Attacke auf Hunde

Wildschwein-Angriff am Letten

Das Bild ihrer mit Hundeblut verschmierten Hand hat Deniz Inan auf Facebook gepostet.
Das Bild ihrer mit Hundeblut verschmierten Hand hat Deniz Inan auf Facebook gepostet. | Foto: Inan2018/04/30073349_989424161208316_5282149422469992831_o.jpg

LETTEN — Wie gefährlich Wildschweine mit Jungtieren sein können, hat eine Hundetrainerin aus Lauf erfahren: Drei Sauen attackierten Deniz Inan und die acht Hunde, mit denen sie im Wald zwischen Letten und Schönberg unterwegs war. Einer der Hunde überlebte die Attacke nicht.

Auch Tage später ist Deniz Inan der Schreck noch anzumerken. „Ich gehe die Wege am Letten seit Jahren“, sagt sie, „noch nie ist mir dort ein Wildschwein begegnet“. Am Montag traf Inan beim Abendspaziergang mit ihren Hunden auf gleich drei Exemplare – und das endete blutig. Die 33-jährige Hundetrainerin aus Lauf, die auch eine Hundepension hat, zog sich Prellungen und ein verstauchtes Handgelenk zu. Schlimmer erwischte es nach Inans Angaben die Vierbeiner: Ein Mischling, den sie in ihrer Obhut hatte, starb infolge des Angriffs, fünf weitere Hunde sind verletzt, haben laut Tierklinik innere Blutungen. „Es sieht nicht gut aus“, postete Inan am Donnerstag auf Facebook – und erntet seither einen Genesungswunsch nach dem anderen. Ihr Beitrag wurde über 550 Mal geteilt.

Mitleid und Kritik auf Facebook

Aber auch heftige Kritik muss die 33-Jährige einstecken, weil sie die insgesamt acht Hunde, darunter auch ihre eigenen Rottweiler, nicht angeleint hatte. Gerade das empfiehlt der Bayerische Jagdverband (BJV) aber im Frühjahr, denn in dieser Jahreszeit verteidigen Wildschweine ihren frisch geborenen Nachwuchs, die Frischlinge.

„Hätte ich die Hunde angeleint gehabt, hätte ich sie nicht festhalten können“, sagt Inan. Außerdem könnten ihre Tiere alle in Formation laufen. Die ganze Hundemeute sei zum Zeitpunkt des Angriffs auf einem Waldweg unterwegs gewesen, kein Tier habe im Unterholz gestöbert. Ihre Rottweiler trügen stets einen Maulkorb, so auch am Montagabend.

„Auf einmal ein Schlag“

Die 33-Jährige schildert die entscheidenden Sekunden so: Sie sei mit den Vierbeinern bereits auf dem Rückweg zu ihrem Auto gewesen, das sie in der Nähe der Staatsstraße zwischen Lauf und Diepersdorf abgestellt hatte, „und auf einmal tut es einen Schlag“. Ein Wildschwein, vermutlich eine Bache, hat Inans Rottweiler-Rüden gerammt. „Zuerst habe ich an einen anderen Hund oder ein Reh gedacht“, so die Hundetrainerin. Doch tatsächlich sind zwei Sauen auf die Meute zugerannt. Eine weitere hält sich im Hintergrund. Auch Inans Hündin erwischt es; sie wird von einem Wildschwein regelrecht umgeworfen, „ich dachte schon, sie hat sich die Hüfte gebrochen“.

Ihre Frischlinge verteidigen Wildschweine zur Not mit Gewalt. Das kann zu brenzligen Situationen führen. Jäger raten deshalb dazu, Hunde im Frühjahr im Wald anzuleinen.
Ihre Frischlinge verteidigen Wildschweine zur Not mit Gewalt. Das kann zu brenzligen Situationen führen. Jäger raten deshalb dazu, Hunde im Frühjahr im Wald anzuleinen. | Foto: thinkstockphotos.com/jevtic2018/04/GettyImages-680947588.jpg

Inan: „Ich kann gar nicht genauso sagen, wie lange das alles gedauert hat. Am Ende lagen die Hunde da und überall war Blut und Schaum.“ Die 33-Jährige hat Glück: Zwei Jogger eilen ihr zur Hilfe, „die haben mit den Füßen auf die Wildschweine eingetreten“. Das dürfte das Schwarz­wild abgeschreckt haben, am Ende ergriffen die drei Tiere die Flucht.

Inans Hündin hat nach der Begegnung Schnittwunden von ihrem Drahtmaulkorb. Und doch ist die Trainerin froh um die Maulkörbe: „Wären die Bachen verletzt worden, wäre es wahrscheinlich noch schlimmer ausgegangen.“

Verletzte Wildschweine sind aggressiv

Hubert Utz von der Laufer Jägervereinigung bestätigt diese Vermutung. Gerade verletzte Wildschweine seien mitunter sehr aggressiv. Deshalb trage man bei Nachsuchen, also beim Verfolgen von angeschossenen Tieren, „prinzipiell Schutzkleidung“.

Trotzdem gibt der Jäger grundsätzlich Entwarnung: „Wildschweine greifen normalerweise nicht an, außer ich komme ihren Frischlingen zu nahe.“ Utz sagt auch klipp und klar: „Ich habe noch keinen Spaziergänger getroffen, der einfach so in eine Sau reingelaufen ist, das ist sehr unwahrscheinlich.“ Die Tiere würden zunächst eher flüchten als sich Menschen anzunähern.

Frischlinge in der Nähe?

Der Vorsitzende der Jägervereinigung hat aus diesem Grund eine Vermutung: Einer von Inans Hunden ist dem Nachwuchs der Wildschweine zu dicht auf die Pelle gerückt. „Die Frischlinge muss man gar nicht sehen, die liegen irgendwo in der Nähe“, so der Waidmann. Der Vierbeiner müsse sich dafür nicht weit vom Waldweg entfernt haben, mehrere Meter reichten schon.

Deshalb rät auch Utz ausdrücklich, Hunde im Wald stets an der Leine zu führen, vor allem in der Zeit von Ende April bis Mitte Juni, der sogenannten Brut- und Setzzeit. Neben Wildschweinen ziehen dann auch Rehe, Füchse, Stockenten und Hasen ihren Nachwuchs groß.

Keine generelle Leinenpflicht

Anders als zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, Bremen oder Niedersachsen gibt es im Freistaat Bayern aber keine generelle Leinenpflicht im Frühjahr. Laut BJV ist lediglich vorgeschrieben, dass sich ein Hund in Jagdrevieren „im Einwirkungsbereich das Hundehalters“ befindet und tatsächlich reagiert, wenn er gerufen wird. Stellt ein Hund dem Wild nach und kann er nicht auf andere Weise gestoppt werden, ist der Jäger dem Verband zufolge nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, ihn zu erschießen.

Inans Schilderung zufolge waren die acht Hunde zwar durchaus in ihrem „Einwirkungsbereich“, aber wie lassen sich so viele Tiere kontrollieren? Um kritische Situationen zu vermeiden, gibt der Jäger den Tipp, gerade mehrere Hunde „lieber auf der Wiese“ laufen zu lassen.

Die Laufer Hundetrainerin hofft, dass die fünf verletzten Tiere wieder gesund werden. Ihr Erlebnis habe sie vor allem deshalb öffentlich gemacht, sagt sie, „weil ich will, dass die Leute gewarnt werden“.

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