Sinkende Corona-Zahlen: Leiter des Gesundheitsamts im Interview

„Jetzt kommt es auf einen langen Atem an“

Abstand halten: eine Regel im Umgang mit der Pandemie, die wohl noch länger gelten wird. | Foto: Regara/Getty Images2020/06/GettyImages-12143491811-scaled.jpg

NÜRNBERGER LAND – Erneut sind im Nürnberger Land gestern keine neuen Covid-19-Fälle hinzugekommen. In den vergangenen zwei Wochen wurden nur zwei Menschen positiv getestet. Die Zahlen sinken in ganz Bayern. Warum man dennoch vorsichtig sein sollte, erklärt Dr. Hanspeter Kubin, Lungenfacharzt und Leiter des Gesundheitsamts, im Interview.

Vielen Dank, dass Sie sich wieder Zeit für ein Gespräch genommen haben.

Die Fallzahlen sind zwar zurückgegangen, aber ich muss trotzdem noch sehr mit meiner Zeit geizen. Viele Menschen haben mittlerweile kein Verständnis mehr für die Maßnahmen. Das merke ich zum Beispiel an den Anträgen auf Ausnahmegenehmigungen, die wir bearbeiten. Manche versuchen, die Infektionsschutzverordnung zu umgehen, andere fragen gar nicht erst nach.

Aber es gibt doch weder im Landkreis, noch in ganz Bayern momentan viele Corona-Infektionen. Das ist doch gut.

Die erste Welle ist vorbei. Das können wir festhalten und das ist gut so. Aber das Virus zirkuliert weiterhin und wenn ich dann an manche religiösen Gruppen oder Großfamilien denke, die einfach nicht verstehen, wie schnell sich das Virus wieder ausbreitet… Wenn Sie am Ende mal die Schulen in Lauf oder Hersbruck wieder schließen lassen müssen, weil einige sich nicht an die Regeln halten wollen. Man sollte wirklich alles dafür tun, dass so etwas nicht wieder auftritt. Da werde ich sehr emotional bei diesem Thema.

Also sind die weiterhin geltenden Maßnahmen trotz sinkender Fallzahlen gerechtfertigt?

Meiner Meinung nach haben wir die Infektion so gut überstanden, weil wir eben solche Restriktionen hatten. Lockerungen stehe ich nicht negativ gegenüber, aber was ich schlimm finde, ist dass viele Menschen denken, es sei vorbei. Es ist weiterhin wichtig, dass wir mit der Situation vernünftig und verantwortungsvoll umgehen. Ich weiß, ich rede schon wie die hohe Politik, aber ich denke, vor allem in Geschäften, im Nahverkehr und im Umgang mit anderen Personen werden wir die Beschränkungen noch länger haben.

Ich persönlich finde es schon komisch, wenn ich mir beim Besuch im Biergarten eine Maske aufsetzen muss.

Die Einschränkungen sind für mich genauso lästig wie für jeden anderen auch, aber für mich ist es vielleicht leichter, weil ich weiß, was passieren kann. Täglich gibt es nach wie vor 100 000 Neuinfektionen, nur eben nicht in Europa. Aber eine Maskenpflicht bis Oktober fände ich unangemessen. Gerade im Sommer sind die Masken unangenehm zu tragen. Ich frage mich, ob wirklich viel passieren würde, wenn wir darauf verzichten. Denn nicht erst die Einführung der Maskenpflicht hat zu einer Reduzierung der Fallzahlen geführt. Das Versammlungsverbot und die Einschränkung der sozialen Kontakte sind da genauso wichtig.

Momentan wird auch über die Öffnung der Freibäder diskutiert. Sehen Sie da ein großes Ansteckungsrisiko?

Wenn man sich einen Freibadbetrieb wie im vergangenen Jahr vorstellt, kann die Antwort nur ein Ja sein. Aber jetzt wurden Maßnahmen getroffen und es überrascht mich, mit welcher Sorgfalt die Bäder ihre Hygienekonzepte ausgearbeitet haben.

Hanspeter Kubin, Leiter des Gesundheitsamts im Nürnberger Land | Foto: Archiv2020/04/peter-kubin-landratsamt-gesundheitsamt.jpg

In dieser Woche gab es nach zwölf Tagen plötzlich wieder zwei Neuinfektionen. Hat sich da jemand nicht an die Quarantäne­regeln gehalten?

Die meisten Menschen, die unter Quarantäne stehen, zeigen Verständnis. Ich rufe sogar manchmal selbst an, um Motivation zu geben, die 14 Tage durchzustehen. Bei den beiden neuen Fällen weiß man nicht, wo sie sich mit dem Coronavirus angesteckt haben. Sie waren wegen anderen Erkrankungen im Krankenhaus und dort wurde die Infektion im Rahmen der Tests festgestellt.

Bei so wenigen Infektionen, trifft sich da der Krisenstab noch?

Er trifft sich, allerdings nicht mehr jeden Tag. Wir haben einen Rufdienst und könnten innerhalb von einer Stunde zusammentreten. Jetzt kommt es aber auf einen langen Atem an. Ich könnte mir vorstellen, dass die Infektionszahlen über den Sommer so bleiben, aber mit dem Start in die Grippesaison könnte es wieder schwieriger werden.

Sie haben schon gesagt, Sie kümmern sich mehr um Ausnahmegenehmigungen und sprachen vom fehlenden Verständnis für die Maßnahmen. Hat sich in den vergangenen Wochen noch etwas geändert?

Ja, es ist nicht mehr so, dass die Menschen medizinische Fragen haben, sondern eher indirekte Fragen stellen: Wann kann ich wieder ein normales Leben führen und eine normale Freizeit verbringen? Und dann kommt oft der Vergleich, dass im Straßenverkehr mehr Menschen sterben als an Corona. Aber das hilft demjenigen, der mit Covid-19 auf der Intensivstation liegt, nicht.

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