Bürgermeisterkandidaten auf dem Podium

Alle wollen Inklusion

Angelika Feisthammel (links), Behindertenbeauftragte des Landkreises, und Dr. Günter Breitenbach (rechts) führen durch die Diskussion mit den vier Kandidaten (von links): Thomas Dietz, Thomas Kramer, Hans-Dieter Pletz und Martin Tabor. | Foto: Christian Geist2020/01/Altdorf-Podiumsdiskussion-Buergermeister-Betsaal-2-scaled.jpg

ALTDORF – Im Betsaal erläutern die vier Altdorfer Bürgermeisterkandidaten, wie sie Menschen mit
Behinderung mehr Teilhabe ermöglichen wollen – und sind in vielen Bereichen einer Meinung.

Es ist wohl die einzige Gelegenheit des Wahlkampfes, alle vier Bürgermeisterkandidaten auf einer Bühne zu erleben.  Mit ein paar Zahlen verdeutlicht Behindertenbeauftragter Ullrich Reuter zu Beginn der Podiumsdiskussion die Relevanz des Themas für die Stadt. Von Ende 2016 bis Ende 2019 hat sich die Zahl der Menschen mit Behinderung in Altdorf um knapp ein Viertel erhöht (jetzt: 2579). Damit gelten 16,6 Prozent der Altdorfer als schwerbehindert (Bundesdurchschnitt: 9,4 Prozent). Und knapp die Hälfte dieser Menschen ist älter als 65 Jahre – Tendenz steigend. 

Wohnraum dringend gesucht

Der weitere Abend gliedert sich in mehrere Themenblöcke, den Anfang macht der Mangel an bezahlbarem und rollstuhlgerechtem Wohnraum im Stadtgebiet. Dass rollstuhlgerecht kein Synonym für barrierefrei ist, erläutert eine Zuhörerin aus dem Publikum. 
Bürgermeisterkandidat Thomas Kramer (CSU) verweist auf das Wohnprojekt der Lebenshilfe. „Zwei Versuche sind gescheitert. Jetzt wird ein dritter unternommen und ich hoffe, dass es funktioniert.“ Ferner plädiert er für Bauen, Nachverdichten und Häuser, die größer sind als klassische Ein- und Zweifamilienhäuser.

Da setzt Martin Tabor (SPD) an und nennt das Wohngebiet Altdorf-Nord. „Dort haben wir uns einen viel höheren Anteil an Mehrfamilienhäusern gewünscht, das wurde von den beiden Herren zu meiner Rechten leider verhindert“, sagt Tabor an Kramer und Thomas Dietz (FW/UNA) gerichtet. Unisono fordern Tabor, Dietz und Hans-Dieter Pletz (Grüne) indes eine Wohnungsbau-Gesellschaft. Außerdem sieht Dietz den Bürgermeister als „Netzwerk- und Kontaktmanager“, der private Eigentümer animiert, rollstuhlgerechten Wohnraum zu schaffen.

Behinderte Menschen im öffentlichen Raum

Warum sind Fußgänger, Auto-, Rad- und Rollstuhlfahrer in Altdorf nicht gleichberechtigt unterwegs? Diese Frage leitet das Thema Barrierefreiheit im öffentlichen Raum ein. Und ein Zuhörer beantwortet die Frage schlicht damit, dass Autos 20 Stundenkilometer fahren dürfen. Das verhindere jede Gleichberechtigung. Ähnlich sieht dies Grünen-Kandidat Pletz. „Ich möchte nicht im Rollstuhl sitzen und am Marktplatz die Straße überqueren müssen“, sagt er und wünscht sich beispielsweise farblich gekennzeichnete Übergangsbereiche oder das Verteilen von Handzetteln, die Autofahrer schon an den Stadttoren an die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer erinnern. Parallel möchte er mit einem Verkehrskonzept den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt heraushalten.  Da die Grünen im Wahlkampf für einen autofreien Marktplatz werben, erinnert Tabor an die rechtliche Situation: „Den Marktplatz umbauen zu wollen, ist reines Wahlkampfgeplänkel. Wir müssen ihn 20 Jahre so belassen, daran sind die Fördermittel gebunden.“ Bis 2029, konkretisiert Dietz. 

„Laufender Prozess“

Als Anwohner betrachtet Kramer die Gestaltung des Marktplatzes als laufenden Prozess. „Wenn jemand ausparken will, hält man als Autofahrer an. Genauso müssen wir anhalten, wenn ein Rollstuhlfahrer, ein Rentner oder eine Frau mit Kinderwagen die Straße überqueren will. Das kostet zehn Sekunden!
Warum mehrere Straßen im Stadtgebiet nicht barrierefrei gestaltet sind, soll das Podium seinen Gästen als nächstes beantworten. „Wir dürfen nicht und der Landkreis macht es nicht“, fasst Tabor die Situation an der Prackenfelser Straße zusammen.

„Die Leute mitnehmen“

„Ich setze hier auf einen Bürgermeister, der kommunikativ besser in der Lage ist, Leute mitzunehmen“, meint Pletz. Und Thomas Dietz erläutert, dass für die Verbindung zwischen Unterem Tor und Kreisverkehr sowie den Bau einer behindertengerechten Toilette an der Dr.-Franz-Becker-Straße bereits Geld im 2019er Haushalt eingeplant war.  Zum Thema Toilette berichtet Tabor von einem Inklusionsprojekt mit der walisischen Stadt Cardiff. Dort werde einem Gastwirt gar keine Genehmigung mehr erteilt, wenn er keine behindertengerechten Sanitäranlagen vorweisen kann.

Behindertenbeuaftragter Reuter äußerte Kritik an der bisherigen Arbeitsweise des Stadtrats. „Ich lese von Plänen oft erst aus der Zeitung und werde dann gerufen, um ein Gutachten zu schreiben, damit die Fördermittel vom Bezirk fließen.“ An den Entscheidungen beteiligt werde er jedoch zu selten.
Zum Ende des Abends spricht Moderator Dr. Günter Breitenbach von einem „weitgehenden, parteiübergreifenden Konsens“ auf dem Podium und resümiert: „Wenn Sie das in den kommenden Jahren durchhalten, ist am meisten gewonnen.“

Info: Für den Abend haben der Arbeitskreis „Mobil mit Handicap“, die Rummelsberger Diakonie, die Behindertenbeauftragten sowie Bewohner des Wichernhauses sogenannte Wahlprüfsteine erarbeitet. Fragen und die entsprechenden Antworten der Kandidaten gibt es im Internet unter www.rummelsberger-diakonie.de/wahl-altdorf

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren