Der Burgthanner Hans Meyer starb vor 100 Jahren im 1. Weltkrieg

„Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen“

Hans Meyer war erst 20 Jahre alt, als ihn 1916 in Rumänien ein Granatsplitter traf. Foto: Privatarchiv Herbert Meyer2016/11/Hans-Meyer2.jpg

BURGTHANN – Vor acht Jahren hat der Bote schon einmal über den im ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten Hans Meyer aus Burgthann berichtet. Dessen Großneffe hat seitdem viele weitere Einzelheiten zur Person seines Großonkels recherchieren können, die bei Erscheinen des ersten Beitrags 2008 noch nicht bekannt waren. Anlässlich des morgigen Volkstrauertags greifen wir das Thema noch einmal auf und aktualisieren es mit neuen Recherche-Ergebnissen.

 Hans Meyer ist nur 20 Jahre alt geworden. Er starb vor 100 Jahren bei schweren Gefechten seines Regiments in Rumänien. Dass man heute noch von ihm weiß, dass seine Jugend und seine Zeit beim Militär lebendig wird, ist einem Zufall zu verdanken. In einem alten Taubenschlag auf dem Schafhof in Burgthann fand sein Großneffe einen Stapel Briefe und Feldpostkarten, lauter Korrespondenz des jungen Soldaten, der regelmäßig seinem Patenonkel Johann Meyer, dem Schafhof-Bauern schrieb, außerdem seiner Großmutter und seiner Cousine.

Margarethe Meyer, die Mutter von Hans, heiratete den Mimberger Peter Schmidt und zog mit ihm nach Altdorf.
Margarethe Meyer, die Mutter von Hans, heiratete den Mimberger Peter Schmidt und zog mit ihm nach Altdorf.2016/11/Hans-Meyer3.jpg

Bei Johann arbeitete der junge Mann auf dem Hof. Als uneheliches Kind von Johanns Schwester Margarete und dem örtlichen Bäcker, der Mutter und Kind sitzen ließ, zog es der junge Mann vor, nicht in der Familie seines Stiefvaters Peter Schmidt in Altdorf zu wohnen, sondern beim Onkel in der Landwirtschaft in Burgthann zu arbeiten. Onkel Johann Meyer bewirtschaftete mit dem Schafhof den ältesten Bauernhof Burgthanns, hier gab es viel Arbeit, so dass die Meyers froh waren, als Hans nach der Schule mit anpackte.

Seine Mutter Margarete hatte mit ihrem aus Mimberg stammenden Mann Peter Schmidt zwei weitere Kinder. Ein Halbbruder von Hans war der spätere Architekt Fritz Schmidt, der im Nürnberger Land eine ganze Reihe öffentlicher Gebäude errichtete. Nachfahren von Margarete und Peter Schmidt betreiben das heutige Opel-Autohaus in der Nürnberger Straße in Altdorf. Hans Meyers Urgroßeltern waren die Gibbitzenhofbauern.

Eingezogen wurde der junge Bauer erst im dritten Kriegsjahr, im Januar 1916. Von Burgthann ging es damals mit dem Zug in die Kaserne nach Nürnberg zur Rekrutenausbildung. Von hier stammen seine ersten Briefe an die Großmutter und seine Cousine Anna Werner.

Harte Zeit auf dem Schafhof

Auf dem Schafhof bricht nun eine harte Zeit für die beiden Frauen an, weil zwischenzeitlich auch Johann Meyer eingezogen wurde. Hans weiß, dass seine Arbeitskraft daheim dringend gebraucht wird, er bittet deshalb zweimal um Urlaub. Vergeblich. Er wird mit seiner Einheit im Sommer 1916 nach Frankreich verlegt und kommt zum 23. Bayerischen Infanterie-Regiment, in dasselbe Regiment, in dem damals auch der Neumarkter Ludwig Romstöck diente, ein Onkel des späteren Neumarkter Bürgermeisters.

