Kurze Nächte wegen lautem Signalton

Lautes Hupen der Loks sorgt für Frust

Stefan Okapal, Stephanie Kerschbaum, Werner Kröll und Oliver Post aus Schnaittach sind genervt vom ständigen Hupen der Bahnen. Da kann man nichts machen, heißt es seitens des Bürgermeisters und der Deutschen Bahn. | Foto: Kirchmayer2019/02/Bahnlarm-Schnaittach-Okapal-und-Co-Lohmuhle.jpg

SCHNAITTACH — Vier Stunden lang fährt nachts keine Bahn durch Schnaittach. Das heißt für manche Anwohner: Vier Stunden Ruhe, zwischen ein und fünf Uhr nachts. Davor und danach kostet das laute Hupen der Loks an unbeschrankten Übergängen einigen Schnaittachern den letzten Nerv. Hoffnung auf Besserung gibt es nicht.

Unbeschrankte Bahnübergänge bei oder in Wohngebieten sind praktisch. Dort kommt man schnell über die Schienen, ob als Radfahrer zum Einkaufen oder auf dem Weg zur Arbeit, ob als Wanderer oder Spaziergänger. Einen Haken gibt es allerdings: Um Unfälle zu vermeiden, ist ein lauter Signalton von heranfahrenden Zügen Pflicht. Für Anwohner ein Ärgernis. Denn das Hupen hört man auch in den eigenen vier Wänden – vor allem dann, wenn man seine Ruhe haben möchte.

Kurze Nächte

Eine kleine Gruppe Betroffener aus Schnaittach hat sich zusammengeschlossen, um der Lärmquelle entlang der Schnaittachtalbahn den Kampf anzusagen. Darunter sind Stefan Okapal und Stephanie Kerschbaum. Das Paar hat vor vier Jahren ein Haus im Ortsteil Lohmühle gekauft, nur einen Steinwurf von der Bahnlinie entfernt – und von einem unbeschrankten Übergang.

Zunächst gab es im Haus viel zu renovieren, erzählt das Paar. Erst als sie nach etwa zwei Jahren zur Ruhe gekommen waren, entwickelte sich der stündliche Hupton zum Ärgernis. Vor allem nachts. „Wir haben vier Stunden Zeit“, rechnet Okapal vor. Nur zwischen etwa ein Uhr nachts und fünf Uhr morgens fährt kein Zug, ergo hupt dann auch niemand. Auch Werner Kröll, der schräg gegenüber wohnt, und Oliver Post gehören der Gruppe an. Post wohnt an einer ganz anderen Ecke im Markt, Richtung Rollhofen. Auch dort fährt die Schnaittachtalbahn vorbei, auch dort gibt es einen unbeschrankten Übergang.

19 Stellen entlang der Strecke

Auf der Bahnstecke zwischen Neunkirchen und Simmelsdorf-Hüttenbach befinden sich 19 Bahnübergänge mit Pfeiftafeln, heißt es seitens der Deutschen Bahn. 19 Mal hupen pro Stunde, die Zahl der Betroffenen in den drei Gemeinden entlang der Gleise ist schwer abzuschätzen. Sind es Hunderte, Tausende? „Von Gesprächen mit Leuten haben wir das Gefühl, dass es viele sehr nervt“, sagt Kerschbaum. Ihr Partner sagt, er fühlt sich zunehmend „gestresst“, komme kaum zur Ruhe. Wie sei das damit zu vereinbaren, dass Schnaittach ein anerkannter Erholungsort ist? Er versucht, über ein Forum im Internet nach Gleichgesinnten im Ort zu suchen. Doch nicht jeder hält etwas von dem Protest. Viele hätten sich mit dem regelmäßigen Hupton wohl abgefunden.

Okapal und Co. wollen eines klarstellen: Sie sind nicht grundsätzlich gegen die Bahnlinie. Dass der Nahverkehr wichtig ist für den Markt, ist ihnen klar. Doch kann man gegen den Hupton nichts tun? Die Gruppe hat durchaus Vorschläge: Könne das Hupen nicht auch leiser sein? Wie wäre es mit Schallschutzmauern entlang der Bahnlinie bei Wohngebieten?

Nachts Busse statt Züge?

Könne man vielleicht nachts ganz auf die Züge verzichten und stattdessen Taxis oder Busse einsetzen? Ab dem späten Abend werde die Bahn eh kaum genutzt, sagt Kerschbaum. Die Gruppe sieht vor allem den Bürgermeister und den Marktgemeinderat in der Pflicht, sich für sie einzusetzen.

Doch Frank Pitterlein äußert für die Klagen kaum Verständnis. Es sei „nie schön, wenn nachts Lärm ist“, sagt er zwar. Doch gebe es die Bahnlinie schon viel länger als alle, die sich nun beschwerten. „Augen auf beim Hauskauf“, hält der Bürgermeister den Anwohnern entgegen. Ein Haus an einer Bahnlinie sei vergleichbar mit einem Grundstück nahe einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr oder in der Einflugschneise eines Flughafens. Wer dort hinziehe, müsse sich der Umstände bewusst sein. Dafür zahle man aber auch niedrigere Grundstückspreise als anderswo.

Sicherheit geht vor

Pitterlein betont, dass Sicherheit über alles gehe. Vor 30 Jahren war ein Bauhofmitarbeiter an einem der Übergänge am Ortsteil Lohmühle ums Leben gekommen, als ihn und sein Fahrzeug ein Zug erfasste. Ein paar Jahre später starb nicht weit entfernt eine mehrfache Mutter.

Kann der Bürgermeister dennoch etwas für die Anwohner tun? Pitterlein verweist auf die Deutsche Bahn. Für den Emissionsschutz sei das Unternehmen verantwortlich. „Wenn ich eine Möglichkeit sehen würde, würde ich mich für meine Bürger einsetzen. Ich sehe aber keine.“

Bahnstrecke als „Lebensader“

Und wenn die Gemeinde Lärmschutzwände entlang der Bahnlinie errichten lässt? Das lehnt Pitterlein ab. „Das ist nicht meine Aufgabe“, erwidert Pitterlein. Und es ist auch gar nicht in seinem Interesse. Denn dafür müssten womöglich Grundstücke verkleinert werden. Und letzten Endes könne die Bahnstrecke gar unrentabel werden. Das aber will der Bürgermeister unter allen Umständen vermeiden. Denn die Schnaittachtalbahn ist eine „Lebensader“ für den Markt, argumentiert Pitterlein. 2900 Bewohner pendeln zur Arbeit. Wie viele davon mit der Bahn fahren, weiß er zwar nicht. Aber sie sei wichtig, viele Menschen seien von ihr abhängig.

Mindestens 110 Dezibel sind vorgeschrieben

Und was sagt die Bahn dazu? Sie verweist auf Bestimmungen. „Die Sicherung an Bahnübergängen (BÜs) ist in der Eisenbahn Bau- und Betriebsordnung (EBO) geregelt. Sie schreibt vor, dass der Lokführer an bestimmten technisch nicht gesicherten BÜs (d.h. ohne Blinklicht oder Schranke) vor dem Passieren des BÜs einen Warnton abzugeben hat. Laut einer ergänzenden Richtlinie muss dieser Signalton mindestens 110 Dezibel laut sein und mindestens drei Sekunden dauern.“ Das schreibt ein Mitarbeiter der Pressestelle des Unternehmens auf Nachfrage der Pegnitz-Zeitung per E-Mail. Nur auf diesem Weg äußert sich die Deutsche Bahn zu Presseanfragen.

„Beschwerden und Diskussionen über dieses Verfahren sind müßig – es ist gesetzlich vorgeschrieben und dient vor allem der Sicherheit aller Anlieger und Verkehrsteilnehmer entlang der Strecke“, heißt es seitens des Unternehmens weiter. Die Anwohner entlang der Schnaittachtalbahn, ob in Schnaittach, Neunkirchen oder Simmelsdorf, müssen mit den lauten Hupgeräuschen also wohl oder übel leben.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer