Schul- und Kita-Schließung

Eltern am Ende ihrer Kräfte

Bis der Unterricht in den Grundschulen wieder zur Normalität zurückk ehrt, werden laut Regierung noch Monate vergehen. | Foto: PZ-Archiv2020/04/kunigundenschule-klassenzimmer-grundschule1.jpg

NÜRNBERGER LAND — Was gestresste Eltern befürchtet hatten, ist eingetroffen. Wie in ganz Bayern bleiben auch im Nürnberger Land Kitas und Kindergärten laut Ministerpräsident Markus Söder geschlossen. Der Schulbetrieb dagegen wird schrittweise wieder aufgenommen, zunächst ab dem 27. April für die Schüler in den Abschlussklassen. Ab dem 11. Mai beginnt voraussichtlich für die Schüler, die ein Jahr vor ihrem Abschluss stehen, der Unterricht.

Bei Margit Alfes, Beauftragter des Bayerischen Elternverbands (BEV) für den Bezirk Mittelfranken und den Kreis Nürnberger Land, läuft jeden Tag das Telefon heiß. „Viele Eltern wissen nicht mehr weiter. Bei mir rufen vor allem besorgte Mütter und Väter an, die sich Hilfe wünschen, weil sie von der Situation, gleichzeitig im Home-Office zu arbeiten und ihre kleinen Kinder zu beschäftigen, überfordert sind. Außerdem ist es eine Belastung für die Eltern, trotzdem weiter Kita-Gebühren zahlen zu müssen“, sagt Alfes. Genau wie die Bayern-SPD und die Arbeiterwohlfahrt fordert sie die Erstattung der Gebühren durch den Freistaat, solange die Kitas geschlossen bleiben.

Noch streiten sich die Virologen, welche Rolle coronainfizierte Kinder, die nur sehr selten Symptome zeigen, bei der Verbreitung des Viruses spielen. Weil das nicht geklärt ist, bleiben in Schweden und Island Schulen und Kitas weiter geöffnet. „Bayern geht offensichtlich den sichersten Weg. Die Situation ist allerdings undurchsichtig, auch weil die Wissenschaft noch nicht viel über das Virus weiß“, sagt Alfes.

Corona zeigt die Ungleichheit

Die Corona-Krise macht laut Alfes die soziale Ungleichheit in Deutschland deutlich. „Schüler, die daheim keinen Drucker oder Laptop haben, oder deren Familie nur über ein begrenztes Datenvolumen verfügen, haben in Zeiten des digitalen Unterrichts keine Chance, mit den besser gestellten mitzuhalten“, sagt Alfes. Der BEV fordert die Regierung dazu auf, dieses Problem zu lösen, zum Beispiel, indem die Schulen ihre Endgeräte ausleihen.

Um Eltern, die besonders unter der aktuellen Situation leiden, wie zum Beispiel Alleinerziehende, zu entlasten, kündigte Familienministerin Carolina Trautner am Donnerstag an, die sogenannten Notbetreuung auszubauen. Laut Trautner sollen in Kürze auch Kinder von Alleinerziehenden oder Paaren, von denen nur einer in einem „systemrelevanten“ Beruf arbeitet, notbetreut werden. „Es wird sich zeigen, wie schnell das organisiert wird und ob dafür genug Kapazitäten bereitstehen“, sagt Alfes.

In seiner Ansprache am Donnerstag betonte Kultusminister Michael Piazolo, dass die Gesundheit von Schülern, Lehrer und Erzieher Priorität habe. Deswegen werde die Lockerung in kleinen Schritten erfolgen und mit zahlreichen Hygienemaßnahmen verbunden sein. In Klassen, in denen der Unterricht stattfindet sollen höchstens 15 Schüler unterrichtet werden, die in 1,5 Meter Abstand sitzen. Die Pause findet im Klassenzimmer statt, die, genau wie die Toiletten, mehrmals am Tag desinfiziert werden sollen. Vor allem auf ihrem Weg zur Schule sollen die Schüler Masken tragen. Insgesamt, so Piazolo, erhalte er von den Schulen positive Rückmeldungen, was das Home-Schooling betrifft.

„Es ist ein Chaos“

Dieser Einschätzung kann sich Andrea Nüßlein, Vorsitzende des Landeselternverbands der Bayerischen Realschulen (LEV-RS), nicht anschließen. „Es ist ein Chaos. Durch die Krise zeigt sich, welche Schulen in der digitalen Entwicklung mitgegangen sind und welche Lehrer sich auskennen. Das Ergebnis sind große Unterschiede unter den Schulen und den einzelnen Klassen eines Jahrgangs. Wenn wir einigermaßen zur Normalität zurückkehren, werden die Schüler nicht auf dem gleichen Stand sein“, sagt Nüßlein. Es sei ein Problem, dass Schulen und Lehrer die unterschiedlichsten Programme für die Materialsendung nutzen. „Der Unterricht zu Hause muss strukturierter werden, zum Beispiel durch Wochenpläne und Eltern sollten nicht die Aushilfslehrer sein“, sagt Nüßlein. Insbesondere nach Corona sei es am Kultusministerium, die Schwachstellen, die die Krise sichtbar gemacht hat, zu lösen.

Auch die Kinder leiden

Bis es so weit ist und Schulen und Kindergärten wieder normal öffnen, muss beispielsweise Sebastian Müller (Name geändert), Vater von zwei Buben im Alter von sechs und drei Jahren, selbst Lösungen finden. Sowohl der 37-jährige Röthenbacher als auch seine Frau sind berufstätig und meistern die Situation, indem sie zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten – und weil ihre Arbeitgeber Nachsicht zeigen.

Normalerweise besuchen beide Söhne eine Kindertagesstätte und an drei von sieben Wochentagen übernehmen die Großeltern die Nachmittagsbetreuung. „Ich hatte gehofft, dass auch die Kitas ab Mitte Mai wieder aufmachen. Vor allem mein älterer Sohn leidet darunter, dass er seine Freunde nicht sehen kann und nicht einmal auf den Spielplatz darf“, sagt Müller.

Was der Betreuungsstopp für alleinerziehende Eltern in einer kleinen Wohnung bedeutet, mag er sich gar nicht vorstellen. „Seien wir ehrlich, diese Eltern bringen ihre Kinder weiter zur Oma, sonst verlieren sie ihren Job. Die Regierung redet den ganzen Tag von der Soforthilfe für Firmen. Es wird Zeit, auch den Eltern zu helfen. Eine nötige Maßnahme wäre zum Beispiel der Erlass der Kita-Gebühren„, sagt Müller.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren