Bücherei seit einem Jahr im Exil

Leser bleiben der Röthenbacher Bibliothek treu

Zwar wurde der Bestand am Ausweichstandort der Stadtbücherei an der Karlstraße notgedrungen verkleinert. Trotzdem finden Bücherfans hier noch jede Menge (aktuelle) Literatur. Sonja Wunder hat zum 1. April die Leitung übernommen. | Foto: Buchner-Freiberger2018/09/sonja-wunder-neue-buchereileiterin-roth1.jpg

RÖTHENBACH — Seit ziemlich genau einem Jahr hat die Röthenbacher Stadtbibliothek Unterschlupf im Keller der Sparkasse an der Karlstraße gefunden, weil die angestammten Räume im Schulzentrum umgebaut werden. Doch auch im „Exil“ müssen die Nutzer nicht auf die neueste Literatur verzichten. Außerdem gibt es mit Sonja Wunder eine neue Leiterin.

Ihr Start fällt in eine schwierige Zeit. Nicht nur, dass Sonja Wunder sich in das komplexe Thema Datenschutz einarbeiten muss. Vor allem aber kann die neue Leiterin der Stadtbibliothek den Nutzern zurzeit nur ein verkleinertes Medien-Sortiment anbieten. „Etwa ein Drittel des Bestands aus der alten Bücherei haben wir mitgenommen, ein Drittel eingelagert und ein Drittel entsorgt“, sagt die 54-Jährige. Darunter zum Beispiel die in den 80er-Jahren so beliebten Konsalik-Romane. „Die liest heute einfach niemand mehr“, sagt Sonja Wunder.

Ein neues Gesicht ist sie für die Röthenbacher nicht. Seit Ende 2012 gehört sie zum Bibliotheksteam. Ihr Handwerk hat sie von der Pike auf gelernt. Sie studierte an der Frankfurter Buchhändlerschule, absolvierte eine Lehre in Schweinfurt und war unter anderem in der Uni-Buchhandlung Merkel in Erlangen sowie für den Tessloff-Verlag tätig. Zum 1. April hat sie die Leitung der Stadtbücherei von Konrad Kopp übernommen, der in den Ruhestand ging.

Dabei ist Sonja Wunder in Sachen Lesen eine Spätzünderin. „Ich habe erst mit zwölf angefangen, mich für Bücher zu interessieren. Und da waren es erstmal nur Groschenromane.“

Vielleicht liegt es ihr gerade deshalb so am Herzen, den Nachwuchs fürs Lesen zu begeistern. „Einen kleinen missionarischen Eifer“ habe sie in dieser Hinsicht, räumt sie ein, den Lesen schule so vieles: den Wortschatz, die Rechtschreibung und vor allem die Fantasie. Nur allzu gut kennt sie das Phänomen, dass aus bücherbegeisterten Grundschülern lesefaule Teenager werden. Wenn die Bibliothek wie geplant nächstes Jahr zu Pfingsten zurück in die sanierten Räume am Geschwister-Scholl-Platz zieht, möchte sie vor allem die Veranstaltungen für Kinder ausbauen. Auch den Sommer-Leseclub soll es dann wieder geben.

Weniger Schüler, aber Stammpublikum bleibt

Denn seit die Bücherei in die Stadtmitte gezogen ist, seien vor allem die Schüler als „Kunden“ weggebrochen. Das Stammpublikum aber sei der Einrichtung weitgehend treu geblieben, freut sich Sonja Wunder. Zuletzt haben sie und ihre drei Mitarbeiter festgestellt, dass sogar wieder mehr Ausleiher kommen, darunter vor allem neu zugezogene Familien. Und eines ist der neuen Leiterin ganz wichtig: Auch am Ausweichstandort bietet die Bibliothek – trotz des begrenzten Platzangebots – wie gewohnt jede Menge Neuerscheinungen. Dabei orientiert sich Sonja Wunder an den Spiegel-Bestsellerlisten, schaut sich in Buchhandlungen um und recherchiert im Internet. Auch Wünsche von Nutzern berücksichtigen sie und ihr Team gern.

Auf die neuen Räume freuen sich sie und ihre Kolleginnen sowie ihr Kollege schon sehr. Nicht nur, dass es nach dem Umbau endlich einen Aufzug und damit Barrierefreiheit geben wird. Es soll auch Platz für Lese- und Kinderspielecken sein. Der Bücherbestand wird dafür ein bisschen reduziert. „Manche Dinge werden wegfallen, zum Beispiel Sachbücher. Wir sind keine Unistadt“, sagt Sonja Wunder. Dafür soll der Bereich Reiseliteratur ausgebaut werden.

Sie ist fest überzeugt, dass das gedruckte Buch nie ganz aus der Mode kommen wird, wenn auch in friedlicher Ko-Existenz mit E-Books. Gerade Erwachsene mittleren Alters nutzen schon jetzt verstärkt den E-Medienverbund, dem die Röthenbacher Stadtbibliothek angeschlossen ist. Und sind Bücherzellen oder -Schränke, die seit einiger Zeit überall aus dem Boden schießen, eine Konkurrenz für die Büchereien? „Nein, denn die bieten im Normalfall keine Neuerscheinungen“, meint Sonja Wunder. „Ich sehe das eher als Bereicherung und für manche vielleicht als Einstieg in die Literatur.“

N-Land Stefanie Buchner-Freiberger
Stefanie Buchner-Freiberger