Corona-Krise

Psychologische Beratung am Bildschirm

Nicht nur für Personen, die psychologische Hilfe suchen, ist die Online-Beratung eine Umstellung. Auch die Berater selbst müssen sich an die neue Situation anpassen. | Foto: Pixel-Shot - stock.adobe.com2021/04/AdobeStock-415086037.jpeg

HERSBRUCK – Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen verlagern unser Leben immer mehr ins Internet. Auch die Beratungsstelle für seelische Gesundheit in Hersbruck hat ihr Angebot entsprechend angepasst – mit Beratungen per Video, Mail oder am Telefon. Was das für Mitarbeiter und Klienten bedeutet, erklärt Leiterin Christina Gietl.

Für wen ist die Onlineberatung gut geeignet, für wen eher nicht?

Christina Gietl: Die Beratungsstelle für seelische Gesundheit ist zuständig für Menschen in psychischen Schwierigkeiten. Wir unterscheiden ja zwischen unterschiedlichen Angeboten, bei denen man sich nicht persönlich trifft. Die Onlineberatung läuft über das Caritasportal, wird von allen Caritas-Beratungsstellen genutzt und ist in Schriftform. Unter www.beratung.caritas.de/behinderung-und-psychische-erkrankung/registration kann man sich registrieren. Das heißt, die Leute schreiben sich ihre Probleme von der Seele – da kommen durchaus mal drei bis vier Seiten zusammen –, und der Berater antwortet ebenfalls per Mail auf diesem geschützten Portal. Das ist vor allem für Personen gut geeignet, denen der direkte Kontakt anfangs zu viel ist, die typische Beratungszeiten zum Beispiel wegen Berufstätigkeit nicht wahrnehmen können, die komplett anonym bleiben wollen oder die einfach besser schreiben als reden können. Das Angebot gab es bei uns aber schon vor Corona, hier mussten wir zum Glück nicht viel umstellen.

Sie bieten aber auch telefonische und Videoberatung an.

Genau. Sie wird von Menschen wahrgenommen, die den Berater sehen oder hören wollen. Es gibt natürlich auch Klienten, die mit dem virtuellen Angebot nichts anfangen können. Dann ermöglichen wir weiterhin Hausbesuche oder das „Walk and Talk“, bei dem man sich zum Spazierengehen trifft.

Hat die Anzahl der Beratungen während der Pandemie zugenommen?

Wir haben insgesamt nicht mehr Beratungen als vor Corona. Allerdings haben sich die Gespräche eben von vor Ort ans Telefon oder ins Internet verlagert. Wir sind wirklich froh um diese indirekten Möglichkeiten, auch, weil der direkte Kontakt ja immer ein Risiko für alle Beteiligten birgt.

Man könnte aber eher denken, dass die Krise psychische Probleme fördert.

Ja, es gibt durchaus Stellen, die einen größeren Zulauf verzeichnen, aber auch solche, die noch keine Auswirkungen spüren. Ich befürchte aber, die Welle kommt verzögert. Ich glaube, die Krise bewirkt eine gewisse Verstummtheit, die Leute ziehen sich mehr zurück, ihnen fehlt die Kraft für viele Dinge – auch, sich in eine Beratung zu begeben. Aber wenn das Leben irgendwann wieder losgeht, müssen diese Stimmungen trotzdem aufgearbeitet werden.

Ist Corona bei Ihren Beratungen auch Thema?

Ja, es kommt hinzu. Die Klienten sehen zwar ihre vorherigen Probleme im Vordergrund, aber Corona verstärkt diese oft noch. Weil die Krise ja viele schöne Dinge, wie das Singen im Chor oder die Kartelrunde mit Freunden, nicht mehr zulässt, erleben Klienten die negativen Dinge viel deutlicher. Die Lage spitzt sich zu.

Was bedeutet die Umstellung auf das Onlineangebot für die Berater?

Es ist auf jeden Fall anstrengender. Beim Schriftverkehr zum Beispiel weiß man oft nicht, mit wem man es überhaupt zu tun hat, manchmal erschließt sich nicht gleich, ob ein Mann oder eine Frau geschrieben hat oder wie alt mein Gegenüber ist. Zudem braucht es sehr viel Zeit. Am Telefon dachten wir oft, uns fällt der Arm ab, weil jetzt so viel mehr Menschen das Angebot nutzen. Da entstehen auch gerne mal Rückenschmerzen. Online fallen auch hin und wieder Sätze wie „Jetzt hab ich schon wieder das Internet gelöscht“ – es sind halt vor allem ganz normale Leute und keine Technikexperten, die zu uns kommen.


Welche Aufgaben kamen hinzu?

Es bedeutet viel mehr Vorbereitung. Gruppenveranstaltungen haben wir entsprechend modifiziert, größere Räume angemietet oder Gruppen geteilt. Die Kreistänze zum Beispiel wurden so angepasst, dass sie komplett kontaktlos stattfinden konnten. Für mich als Leiterin bedeutet es außerdem mehr Verwaltungsaufwand, ich bin viel damit beschäftigt, die immer wieder neuen Regelungen zu lesen und umzusetzen. Zum Glück wird das auch zentral von unseren Trägern, der Diakonie und der Caritas, vorbildlich geregelt.

Ist die Beratung per Video oder am Telefon ein vollwertiger Ersatz für die persönliche Beratung vor Ort?

Ein Ersatz ja, aber es ist nicht das gleiche. Es fehlt einfach die Begegnung, für Klienten und Berater gleichermaßen. Der Kontakt zu den Klienten ist entscheidend, um eine positive Atmosphäre aufzubauen – das ist am Telefon oder online schwieriger. Es fehlt die Mimik, die Körpersprache, Reaktionen, der Gesamteindruck – nicht umsonst heißt es, dass unsere gesprochenen Inhalte maximal zehn Prozent unserer Kommunikation ausmachen.

Wird das Onlineangebot auch in der Zeit nach der Krise bestehen bleiben?

Ja, denn es ist grundsätzlich gut, mehr Möglichkeiten zu haben. Nur ein Beispiel: Wenn jemand in Altdorf keinen kurzfristigen Beratungsplatz mehr bekommen hat, kann er theoretisch nach Hersbruck kommen – aber wie, wenn er kein Auto besitzt? Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist es sehr aufwendig und manche Leute sind zudem körperlich eingeschränkt. Da bietet sich die Beratung am Telefon oder online einfach an.

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