Serie über Kulturverbund Nürnberger Land

Der Geschichtenerzähler

Erzähler Michl Zirk lebt und arbeitet in Tauchersreuth. Foto: Isabel Krieger2020/08/michl-zirk-kulturverbund-scaled.jpg

Nein, er ist kein Märchenprinz, auch wenn in seinen Geschichten echte oder vermeintliche Prinzen gelegentlich eine Rolle spielen. Die Liebe zur Fiktion teilt er mit seinem aktuellen Helden, dem Baron von Münchhausen, zu dessen 300. Geburtstag 2020 Michl Zirk zusammen mit Andrea Gonze ein Erzählstück geschrieben hat, dessen Premiere coronabedingt auf den Herbst verschoben werden musste. Mit Geschichten Menschen zum Zuhören verführen, unterhalten, das Kino im Kopf, fernab von Leinwänden und Dolby Surround entzünden, das ist Michl Zirks Leidenschaft, mit der der 61-jährige promovierte Romanist seit 25 Jahren auf Bühnen der Region zu erleben ist.

Dabei hätte alles ganz anders kommen sollen. Der erste Weg führte den gebürtigen Schweinfurter nämlich zum Studium der katholischen Theologie, wo er sich, in den 1960er und 1970er Jahren in einem arbeitssamen Elternhaus im volksfrömmigen Unterfranken aufgewachsen, erfolgreich durch Schriften und Bibelstellen arbeitete. Gemeindereferent wollte er werden, Krankenhausseelsorger wurde er dann, zwei Jahre im Kiez von Köln, dann war Schluss, es war nicht seins. „Ich habe gemerkt, dass ich das nicht bin.“

Studium in Spanien

Mit Anfang 30 Wechsel zur Romanistik, Studium in fünf Semestern in Aachen, anschließend Promotion in Spanien. „Mir war klar, ich muss etwas Gas geben.“ Zehn Jahre war er dann Dramaturg am Theater Mummpitz in Nürnberg, eine gute Zeit, in der viel ging und viel passierte, auch sein erstes Erzählprogramm „Michls Gschichtlich“, ungeplant, ein Ausfluss aus der Theaterarbeit, wo der Dramaturg schon mal kurzzeitig auch Kollegen auf der Bühne vertreten musste.

Zum 950. Nürnberger Stadtjubiläum dann explodierte die Kulturszene. „Es war plötzlich alles möglich und auch finanziert.“ Zirk initiierte das Kindertheaterfestival Panoptikum, erfand und begleitete die Geburt des Sternenhauses am Hans-Sachs-Platz und erzählte sich 2001 zusammen mit Kollegen die Stimmbänder wund beim Erzählmarathon „1001 Nacht erzählen“. „Wir haben 559 Geschichten geschafft.“

Als das Haus der Geschichten 2006 von der Stadtbücherei ins Katharinenkloster ausziehen musste und die Kulturszene neue Köpfe an der Spitze bekam, lief seine stationäre Zeit in Nürnberg langsam aus. Ein bisschen liegt ihm das bis heute im Magen, obwohl andere Projekte wie das „Zauberwortfestival“, die „Märchen und Geschichten am Wasserturm“, der „Gschichtenstadl“ und das „Kino im Kopf“-Festival kamen, die er bis heute mit seiner Erzählbühne veranstaltet.

Noch immer fasziniert ihn die Unmittelbarkeit, die das Erzählen hat, „wenn man den Zuhörern mit einer Geschichte Bilder und Emotionen vermitteln kann und merkt, es kommt etwas zurück“. Seine Auftritte baut er nach klarer Dramaturgie auf, wie im Theater. „Die vierte Wand darf nicht existieren.“ Es kann ihn gewaltig ärgern, wenn Menschen manchmal meinen, ein Geschichtenerzähler würde eine Geschichte nur nacherzählen. „Vorher zweimal durchlesen und fertig.“ Noch mehr aber, wenn das Erzählen als veraltete Kunst bewertet wird. „Die Werbung, die ganze Politik lebt doch vom Storytelling. Heute hat alles ein Narrativ.“


Das erzählt er auch seinen Studenten und Schülern, die er an verschiedenen Hochschulen unterrichtet. Er hat deshalb auch darauf gedrungen, dass der Verband der deutschsprachigen Erzähler 2017 eine anerkannte Ausbildung einführte. Die Erzählkunst soll weiter entwickelt werden, nicht eingefroren, deshalb mag er auch die jungen Poetry-Slammer. „Die wachsen uns über den Kopf. Aber ihre Bandbreite ist richtig groß.“

Zehn Jahre war Michl Zirk Feuerwehrkommandant in Tauchersreuth, wo er seit über 20 Jahren lebt, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen und in klaren Nächten über dem Wasserturm die Sterntaler vom Himmel fallen. Wenn er ein Märchen aussuchen sollte, das er anderen Menschen mit auf den Weg geben würde, es wären die Bremer Stadtmusikanten. „Losgehen und zulassen, dass man im Leben auch mal scheitert. Denn wer nie losgeht, kommt auch nie an.“

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