Ludwig Romstöck war ebenso wie seine fünf Brüder als Soldat im Krieg. Er selbst und drei Brüder fielen, nur zwei kamen nach Neumarkt zurück. Der junge Romstöck war wie Hans Meyer ein fleißiger Briefe-Schreiber. Ständig stand er in Kontakt mit seiner Familie und erzählte Neuigkeiten von der Front. Und wie Hans Meyer spielte er die Gefahren und das tägliche Grauen in seinen Briefen herunter. Wer aus einem zeitlichen Abstand von 100 Jahren Arbeiten von Historikern über das Gemetzel von Verdun liest, kann kaum nachvollziehen, mit welcher Gelassenheit die jungen Soldaten Hans Meyer (20) und Ludwig Romstöck (19) ihren Alltag an der Front schildern. Seit dem Frühsommer kämpfen die beiden mit ihrer Einheit vor Verdun. 1163 Unteroffiziere und Mannschaften und 22 Offiziere verliert das Königlich Bayerische Infanterie-Leibregiment, dem sie zwischenzeitlich zugeordnet waren, allein im Juni 1916 vor Verdun. In den dann folgenden Gefechten im Argonnerwald gibt es weitere furchtbare Verluste: 36 Offiziere und 1000 Mannschaften und Unteroffiziere sind tot oder schwer verletzt. Und was schreibt Hans seiner Großmutter in Burgthann? „Es wäre in Frankreich recht schön, aber das Schießen ist sehr unangenehm.“ Es fällt auf, dass in keinem einzigen der erhaltenen Feldpostbriefe von Tod, Verwundung oder Leid die Rede ist. Die jungen Soldaten, Meyer wie Romstöck, schreiben über Nebensächlichkeiten, den Geschmack des Kaffees etwa, und erzählen nur ausnahmsweise über die Umstände an der Front. Wenn es regnet, erfährt der Leser, verwandeln sich Schützengräben in Laufgräben aus Morast, in denen man ausrutschte und anschließend von unten bis oben voller schlammigen Lehms war: „Viele Grabenteile rutschen ab, das Wasser sammelt sich überall an. Wenn man da durch die Gräben muss, watet man bald bis über die Knöchel im Wasser, bald quatscht man durch aufgeweichten Lehm, bald rutscht man in irgendein Loch hinein und kann sich kaum mehr aufrichten“, beschreibt Romstöck die Situation.

Ortsbezeichnungen, Namen von Flüssen, Bergen, Pässen sucht man in den Briefen der jungen Soldaten vergeblich. Wo sie sich wann mit ihren Einheiten aufgehalten haben, muss man über die Geschichte des Regiments recherchieren.

Im Zug nach Osten

Im Oktober 1916 sitzt Hans Meyer mit tausenden anderen Soldaten im Zug. Die Wagen rollen von Frankreich nach Rumänien, wo die Österreicher und Ungarn nach dem Kriegseintritt Rumäniens in Not gerieten. „Auf meiner Wanderfahrt nach dem nächsten Kriegsschauplatz sende ich Euch die besten Grüße“, schreibt Hans im Zug an Cousine und Großmutter in Burgthann. „Wir fahren schon seit Samstagabend, sind aber noch nicht angekommen in Rumänien. Es geht mir soweit noch gut, bin auch noch gesund, was ich auch von Euch hoffe.“ Datiert ist das Schreiben vom 14. Oktober 1916.

Angekommen in Rumänien sperrt das Regiment von Hans Meyer und Ludwig Romstöck den Roten-Turm-Pass in den Karpaten und wird dabei in heftige Gefechte verwickelt. Am 7. November wurde dabei Prinz Heinrich von Bayern als Kommandeur des III. Bataillons in vorderster Linie schwer verwundet und starb wenige Tage später. Die Bayern drängten rumänische und russische Truppen bis an den Fluss Pudna zurück und machten über 1000 Gefangene.

Der letzte Brief

Ludwig Romstöck fällt in diesem Herbst 1916. Sein Kamerad Hans Meyer überlebt ihn nur um wenige Wochen. Er bekommt aus der Heimat einen Brief von seiner Großmutter, den er Anfang Dezember beantwortet. Es wird der letzte Brief sein, den Hans an seine Angehörigen schreibt. Nachdem er erfahren hat, dass Grußmutter und Cousine ein Schwein auf dem Schafhof geschlachtet und ein weiteres verkauft haben, schreibt er: „Die Schweine haben sich ja sehr gemacht und Ihr habt ein schönes Geld dafür eingenommen“, und weiter: „Das weiß ich ja schon, liebe Großmutter, dass Dir die Zeit lang geworden ist, bis von mir Nachricht gekommen ist. Es geht mir ja selber so, wenn ich lange Zeit keine Post mehr erhalten habe.“ Zwischen den Zeilen seines letzten Briefs klingt durch, dass Hans müde ist, dass er sich nach Hause zurücksehnt: „Es wäre halt recht, wenn der Krieg bald zu Ende wäre. Ich schließe für heute mein Schreiben und hoffe auf ein baldiges Wiedersehen.“ So endet der Brief vom 26. November 1916. Am 11. Dezember wird Hans in der Nähe der rumänischen Stadt Sulta von einem Granatsplitter tödlich getroffen, nicht weit von der Stelle entfernt, an der auch Ludwig Romstöck starb.

