PFT-Konzentration stieg schon 2014

Wie kommen die Giftstoffe in den See?

Vielleicht nur eine trügerische Idylle: Die im Birkensee gemessenen Werte waren bereits 2014 erhöht. Jetzt läuft die Suche nach der Quelle der Verunreinigung. Foto: PZ-Archiv/Sichelstiel2015/08/birkensee_wurzel_herbst_01.jpg

RÖTHENBACH — Noch ist nicht klar, woher die giftigen Stoffe kommen, die im Birkensee gefunden wurden. Über den oder die Verursacher wird wild spekuliert. Fest steht: Das Landratsamt Nürnberger Land wusste schon 2014 von einem Anstieg der Konzentration. Damals sah die Behörde keinen Handlungsbedarf. Sie sprach sogar noch im August 2015 von einer „ausgezeichneten Badegewässerqualität“.

Günther Häusler, der Sprecher des Landratsamts, bestätigt, dass die Konzentration von Perfluor­octansulfonat (PFOS) im See zwischen 2013 und 2014 von 0,14 Mikrogramm auf ein Mikrogramm pro Liter anstieg. PFOS gehört zu den Perfluorierten Tensiden (PFT), die im Verdacht stehen, Krebs auszulösen. Gemessen wurde dieser Wert an der Wasseroberfläche. Das Nürnberger Büro Dr. Heimbucher hatte am 12. August dieses Jahres in acht Metern Tiefe 2,6 Mikrogramm festgestellt – ein Ergebnis, das zu einem vorläufigen Badeverbot führte, angeordnet vom Landratsamt (die Pegnitz-Zeitung berichtete).

Was nicht ins Bild passt: Dem Birkensee attestierte dieselbe Behörde wiederholt eine „ausgezeichnete Badegewässerqualität“. Eine entsprechende Tafel stand noch am Wochenende am Ufer, als die Feuerwehr bereits Warnbaken aufstellte, mit dem Hinweis, dass Baden vorübergehend verboten sei. Häusler erklärt das so: Das Siegel beziehe sich auf Vorgaben der Europäischen Union, es garantiere lediglich die „bakteriologische Qualität“ des Wassers. Soll heißen: Im See gibt es keine Krankheitserreger.

Keine Warnung für die Angler

Wohl finden sich im Birkensee aber Tenside, wie jetzt öffentlich wird, auch wenn Experten noch keine Gefahr für Leib und Leben sehen. Der 2014 gemessene Wert, sagt Peter Gronau, der das Sachgebiet Umwelt leitet, habe ebenfalls „keine Gesundheitsgefahr“ bedeutet, weitere Maßnahmen seien deshalb nicht veranlasst worden. Selbst den Altdorfer Fischereiverein, dessen Mitglieder in dem Gewässer angeln, warnte das Landratsamt laut Gronau nicht, obwohl sich PFT vor allem in Wasserlebewesen anreichern. Das Veterinäramt und das Landesamt für
Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hätten „keine Veranlassung“ dazu gesehen.

Während die Verantwortlichen auf eine erneute Analyse des Wasser warten, hat die Suche nach der Quelle der Verunreinigung begonnen. Die Bild-Zeitung hatte gestern bereits einen möglichen Verursacher ausgemacht: die Röthenbacher Feuerwehr. Klaus, Keim, dem Kommandanten, liegt die Schlagzeile im Magen: „Feuerwehr schuld am Gift im Badesee?“ Bei mindestens zwei Einsätzen seit Ende Juli am Birkensee und auf der nahen A 9, so das Blatt, „war laut Feuerwehr-Homepage auch das Löschschaum-Fahrzeug vor Ort“.

Im Boden versickerte Löschschäume haben unter anderem am Nürnberger Flughafen zu einer PFT-Kontamination geführt. Tatsächlich enthalten diese Schäume fluorhaltige Stoffe, die im Verdacht stehen, Krebs auszulösen. Seit 2011 darf deren Anteil aber nur noch sehr gering sein, nämlich 0,001 Prozent. Außerdem: Das entsprechende Fahrzeug der Röthenbacher Wehr mag jeweils vor Ort gewesen sein, doch gelöscht wurde laut Keim mit Wasser. „Wir haben am Birkensee gar keinen Schaum verwendet“, sagt er zur Pegnitz-Zeitung.

Erhöhte Werte bei Diepersdorf

Erhöhte PFT-Werte – allerdings weit unter der Belastung des Birkensees – wurden nach Angaben der Umweltbehörde in den vergangenen Jahren in einem Diepersdorfer Brunnen gemessen, ebenso im Finstergraben, der nordöstlich des Birkensees verläuft. „Wir können nicht zuordnen, wo das herkommt“, sagt Gronau. Relevant ist diese Verunreinigung für den aktuellen Fall wohl ohnehin nicht: Landrats­amt und Wasserwirtschafts­amt schließen aus, dass dieses Wasser in den Birkensee fließt, der aus südlicher Richtung gespeist wird.

Spannender ist da schon ein Fund aus dem Jahr 2014. In einem alten Grundwasserpegel direkt am Ost­ufer fand sich eine Konzentration von 0,8 Mikrogramm PFT pro Liter. Dort befand sich von 1958 bis 1969 eine Hausmülldeponie. Möglicherweise sickern die Tenside aus deren Überbleibseln und sammeln sich am Boden des Birkensees. PFT binden sich an Fett und damit wohl auch an Schlamm, je nach dessen Zusammensetzung.

Gronau sagt, jetzt laufe eine „Amtsermittlung“. Einfach sei die Frage nach der Quelle aber nicht. Leser berichten von Klärschlämmen, die vor Jahrzehnten im Wald entsorgt wurden. Sie könnten PFT enthalten haben. Und Löschschäume sind ebenfalls noch nicht aus dem Rennen. Kommandant Keim mag sie zwar aktuell nicht eingesetzt haben, doch wurden in den Achtzigern, als der See noch eine Sandgrube war, dort Feuerwehrübungen durchgeführt – vermutlich mit PFT-belasteten Mitteln.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel