Die pädagogischen Konzepte von Ursula Muhr kommen gut an

Vorgelesen wird hier nur ganz wenig

Hier wird gerade ein Hexenbüchlein aufgedröselt. Schreib-Pädagogin Ursula Muhr hat zahlreiche Ideen, wie mit Kindern Texte erarbeitet, Geschichten geschrieben und Bücher gestaltet werden können. Foto: Spandler2015/06/ursulamuhrzuhause_New_1434719702.jpg

ALTDORF – Als Ursula Muhr vor einigen Tagen mit einer Lesung ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum feierte, stand sie vor einem beachtlichen Büchertisch in der Buchhandliung Lilliput mit eigenen Veröffentlichungen. Da mag man kaum glauben, dass das unabhängige Schreiben eigener Texte nach eigenen Ideen heute nur noch geschätzte fünf Prozent ihrer literarischen Tätigkeit ausmacht. Wo aber stecken die anderen 95 Prozent?

1992 nahm sie einen Auftrag des Pestalozzi-Verlags an, kurze Texte zu Bilderbüchern zu machen. Dies war ihr Einstieg in die Kinderliteratur, dem bald die Textarbeit mit Schülerinnen und Schülern folgte. Eigentlich eine Aufgabe, die in den Schulen und Bibliotheken geleistet werden sollte, mit der viele Lehrer aber aus den bekannten Gründen überfordert sind. Zudem sind sie zwar Pädagogen, aber eben keine Autoren. Eine Schriftstellerin, die das Geschäft aus der Praxis kennt und mit Kindern umgehen kann, ist da eine ungeheure Bereicherung. So erfahren es jedenfalls die Lehrer, die sich auf die unterschiedlichen Angebote von Muhr einlassen. Und die sind äußerst vielfältig, abhängig vom Alter, der Vorstellung der Lehrkraft, dem Zeitrahmen und der finanziellen Ausstattung. Genau hierfür wendet sie die fehlenden 95 Prozent auf. Und zwar mit immer noch steigender Begeisterung. Krimis, Mundartliteratur, Satiren und Gedichte für Erwachsene macht sie gern, aber eher nebenbei.

Als sie merkte, wie gut ihr auch Kindergeschichten liegen, verlegte sie sich zunächst auf konventionelle Lesungen in Schulen, stellte aber bald fest, dass der Frontalvortrag sie und die Kinder nicht genügend forderte. Im Laufe der Zeit entwickelte sie daher ein immer stärker interaktiv ausgerichtetes Konzept, bei dem der Part der Zuhörer aktiver, aber auch anstrengender und letztendlich konstruktiver und produktiver wurde. Aus der Vorlesestunde wurden Textarbeitseinheiten, es entstanden Workshops für Gedichte, zum Beispiel der beliebten kleinen Elfchen-Form, kleine Romane, Story-Mailing-Projekte, Hexenbüchlein und mehr. Wichtigstes Prinzip bei der Arbeit mit den Schülern: Ihnen soll nichts vorgesetzt, sie sollen in den Schreibprozess mit hinein genommen werden, die Autorin greift nur fragend, beratend, lenkend ein und sorgt für eine Umgebung, die die Kreativität stimuliert. Und immer wieder gerät sie selbst ins Staunen, wenn sie am Ende wahrnimmt, wozu etwa schon Zehnjährige im Stande sind. Ihr anfängliches didaktisches Defizit hat sie längst ausgeglichen: „Ich habe gelernt, auf Fragen richtig einzugehen, Antworten ganz anders zu bewerten.“ Ihr Angebot, das auf verschiedenen Internet-Portalen eingesehen werden kann, hat sich im Lauf der Jahre immer mehr erweitert.

Praktische Beispiele

Und wie läuft so eine Schreibwerkstatt in der Praxis ab? Bei der Gemeinschaftsarbeit an einem Elfchen, einem Gedicht, das aus elf nach einem strengen Bauplan angeordneten Wörtern besteht, wird zunächst das Thema eingekreist, dann werden passende Wörter gesammelt, bis ein erstes Elfchen entsteht und dann wird daran gefeilt, bis es allen Kindern gefällt. Beim Story-Mailing schreibt eine Klasse im Ping-Pong-Verfahren via E-Mail zusammen mit der Autorin eine Geschichte, sie immer Stück für Stück ergänzend und dann wieder dem anderen überlassend. Das Spannende daran: Man weiß bis zuletzt nicht, wie sie ausgeht.

Richtige Schwerarbeit für sie und die Kinder ist das Thema Lyrik. Gerade hier hat sie schon ganz große Überraschungen erlebt, etwa als eine vierte Klasse (ihre Lieblingsjahrgangsstufe) in Heuchling unbedingt ein Gedicht in ihrer Klassenzeitung zum schwierigen Thema „Schreiben“ mit ihr erstellen wollte. Sie ließ sich darauf ein und nach eineinhalb Stunden, in denen die Köpfe rauchten, las sie voller Begeisterung:

Würfelzauber

Wir spielen ein Spiel

Wir würfeln mit Worten

Verwandeln sie in Bilder

Verzaubern dich

Heiße Diskussionen um ein einzelnes Wort entstehen in solchen Stunden oder um die Frage, ob man Satzzeichen weglassen darf. Da bei den Kindern die Optik ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, bekommt auch die Bebilderung oder die Gestaltung des fertigen Textes Bedeutung. Sehr beliebt sind daher die persönlich gestalteten Hexenbüchlein, bei denen die Geschichten von Hand illustriert und kompliziert gefaltet werden.

Gern nimmt Muhr zu Beginn eines Workshops die Kinder mit an einen besonderen Ort – in den Altdorfer Torturm, auf die Burgthanner Burg oder an den Winkelhaider Dorfweiher – als Kulisse für eine Geschichte, meist ein Märchen. Der wird dann erst erforscht und schließlich stellt sich die Frage: „Was könnte hier passieren?“ Da sind der Fantasie dann keine Grenzen mehr gesetzt, ein kreatives Brain-Storming setzt ein und „dann schreiben die wie die Weltmeister“. Angebote von Ursula Muhr sind auf folgenden Portalen zu finden:

www.bildung-gemeinsam-gestalten.de

www.boedecker-kreis.de

www.ks-nue.de

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