Der Leiter des Gesundheitsamts im Corona-Interview

„Die erste Welle ist vorbei“

Martina Müller und Tobias Haas gehören zum „Contact-Tracing-Team“. Ihr Job ist es, Infizierte und Kontaktpersonen zu informieren und zu überwachen. | Foto: Bitzigeio/Landratsamt2020/05/contact-tracing-team-1-scaled.jpg

NÜRNBERGER LAND – Im Landkreis gibt es nur noch wenige Neuinfektionen. Der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamts im Nürnberger Land mahnt dennoch zur Vorsicht.

Hanspeter Kubin und seine Mitarbeiter im Gesundheitsamt hatten in den vergangenen Wochen alle Hände voll zu tun. Doch jetzt gibt es nur noch wenige neue Corona-Infektionen täglich. Ist also Aufatmen angesagt?

In den vergangenen Tagen sind nur wenige neue Infektionen hinzugekommen – am Montag sogar gar keine. Haben wir also „Corona“ überstanden?

Man kann an der Kurve gut ablesen, dass hier im Landkreis und in ganz Deutschland zumindest die erste Welle vorbei ist. Jetzt sind wir aber in einer spannenden Phase, weil wir abwarten müssen, ob eine zweite Welle kommt und wenn ja, in welchem Ausmaß.

Ich persönlich rechne aber nicht damit, dass die zweite Welle – falls sie kommt – genauso groß ausfallen wird wie die erste. Vorher hatten wir 50 Neuerkrankungen pro Tag. Jetzt sind wir bei zwei bis drei.

Weg zum normalen Arbeitsalltag

Sie haben in den vergangenen Wochen wahrscheinlich viele Überstunden aufgebaut. Jetzt sind die Infektionszahlen gesunken. Wirkt sich das auf Ihr Arbeitspensum aus?

Wir konzentrieren uns langsam wieder auf andere Aufgaben. Wir würden zum Beispiel gerne wieder die Schuleingangsuntersuchungen aufnehmen. Natürlich zeitlich gestreckt und mit Termin. Auch den Wartebereich werden wir umgestalten.

Laufkundschaft wird es bei uns in den nächsten zwei Monaten nicht geben. Auch den mündlichen Teil der Lebensmittelbelehrung können wir im Moment nicht durchführen. Wir sind vom Normalbetrieb noch weit weg, aber wir sind nicht mehr in der Phase der Reaktion.

Im Podcast

Hilfreiche Aushilfen

Das Ziel bleibt, Infektionsketten zurückzuverfolgen und zu unterbrechen. Dafür sollte das Personal in den Landrats- und Gesundheitsämtern aufgestockt werden. Wie sieht es da bei Ihnen aus?

Unser Aushilfspersonal ist aufgestockt worden. Auf einen Aufruf in der Zeitung hin haben sich zum Beispiel zwei Lehrer gemeldet und auch ärztliches Personal, das die Teststrecke in Hersbruck unterstützt.

Den Großteil übernimmt aber das „Contact-Tracing-Team“. Uns stehen acht Teams mit jeweils fünf Personen zur Verfügung. Bisher haben wir aber nur vier Teams, also 20 Helfer abgerufen, da wir sie ja auch erst schrittweise einlernen mussten. Das sind überwiegend Beamtenanwärter aus unterschiedlichen Bereichen. Sie helfen uns unheimlich.

Und die Teams kommen mit dem Arbeitsaufwand zurecht?

Die Zahl der Kontaktpersonen geht ja auch mit der Zahl der Fälle zurück. Mitte April hatten wir zum Beispiel 500 Fälle, aber über 700 Kontaktpersonen 1, also Menschen, die direkten Kontakt mit einer infizierten Person hatten.

Jetzt sind wir bei rund 620 Fällen aber nur noch bei 120 Kontaktpersonen, die wir überwachen und informieren müssen. Wir haben jetzt erreicht, dass die Seuche nicht uns im Griff hat, sondern umgekehrt. Man darf nicht hochmütig werden, aber wir gehen nicht unter.

Digitale Überwachung sinnvoll?

Es sind auch Apps zur Überwachung von Infektionsketten geplant. Macht das Sinn?

Eine Tracing-App ist momentan in der Testphase. Sie können uns helfen, aber sie kommen für die erste Welle zu spät, denn die ist ja vorbei.

Dennoch ist es gut, dass solche Apps entwickelt werden. Sie sind sicher zukunftsweisend, denn in einigen Jahren kommen bestimmt noch andere Viren auf uns zu. Für kleinere Ortschaften braucht man sie aber eher nicht, da ist das „Contact-Tracing- Team“ hilfreicher.

Der Besuch im Biergarten

Jetzt werden die Maßnahmen gelockert, die Biergärten und Restaurants öffnen wieder. Kann das nicht gefährlich sein?

Es kann sehr wohl sofort wieder eine zweite Welle geben, nicht erst im Herbst. Das sieht man ja in anderen Ländern wie Russland oder den USA. Uns schützt im Moment ein bisschen das Wetter.

Es ist trocken und warm, aber Biergärten machen es uns dann schon schwerer, wenn man sich zum Beispiel gegenüber sitzt. So ein Biertisch ist ja nur geschätzt 70 Zentimeter breit und so geringer Abstand ist ein gefundenes Fressen für das Virus.

Lieber kein Biergartenbesuch?

Jeder sollte sich mehr auf die Selbstwahrnehmung konzentrieren und sich vorher fragen: „Bin ich gesund oder krank?“ Das kann man lernen. Man muss einfach auf kleine Veränderungen achten. Außerdem ist jetzt die Schwelle für die Abstriche gesenkt worden, das heißt, jeder der Symptome hat – Fieber, Gliederziehen –, kann sich auch beim Hausarzt auf Covid-19 testen lassen.

Teststrecke Hersbruck

Im ehemaligen Hersbrucker Krankenhaus wurde ja extra eine Teststrecke eingeführt. Ist die im Augenblick noch in Betrieb?

Ja und wir testen dort relativ viel. Bisher haben wir in Hersbruck insgesamt 624 Tests durchgeführt. 61 davon sind positiv ausgefallen, also rund zehn Prozent.

Aber wir testen ja auch nur Kontaktpersonen, die asymptomatisch sind, also beschwerdefrei. Nachmittags werden vom Kassenärztlichen Kreisverband Menschen mit Beschwerden getestet. Hier liegt die Positivrate höher.

Dr. Martin Seitz aus Heuchling ist seit ein paar Wochen als Versorgungsarzt im Landkreis für die Koordination der kassenärztlichen Aufgaben verantwortlich. Überschneiden sich Ihre Aufgaben nicht?

Nein, das tun sie nicht. Ich würde sagen, wir ergänzen uns. Für Menschen mit Symptomen ist der Hausarzt zuständig und Kontaktpersonen ohne Symptome werden von uns getestet.

Die Probleme mit der Maske

Sie sind Facharzt für Lungenheilkunde. Denken Sie, dass Ihnen das beim Thema Coronavirus einen Vorteil verschafft?

Ich glaube schon. Deswegen quält mich auch das Thema Mund-Nasen- Schutz. Wenn ich im Fernsehen sehe, dass jemand bei einem Interview eine Maske trägt und sich dabei fünfmal ins Gesicht fasst …

Viele Menschen haben ihre Maske in der Hosentasche und da sind ja dann Viren an Außen- und Innenseite. Für mich als Lungenarzt ist das zwar gut gemeint, aber dann muss man es auch wirklich gut machen.

Ich setze meine Maske beim Einkaufen zum Beispiel einmal auf, auch wenn ich in mehrere Läden gehe, und setze sie erst ab, wenn ich fertig bin. Und vorher und nachher: Hände desinfizieren!

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N-Land Rebecca Haase
Rebecca Haase