Patenonkel Johann Meyer erreichte die Nachricht vom Tod seines Neffen per Feldpostkarte an der Westfront.
Patenonkel Johann Meyer erreichte die Nachricht vom Tod seines Neffen per Feldpostkarte an der Westfront.2016/11/Hans-Meyer5.jpg

Johann Meyer, der Patenonkel des jungen Burgthanners, erfährt an der Front in Frankreich vom Tod seines Neffen. Er hat per Feldpost ständig Kontakt mit Hans gehalten. Sein letzter Brief kommt nun am 27. Dezember aus Rumänien zurück, versehen mit einem Stempel: „Für das Vaterland gefallen“. Johann Meyer setzt sich hin und schreibt an seine Mutter in Burgthann: „Ich konnte es gar nicht glauben, und es ist doch wahr. Ich habe am 1. Dezember Hans einen Brief geschrieben und drei Mark beigelegt und heute am 27. ist der Brief mit Geld an mich zurückgekommen und stand drauf, fürs Vaterland gefallen. Welch schrecklicher Weihnachtsgruß.“ Johann überlebt den Krieg, kehrt unversehrt auf den Schafhof zurück und führt den alten Burgthanner Bauernhof weiter. 1920 heiratet er seine 2. Ehefrau Margarethe Wagner aus Dörlbach, die Tochter des dortigen Schusters. Johann hatte mit seiner 15 Jahre jüngeren Ehefrau drei Söhne: Johann, Georg und Fritz. Schafhofbauer Johann Meyer, der Patenonkel von Hans Meyer, starb am 20. Juni 1957 daheim auf dem Hof. Zwei seiner Söhne, Johann und Georg wurden im zweiten Weltkrieg eingezogen und kamen unversehrt aus der Kriegsgefangenschaft wieder nach Hause. Fritz Meyer, der jüngste Sohn, wurde 1952 Hofnachfolger, er verstarb 2008.

Todesanzeige im Boten

Im Boten erscheint am 27. Dezember 1916 eine Todes-Anzeige für Hans Meyer. Für sein Vaterland habe er den Heldentod gefunden, heißt es darin, eine Diktion die dem heutigen Leser vollkommen fremd ist, die aber vor 100 Jahren und noch bis zum Ende des 2. Weltkriegs Alltagssprache war. Gustave Le Bons 1895 erschienenes Standardwerk „Die Psychologie der Massen“, hochgeschätzt von damaligen Staatenlenkern und Militärstrategen, später auch von den Nationalsozialisten, spielte dabei eine unheilvolle Rolle.

Die Todesanzeige für Hans Meyer im Boten vom 27.12.1916.
Die Todesanzeige für Hans Meyer im Boten vom 27.12.1916.2016/11/Todesanzeige-hans-Meyer-1916.jpg

An Hans Meyer erinnert in Burgthann eine Inschrift auf dem Kriegerdenkmal am Friedhof. Zum Andenken an die Gefallenen des 1. Weltkriegs wurden außerdem in Burgthann wie in anderen Kommunen auch Eichenhaine gepflanzt. Als man seinerzeit die jungen Eichen-Setzlinge einpflanzte, legten Angehörige Flaschen mit Dokumenten und Briefen dazu. Bis zum Bau der Boule-Halle trafen sich immer wieder Franzosen aus der Partnergemeinde Chateauponsac mit ihren Burgthanner Gastgebern im Eichenhain zum Spiel mit den silbernen Kugeln. In 100 Jahren hat sich die Welt verändert. Aus ehemaligen Erzfeinden wurden Freunde. Alex Blinten/Herbert Meyer

 

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten