30 Minuten mit der HZ

Eine Afrikanerin in Hersbruck

Leah Kavuli kommt aus Nairobi und arbeitet für ein Jahr im evangelischen Haus für Kinder in Hersbruck. | Foto: K. Bub2019/08/DSC_0830.jpeg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Endlich Ferien. Endlich Zeit für sich selbst, für die Familie, für Freunde. Auch wir in der HZ-Redaktion nehmen uns jetzt immer mal wieder eine kleine Auszeit und tun das, was wir am liebsten machen: mit Leuten ins Gespräch kommen und uns ihre Geschichte erzählen lassen. Heute: 30 Minuten mit Leah Kavuli aus Nairobi, die nun für ein Jahr in Hersbruck ist.

Sie sind seit 12. Juli in Deutschland. Was sind Ihre ersten Eindrücke von dem Land?

Leah Kavuli: Ich war erstaunt, wie sehr sich die Menschen hier an Verkehrsregeln halten. Das ist in Kenia ganz und gar nicht so. Überhaupt ist hier in Deutschland alles sehr sauber und grün. Viele alltägliche Dinge sehen bei uns auch einfach anders aus. Die Dusche bei meiner Gastfamilie habe ich zum Beispiel erst für einen Aufzug gehalten.

Wenn alles klappt, arbeiten Sie jetzt ein Jahr lang im evangelischen Haus für Kinder. Wie war Ihr erster Arbeitstag?

Die Kinder hier sind sehr freundlich. Man sieht richtig, wenn sie sich geärgert haben, wie sie versuchen, mit ihren negativen Gefühlen anders klar zu kommen statt einfach ihr Gegenüber zu schlagen. Das ist mir aufgefallen. Und die Kinder hier haben sehr viele Spielsachen.

Wollen Sie von Ihrer Kindheit erzählen?

Ich bin in einem Slum in Nairobi aufgewachsen. Mein Vater hat gestohlen, um die Familie durchzubringen. Eines Tages wurde er von der Polizei erschossen. Das zumindest hat mir meine große Schwester erzählt. Als kleines Mädchen hab‘ ich in einem Autoreifen geschlafen. Ein richtiges Zuhause hatten wir nicht. Meine Mutter hat mich 2000 ins Pangani-Haus gebracht. Sie starb 2004. Ich habe noch drei Schwestern und vier Brüder. Aber ich bin die einzige, die ins Pangani Lutheran Children Centre kam.

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Und wie ist es Ihnen dort ergangen?

Ich werde nie vergessen, was das PLCC für mich getan hat. Ich bin die einzige in meiner Familie, die eine Schulbildung erhalten hat und eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Nach meiner Rückkehr nach Kenia will ich weiter für das PLCC arbeiten und den Mädchen dort zeigen, dass man etwas aus sich machen kann,

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Geschwistern?

Ja. Ich unterstütze sie so gut es geht finanziell. Meine Geschwister haben keine Schulbildung, also haben sie auch keine Aussicht auf einen guten Job. Ich bete immer zu Gott, dass ich nicht krank werde. Sonst bräuchte ich meinen Lohn selbst für Medikamente und könnte meine Familie nicht mehr unterstützen.

Was wünschen Sie sich für Ihr Jahr in Deutschland?

Ich will unbedingt schwimmen lernen. Und ich will lernen, wie hier die Kinder erzogen werden. Bei uns ist Erziehung immer noch sehr autoritär. Außerdem kann ich es kaum erwarten, den ersten Schnee zu sehen.

Fladen und Pizza

Was ist Ihre Lieblingsspeise?

In Kenia chapati (eine Art Fladenbrot, Anmerkung der Red.). Und in Deutschland Pizza.

Wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurückschauen, würden Sie sich glücklich nennen?

Ich bin glücklich, weil ich als kleines Mädchen im PLCC gelandet bin, dem ich es zu verdanken habe, dass ich jetzt so leben kann wie ich lebe. Aber ich bin auch traurig, weil meine Geschwister dieses Glück nicht hatten. Ich wünsche mir sehr, dass ich es ihnen eines Tages ermöglichen kann, vielleicht ein kleines Geschäft aufzumachen, in dem sie Tomaten und Gemüse verkaufen können. Dann können auch sie auf eigenen Beinen stehen.

N-Land Katja Bub
Katja Bub