Adele Neuhauser las aus ihrer Autobiografie „Ich war mein größter Feind“

Tatort-Kommissarin ohne Starallüren

Tatort-Kommissarin Adele Neuhauser liest aus ihrer Biogrpahie
Adele Neuhauser ist als Kommissarin im Wiener Tatort einem breiten Publikum bekannt. In Lauf stellte sie ihre Autobiographie vor. | Foto: Kirchmayer2019/11/Literaturtage-Adele-Neuhauser-kir.jpg

Lauf – Adele Neuhauser an einem Samstagabend zur Primetime? Die meisten der 600 Zuhörer kennen die 60-Jährige vermutlich eher vom Sonntagabend als Wiener Tatort-Kommissarin Bibi Fellner.

Ihre Autobiografie ist bereits seit zwei Jahren auf dem Markt, die eigentliche Tournee längst vorbei. Lästig ist Neuhauser der Abstecher nach Lauf aber merklich nicht. Im Schlepptau hat sie „Edi Nulz“, die Band ihres Sohnes Julian Adam Pajzs, die sie auch bei bisherigen Lesungen begleitet hat.

Verlage seien an sie herangetreten und hätten Interesse an ihrer Autobiografie bekundet, erklärt Neuhauser. So alt fühle sie sich zwar nicht, aber sie erzählt dem interessierten Zuhörer doch recht gerne aus ihrem Leben. Sie findet schon, dass sie etwas zu erzählen hat, und der Ruhm, sagt sie selbstironisch, ist ihr nicht unangenehm.

Bühnenprofi mit ein bisschen Lampenfieber

Neuhauser ist Bühnenprofi, auch wenn sie damit kokettiert, nach wie vor etwas Lampenfieber zu verspüren. Der Einstieg in den Abend glückt –
eine von Tatort-Fans herbeigesehnte Hochzeit zwischen Bibi Fellner und Harald Krassnitzers Figur Moritz Eisner käme nicht infrage, betont die Wienerin amüsiert.

Sie erzählt von den ersten Lebensjahren in Athen und dem Umzug im Alter von vier Jahren ins „oft graue und deprimierende Wien der 60er Jahre“. Die kleine Adele „wäre damals viel lieber in Griechenland geblieben“, aber man hat sie nicht nach ihrer Meinung gefragt.

Neuhauser geht auf ihre vertrackte Familiengeschichte ein, erzählt von der frühen Liebe zum Film und dem ersten Applaus, den sie bekommen hat: Als sie als Kind bei offenem Fenster vor dem Spiegel tanzte, klatschten die Bauarbeiter auf dem Flachdach gegenüber Beifall. „Ich scheine ein äußerst liebesbedürftiger Mensch zu sein“, bilanziert Neuhauser an einer Stelle, und man möchte nicht widersprechen.

Der Auftritt macht Adele Neuhauser Spaß

Auf der Bühne sitzt eine Frau, die sichtbar gemocht werden will, die es dem Publikum aber auch leicht macht, sie zu mögen. Von Starallüren ist da nichts zu spüren, die Tatort-Kommissarin gibt sich volksnah und genießt es, aus ihrem Leben vorlesen zu dürfen.

Neuhauser ist gut gelaunt, weil sie weiß, dass sie gute Laune verbreitet. Die Schauspielerin, die, wie sie selbst sagt, auch ein wenig aus Flucht vor sich selbst in andere Rollen schlüpft und mehrere Suizidversuche hinter sich hat, bis sie 22 wurde, erzählt offen von ihrem „Selbsthass“, der ihre Pubertät begleitete.

Auch den Tod der Eltern und des Bruders in den vergangenen Jahren spricht sie an. „Man kann das echte Leben nur bedingt in der Fiktion proben“, sagt Neuhauser, ihre Rolle als Mordermittlerin habe beim Verarbeiten der Todesfälle nicht geholfen.

„Wiener Schmäh“ verständlich erklärt

Es wird aber auch immer wieder heiter, etwa als die 60-Jährige erklärt, was „Wiener Schmäh“ ist: Mit zehn Jahren begann sie zu rauchen, daher auch die markante, männliche Stimme. Als ihr diese vor Jahren versagte und sie am Ticketschalter eine Fahrkarte für den Nahverkehr kaufen wollte, brachte sie nur ein Flüstern heraus. „Schreins mi ned so an“, entgegnete der Mann am Schalter trocken.

Neuhauser hatte sichtlich Spaß am Auftritt der Band ihres Sohnes (an der Gitarre). | Foto: Kirchmayer2019/11/Adele-Neuhauser-Edi-Nulz-Literaturtage-Band.jpg

Die musikalischen Intermezzi von „Edi Nulz“, der Band ihres Sohnes, tragen dazu bei, dass es ein kurzweiliger Abend wird. Die Musik, eine stimmige Mischung aus Jazz und Rock, ist sicher nicht jedermanns Sache, auch wenn es viel Applaus gibt. Aber sie unterteilt Neuhausers Lesestunde in kleine, leicht verdauliche Häppchen.

Die Zeit vergeht wie im Flug

Das Konzept geht auf, die Zeit mit der Wienerin vergeht wie im Flug. Nach dem zweiten Abschnitt wundert man sich regelrecht, wie schnell die 60-Jährige zum Schluss kommt. Würde die Lesung ohne die Musik genauso gut funktionieren? Dass es ihr Sohn ist, der da zwei Meter neben ihr an der Gitarre zupft, trägt jedenfalls auch zu Neuhausers guter Laune bei. Sie genießt es sichtlich, ihm zuzuschauen. Da mischt sich mütterlicher Stolz mit der reinen Freude an der Musik.

Das Publikum entlässt die 60-Jährige mit ein paar markanten Worten in die Nacht. „Erinnerungen sind nichts Statisches, sondern etwas Lebendiges“, sagt sie. Das Aufschreiben verändere sie zum Besseren. Die Autobiografie stellt also ganz und gar keinen Abschluss von Neuhausers Wirken dar. „Da kommt noch so viel Schönes, das auch gelebt werden will.“

Nach der Lesung signiert Neuhauser reichlich Bücher. Und kann sich sicher sein, bei hunderten Besuchern an diesem Abend noch ein bisschen beliebter geworden zu sein.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer