einem Freitag ist die Moschee voller Leben. Dann schallen Geschichten auf Türkisch und Deutsch durch die Räume und es herrscht normalerweise eine Stimmung der Vorfreude. Doch an diesem Freitag ist es anders.

Der Drohbrief samt scharfer Patrone, den der Hausmeister am Vortag im Briefkasten fand, bestimmt die Unterhaltungen. Vielen Männern ist eine gewisse Anspannung anzusehen. Es ist einschüchternd, dass ein Polizeibus am Tor steht, dass Bürgermeister Klaus Hacker vor Ort Interviews gibt und das Journalisten mit Kameras durch das Haus laufen.

„Auch wenn das keiner sagen wird, die Angst ist da. Es ist so viel passiert in letzter Zeit, schon der Anschlag von Christchurch hat die Gemeindemitglieder beunruhigt“, sagt Fatih Dagkiran, der als Mechatroniker in Röthenbach arbeitet. Der 21-jährige und sein 22-jähriger Freund Onur Aktürk sind mit dem Islam aufgewachsen und fest in der Gemeinde verankert.

Onur, der in Nürnberg Wirtschaftswissenschaften studiert, ist Mitglied im Jugendvorstand und im allgemeinen Vorstand und er und sein Freund nehmen, wenn möglich, jede Woche am Freitagsgebet teil. Der wichtigste Gottesdienst der Muslime zieht wöchentlich rund 300 Gläubige in die Röthenbacher Moschee, an Feiertagen sind es doppelt so viele.

Heute geht es um die Sicherheit

Die Gespräche vor dem Gebet bei einem schwarzen Tee im Gemeindesaal drehen sich normalerweise um den Alltag der Männer, um die Hochzeit der Tochter, um den cholerischen Chef in der Arbeit. Heute unterhalten sich die Röthenbacher über die Gefahr, dass auf Worte auch Taten folgen, ob die Polizei mehr Schutz bieten wird, ob Kameras in den Innenräumen der Moschee nicht doch in Ordnung wären.

„Das alles muss jetzt besprochen werden. Aber wir sind froh, dass wir soviel Rückhalt von der Stadt bekommen und insgesamt aus der Politik. Ministerpräsident Markus Söder und Innenminister Joachim Herrmann haben heute morgen bei uns angerufen. Das ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt Bülent Bayraktar, Vorstand der Türkischen Gemeinde in der Metropolregion Nürnberg.

Er hat den Eindruck, dass Polizei und Politik in Deutschland nach Hanau aufgewacht sind. „Früher wurde im Vergleich zum Antisemitismus mit zweierlei Maß gemessen, inzwischen erfahren wir mehr Solidarität“, so Bayraktar. An diesem besonderen Freitag ist er extra nach Röthenbach zum Gebet gekommen, genau wie Arif Tasdelen, Mitglied des Bayerischen Landtags.

Rund 300 Gläubige versammelten sich gestern, trotz Drohbrief, zum Mittagsgebet in der Röthenbacher Moschee. | Foto: Beck2020/03/Freitagsgebet-Moschee-Rothenbach-Ditib-Islam-Gebet-Imam-060320-abe-scaled.jpg

Gegen 12.30 Uhr gehen immer mehr Männer die Treppe hinauf in den großen Moscheeraum. Sie ziehen im Flur ihre Schuhe aus und die meisten setzen sich anschließend erst einmal an den Rand des großen Raums. Auf den tiefblauen Teppich mit den gemusterten Streifen, auf die sich die Männer später zum Gebet stellen werden.

Der Moscheeraum schluckt die nervöse Stimmung. Die bunten Dekorationen, die Gebetsnische verziert mit Mosaiksteinen, auf die Weintrauben, Blumen und arabische Schriftzeichen gemalt sind. Die große Kanzel aus türkis farbenen Steinen, an deren Tür ein Bild der Kaaba in Mekka hängt. Dieser Raum löst andächtige Gefühle aus, egal ob man an Allah glaubt oder nicht.

Durch das Fenster sieht man Jugendliche, die im Regen auf die S-Bahn warten, doch als der Muezzin der Gemeinde mit dem typischen Gesang zum Gebet aufruft, scheint der deutsche Alltag weit entfernt. Gläubige im Alter von neun bis 90 Jahren richten sich auf und gehen wieder auf die Knie. Manche haben die Augen geschlossen. Hier kommen sie zur Ruhe. Durch den Raum geht ein Flüstern, denn am Anfang betet jeder für sich selbst. Der Raum ist voller Menschen. Sie haben sich von dem Drohbrief nicht abschrecken lassen, doch manch einer betet wohl für die Sicherheit seiner Familie und der Gemeinde. „Es war schon Nervosität da. Sobald man ein kleines Geräusch gehört hat, haben viele zur Tür geschaut“, sagt Fatih später.

Das Freitagsgebet als Meditation

Dann ergreift der türkische Imam Ibrahim Halil Karaman das Wort. Bekleidet mit Cübbe, einem weißen Mantel mit goldenen Verzierungen und Sarik, der Kopfbedeckung des Imams, hält er die Freitagspredigt, zitiert Koranverse erst auf arabisch, dann auf Türkisch.

Immer wenn er sich auf die Treppe der Kanzel zum kurzen stillen Gebet setzt, hören die Betenden, wie vier etwa zehn Jahre alte Jungs auf der Empore, dem oberen Stockwerk des Gebetsraums, fangen spielen und lachen. Doch das stört niemanden. „Der Koran sagt, dass man die Kinder dulden soll. Sonst wenden sie sich durch den negativen Einfluss vom Glauben ab“, sagt Onur.

Zum Abschluss des Freitagsgebets stellt sich der Imam vor die Mihrab, die Gebetsnische, und fängt an zu singen, verbeugt sich, geht auf die Knie und die Männer hinter ihm tun es ihm gleich. Sie sprechen flüsternd die Verse nach, die ihr Vorbeter zitiert. Nach einer halben Stunde ist der wichtigste Gottesdienst der Muslime vorbei. Sie ziehen ihre Schuhe an und gehen wieder zur Arbeit. Einige bleiben noch auf einen starken Chai-Tee im Gemeindesaal und stellen sich in Grüppchen um die Stehtische. Irgendwie ist die Stimmung entspannter geworden.

Das Freitagsgebet hat auf die Männer wie eine gemeinsame Meditation gewirkt. Die, die wieder los müssen, verabschieden sich von ihren Freunden mit einer türkischen Geste, indem sie sich nach vorne beugen und kurz ihre Schläfen, erst die linke und dann die rechte, aneinander drücken. „Das ist halt so eine Tradition“, sagt Fatih, als müsste er sich dafür entschuldigen.

Die Nachricht vom Drohbrief hat Onur und Fatih aufgewühlt. „Ich war bis Mitternacht wach und habe den Beitrag an alle geschickt“, sagt Fatih. Sie sind sich sicher, dass der Täter nicht aus Röthenbach kommt. „Ich habe in meiner Schulzeit und danach nie Anfeindungen erlebt. Wir feiern in Röthenbach gemeinsam das Fest der Religionen und wir halten zusammen“, sagt Onur.

Das Ziel des Jugendverbandes sei es nun, sich gemeinsam mit allen Bewohnern der Stadt gegen den Rassismus zu wehren. „Wir lassen uns nicht einschüchtern, das will der Absender ja gerade“, sagt Fatih.

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