Kirchensittenbach führt Lernwerkstatt ein

Lernen der Zukunft

Die Lehrer (hier Daniela Pfund) helfen den Schülern bei Fragen. Welche Aufgaben die Kinder wann erledigen, dürfen sie aber selbst entscheiden | Foto: M. Wildner2017/02/Lernwerkstatt.jpeg

KIRCHENSITTENBACH – Eine Schule, in der die Kinder selbst entscheiden, was sie wann lernen, ihr eigenes Tempo verfolgen und der Lehrer als Coach zur Seite steht – klingt ziemlich innovativ, gibt es aber bereits an mehreren Einrichtungen in Bayern. Und jetzt auch im Hersbrucker Land: „Lernwerkstatt“ heißt das Projekt, für das die Grundschule Kirchensittenbach mit 14 000 Euro von der Hermann-Gutmann-Stiftung unterstützt wird.

Schulleiterin Christine Mages kann vor Begeisterung gar nicht aufhören zu erzählen: „Das ist genau mein Ding“, erklärt sie strahlend, während sie das neue Projekt der Grundschule beschreibt. Die Lernwerkstatt ist ein pädagogisches Konzept, das die Kinder zum selbstständigen Lernen hinführen soll. Seit diesem Schuljahr wird es in Kirchensittenbach angeboten.

Zum ersten Mal davon gehört hat Mages über den Schulverband. Eine kleine Schule in Hessen bietet dasselbe Konzept an und Mages sei sofort davon überzeugt gewesen. Im August vergangenen Jahres begann sie zusammen mit ihren Kolleginnen an der Umsetzung im Sittenbachtal zu arbeiten.

Derzeit sind in vier Klassenzimmern der Grundschule sogenannte Werkstätten eingerichtet: ein Lese- und Schreibatelier, ein Sprachlabor, eine Geowerkstatt und ein Rechenzimmer. „Nächstes Jahr wollen wir noch eine Werkstatt für den Heimat- und Sachkundeunterricht aufbauen“, so Mages.

Die Lernwerkstatt findet immer mittwochs und freitags in jeweils zwei Unterrichtsstunden statt. Dann sind die Schüler der ersten bis vierten Klasse im Schulhaus unterwegs, üben Kopfrechnen oder erklären sich gegenseitig das Präteritum. Dabei können sie sich aussuchen, welche Aufgaben sie als erstes bearbeiten. Auch der Platz zum Lernen ist quasi frei wählbar.

„Es sind strukturierte Übungen, die dem Kenntnisstand jedes Kindes angepasst sind. So können die Schüler individuell gefördert werden“, erklärt die Schulleiterin. Gleichzeitig werden soziale Aspekte und Teamarbeit geschult. Außerdem verbessere diese Art von Lernen die persönliche Beziehung zwischen Lehrern und Schülern.
„Gerade geben wir den Kindern noch Lernpläne an die Hand, aber wir wollen erreichen, dass sie irgendwann nur noch wenige Vorgaben brauchen und der Lehrer lediglich als eine Art Coach zur Seite steht“, so Mages weiter. Ein wichtiges Ziel sei die Selbstreflexion: Die Schüler sollen zum Beispiel erkennen, wieso sie einen Fehler gemacht haben, sich ihren Lernweg bewusst machen und so selbstständiger werden.

„Wenn wir mit den Aufgaben fertig sind, können wir zum Beispiel in der Geowerkstatt etwas bauen oder uns selbst eine Übung aussuchen“, erklärt Melanie Westphal. Die Neunjährige besucht die vierte Klasse und hat sichtlich Freude an der Lernwerkstatt. „Es macht viel Spaß“, sagt sie.

Großzügige Finanzspritze
Mit ihrem neuen Projekt steht die Schule nicht alleine da: Die Hermann-Gutmann-Stiftung greift ihr mit einer Förderung von 14 000 Euro unter die Arme. „Mit dem Geld bezahlen wir vor allem Materialien. Das fängt schon bei ganz banalen Dingen wie Aufbewahrungskisten an“, erklärt Mages. Bis 2021 hat die Stiftung aus Nürnberg ihre Unterstützung zugesichert.

Die Grundschule Kirchensittenbach führe zudem eine „Hochform“ ein, was die Hermann-Gutmann-Stiftung auch zu einer Kooperation veranlasst hat. „Für das Projekt suchen wir Schulen, die sich einer besonderen Herausforderung stellen. Kirchensittenbach baut die Werkstätten in der ganzen Schule auf und nicht nur in einem bestimmten Fach“, erklärt Rainer Rupprecht, Lernwerkstattberater der Stiftung.
Auch für ihn sei die individuelle Förderung der Schüler das Hauptziel des Projekts. „Es ist nicht mehr zeitgemäß, allen Kindern das gleiche Schulbuch in die Hand zu drücken. Sie sollten den Lernstoff selbst für sich entdecken“, so Rupprecht weiter.

Bereits seit 20 Jahren fördert die Hermann-Gutmann-Stiftung verschiedene Schulprojekte bayernweit, mittlerweile liege der Fokus in Mittelfranken. Das Projekt der Lernwerkstätten ist vor zirka einem Jahr angelaufen, 16 Schulen in Bayern nehmen daran teil. Insgesamt 160 000 Euro sind dafür seitens der Stiftung schon geflossen. „Neben finanziellen Mitteln unterstützen wir mit Hilfestellungen vor Ort und einen regen Austausch untereinander, um alle teilnehmenden Schulen zu vernetzen“, erklärt Rupprecht.

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