Pacon Peña bei Hersbrucker Gitarrenfestival

Die Welt des feurigen Flamenco

José Luis Fernandez (links) und Paco Peña treiben sich gegenseitig zu feurigen Flamenco-Klängen an. | Foto: Andrea Pitsch2016/08/IMG_1944.jpg

HERSBRUCK – Gitarre und Flamenco – da denken viele wohl zuerst an die Gipsy Kings. Welch mannigfaltigen Zauber jedoch diese traditionelle spanische Musik in sich birgt, ja welche Kunst, zeigte Paco Peña eindrucksvoll beim Abschlusskonzert des Hersbrucker Gitarrenfestivals unter dem Motto „Arte Flamenco“.

Wortlos geht der Spanier, einer der berühmtesten Flamenco-Gitarristen seiner Zeit, der mit sechs Jahren zum Spielen begann und mit zwölf seine ersten öffentlichen Auftritte hatte, auf die Bühne der Geru-Halle. Fast unscheinbar wirkt der 74-Jährige in seinem hellen Hemd und den schwarzen Hosen. Doch kaum sitzt er, perlen die ersten Töne melancholisch aus seinem Instrument. Der nicht ganz gefüllte Saal bekommt die andere, unbekanntere Seite des Flamenco zu hören – jenseits von feurigem Karacho.

Peñas Mimik unterstreicht bisweilen sein Spiel: Mal ist er entspannt, meist konzentriert, selten verbissen, wenn er kraftvolle Crescendi oder exakte Stakkati spielt. Und manchmal scheint er verschmolzen mit seiner Gitarre, wenn er fast zärtlich den Kopf auf die Oberseite seines Instruments legt.

Rasch wird die Musik beschwingter. Fast unmerklich fliegen die Finger Hals und Saiten entlang. Bei der Klangfülle und Vielfalt der Töne ist es kaum zu glauben, dass dafür nur ein Künstler sorgt. Immer wieder brechen auch die vollen, typischen Flamenco-Klänge durch. Als das Publikum diese zum ersten Mal zum Finale eines Stückes genießen darf, brandet begeisterter Applaus auf.

Peña verliert zwischen seinen Stücken kein Wort, unterbricht die gespannte Atmosphäre nicht. Diese unterstreicht er durch Klänge, die an flirrende Hitze erinnern. Der Spanier baut geschickt Dramatik auf, in dem er Percussion auf dem Gitarrenkörper ganz flink zwischendrin einsetzt und helle wie tiefe Töne mischt. Wird die Musik intensiver, wippt er mit dem Fuß mit. Letztlich entlädt sich die Spannung in einem fulminanten Finale.

Und dann spricht die sympathisch und bodenständig erscheinende Flamenco-Koryphäe – für den ein oder anderen sicher – endlich. Peña erklärt, dass Flamenco ein Teil der musikalischen Kultur Andalusiens ist, dass es um Leben, Glück und Leid dort geht. Die Gefühle der Menschen bilden die Flamenco-Tradition. Eigentlich sei die Stimme in dieser Folklore prägend, um die Nachricht weiterzugeben, so Peña geduldig. Es scheint, als wolle er, dass die Zuhörer ein Gefühl für die Musik entwickeln.

Aber wie kann dann die Gitarre allein spielen? Sie war und ist die Begleitung, gibt Harmonie und durch die Percussion Rhythmus. Dadurch wurde sie im Flamenco, der nach Einflüssen (zum Beispiel durch die Zigeuner, was ab und an herauszuhören war), Gesang, Tanz und Tonlagen verschiedene Formen – sogenannte „palos“ – entwickelte, unverzichtbar und kann nur für sich stehen. So auch beim Lied über Minenarbeiter. Es ist dumpfer, nicht so flüssig vorgetragen. Peña verpackt so die beschwerliche Arbeit in Töne. Einige helle Spitzen blitzen wie Gefahrenstellen auf. Am Ende zupft er nur einen Ton, der in der gebannt lauschenden Halle in der Luft hängen bleibt.

Offen wirkt auch der Schluss einer „Rondeña“. Trotz sachtem, fast bedächtigem Beginn verleiht Peña ihr aufgrund des raschen Saiten-Anspiels ungeahnte Dynamik. Auch helle Mandolinen-Klänge, kräftige, volle Töne und Percussion, die das Klappern der Kastagnetten interpretiert, entlockt der Meister seinem Instrument. Egal, was er auch spielt, er kostet jeden Ton aus.

Vor allem, als sein Freund José Luis Fernandez mitten in einem Lied dazukommt. Immer wieder halten die beiden Blickkontakt. Wie als ob sie sich und ihre Gitarren gegenseitig antreiben wollen, steuert die „Petenera“ (musikalisch begleitete Lyrik) auf den Höhepunkt zu. Dieser wird vom Publikum mit großem Beifallssturm und begeisterten Pfiffen belohnt. Mit Fernandez ist noch mehr Power in den Auftritt gekommen. Bei einem „Fandango“ (spanischer Singtanz) wirkt die fesselnde Kommunikation der beiden Künstler und ihrer Instrumente wie eine fröhliche, absolut mitreißende Unterhaltung. Beide lachen immer wieder. Jetzt lodert das Flamenco-Feuer auf, Klatschen und Schritte machen sich vor dem inneren Auge breit. Damit hat Paco Peña die Zuhörer an nur einem Abend mit der ganzen Kunst des Flamenco verzaubert.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch