„Hersbruck inklusiv“

Gedankenaustausch rund ums Hersbrucker Rathaus

Abstand, Mund-Nasenschutz – und trotzdem ein ausgiebiger Gedankenaustausch? Bei der Aktion „Begegnung neu lernen“ von „Hersbruck inklusiv“ rund ums Rathaus gelang dies schon recht gut, auch wenn am Ende mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gefunden wurden. | Foto: Porta2020/08/DSC-0101.jpg

HERSBRUCK – Was hat die Corona-Pandemie und der zu ihrer Eindämmung verhängte Shutdown mit den Menschen gemacht? Hat die Ausnahmesituation sie in die Isolation getrieben? Und wie kann Kommunikation glücken, wenn Abstandsregeln und Maskenpflicht so alltägliche Gesten wie Händeschütteln, Umarmen oder ein freundliches Lächeln unmöglich machen? Die Aktiven des Projekts „Hersbruck inklusiv“ haben nach Antworten gesucht.

Die Steuerungsgruppe des Projekts, in dem seit gut vier Jahren Caritas, verschiedenste Sozialträger und Organisationen wie Rummelsberger, Diakonie, Lebenshilfe oder „Zukunftswerkstatt“ mit Bürgern nach Rezepten und Ideen für ein möglichst gelungenes „Miteinander in Vielfalt“ suchen, hatte dazu rund ums Rathaus einige Stuhlkreise aufgebaut, um mit Passanten ins Gespräch zu kommen. Und so die von vielen als lähmend empfundene Isolation des Shutdowns aufzubrechen.

Das sei „echt toll“ gelungen, zog Sozialpädagogin Brigitte Bakalov von der Selbsthilfekoordinationsstelle Kiss Nürnberger Land ein positives Fazit der gut zwei Stunden. Bei allen, die sie ansprach, habe sie großen Redebedarf ausgemacht – und eine große Bereitschaft, auch intimste Details Preis zu geben. „Viele Menschen empfinden es offenbar als großen Mangel, häufig kein offenes Ohr für ihre Belange zu finden“, sagte sie.

Einfach nur „Spinner“ ?

Als schier unüberwindbares Hindernis erweisen sich mitunter extreme Positionen: So beklagten sich zwei Frauen, die sich selbst als Verschwörungstheoretiker und Impfgegner bezeichnen, deswegen in eine (ideologische) Ecke gestellt, gemieden oder einfach als „Spinner“abgestempelt zu werden – obwohl es in Demokratien doch die Möglichkeit geben müsse, anders zu denken.

Michael Groß, Geschäftsführer des Caritasverbands Nürnberger Land, legte seinen Fokus eher auf die Frage, wie seine Gesprächspartner den Shutdown verbracht haben und wie sehr dieser ihr Leben veränderte. „Gar nicht“, sagte ihm ein junger Mann, „ich habe jeden Tag meine Arbeitskollegen getroffen und sonst per WhatsApp Kontakt gehalten.“ Einzig die Vorgabe, auf dem Weg in die Arbeit im Zug Mund-Nasenschutz tragen zu müssen, habe ihn „genervt“.

Ähnlich empfindet seine jüngere Schwester, doch gestört hat sie, dass sie nicht mehr in die Schule gehen konnte – und deshalb ihre Freundinnen schmerzlich vermisste, das Reden mit ihnen, das Sich-Sehen und ganz besonders die Umarmungen. „Das kann ein Anruf oder eine Nachricht auf WhatsApp einfach nicht ersetzen“, sagt sie, ebenso wenig wie das monatelang ausgefallene Fußballtraining. „Leben ohne Corona ist besser“, sagt sie trocken.

Weil das Virus aber nun einmal da sei, „müssen wir eine neue Form finden, miteinander in Kontakt zu kommen“, wirft ein Herr im Rollstuhl ein, „gerade wir als soziale Wesen brauchen das unbedingt.“ Das gilt umso mehr für schutzbedürftige oder gehandicapte Menschen, die in Senioren- und Pflegeheimen, gemeinschaftlichen Wohnformen, oder sogenannten „Einrichtungen zur Eingliederungshilfe mit Tag- und Nacht-Versorgung“ (früher schlicht als „Heime“ bezeichnet) unter besonders strikten Corona-Regelungen litten und immer noch leiden. „Für sie ist die Situation sehr übel“, sagt Michael Groß, werde von vielen als Gefängnis beschrieben. Bei Telefonaten mit Heimträgern aus anderen Kreisen habe er immer wieder gehört, dass Bewohner teils nicht einmal mehr ihr Zimmer verlassen durften, um nur ja keinen Infektionsausbruch zu riskieren.

Wer soll entscheiden?

Das werfe teils grundlegende ethische Fragen auf, so Groß: „Dürfen wir zum Schutz der Vielen den Einzelnen isolieren?“ Was zum Beispiel soll einem alten Vater gesagt werden, wenn er seine Tochter sehen will – und dabei ganz bewusst auch das Risiko in Kauf nimmt, sich bei ihrem Besuch anzustecken? Darf sich die Gesellschaft da zum „Herrn über Leben und Tod machen“ oder sei sie nicht eher in der Pflicht, auch für solche extremen Fälle neue Begegnungsformen zu finden?

Das hänge auch vom Pflegepersonal ab, das dabei ja ebenfalls ein gewisses Infektionsrisiko eingehe, von den anderen Bewohnern ganz zu schweigen, gibt eine ältere Dame zu bedenken. Werde es von ihnen aber getragen, müsse auch eine andere Form der Begegnung gefunden werden. Wie die freilich aussehen kann, blieb an diesem Nachmittag offen – allerdings mit dem unausgesprochenen Auftrag an uns alle, intensiv über die „neue“ Kommunikation in Zeiten von Abstandsregeln und Maskenpflicht nachzudenken. „Sonst“, sagt Michael Groß, „sind alle Bemühungen um Inklusion am Ende.“

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren