Von Lesern

Geschichten zur Weihnachtszeit

Auf dem Foto sind mit Lichtern geschmückte Weihnachtsbäume im Schnee zu sehen.
Bunte Lichter tauchen Räume in warmes Licht. Zu Weihnachten mögen es die Menschen in Deutschland traditionell. | Foto: @stock.adobe.com/VonMyroslava2025/11/AdobeStock_1045330124-scaled.jpeg

„Tante“ war nach Weihnachten für immer verschwunden

Von Konrad Holz, Altdorf

ALTDORF – In einem Haus in Altdorf an der Friedhofsmauer wohnte eine ältere und behinderte Frau alleine. Wir Kinder mochten sie wegen ihrer freundlichen Art und wir nannten sie einfach „Tante“. Wenn sie Probleme hatte, dann halfen wir ihr, kauften für sie ein oder holten Brennbares aus dem Wald zum Heizen ihres Ofens. Oftmals bekamen wir von ihr dafür einen klebrigen Bonbon geschenkt.

An einem Nachmittag vor dem Heiligen Abend 1944 schaute ich mit meinen Freunden Xaver und Fritz durchs Fenster in ihre Wohnstube. „Tante“ hatte unser Läuten und Klopfen an der Tür nicht gehört. Sie saß in ihrem Sessel und schien zu schlafen. Alles in ihrem Zimmer wirkte auch irgendwie trist. Da wollten wir Kinder mit unseren neun Jahren doch eingreifen und diesen Zustand verbessern. Doch was konnten wir tun, um ihr wieder etwas Freude und Lebensmut zu geben?

Beim folgenden Gang über den Marktplatz kamen wir zu einer Verkaufsstelle für Christbäume. Da hatten wir eine Idee. Da wir kein Geld zum Kauf eines Weihnachtsbäumchens hatten, bettelten wir dort so lange, bis wir drei große Tannenzweige umsonst bekamen. Lametta hatten wir genügend daheim, ebenso einige Kerzen.

Damit gingen wir zur Wohnung unserer „Tante“, stellten die Zweige in ihrem Zimmer in eine große Vase, behängten sie reichlich mit Lametta und stellten sie mit einigen Kerzen auf den Tisch. Fertig! Weihnachten konnte nun kommen.

Ich las aus ihrer Bibel noch die Weihnachtsgeschichte, Xaver trug ein kurzes Gedicht vor und Fritz schürte ihren Ofen an. Danach sangen wir noch fröhlich zusammen einige Weihnachtslieder. Dabei sahen wir in „Tantes“ glückliches Gesicht, aus dem nun alle Traurigkeit verschwunden war. Und auch wir Kinder spürten in diesem Moment in unseren Herzen etwas von der Kraft der weihnachtlichen Botschaft.

Während wir dann zusammen noch einige bekannte Volkslieder sangen, war die Dunkelheit hereingebrochen und die Gemeindeschwester stand im Zimmer. Sie freute sich über unsere fröhliche Stimmung und hing noch einen Weihnachtsengel aus Papier an den bescheidenen Christbaum. Als sie dann „Tantes“ offenes Bein verband und sie für die Nacht vorbereitete, verabschiedeten wir uns. Wir hörten noch beim Gehen von ihr die Bitte: „Boum, kummst ma fei widder!“ Keiner von uns ahnte, dass das heute unsere letzte Begegnung mit ihr war.

Einige Tage nach Weihnachten 1944 sahen wir beim Blick durch das Fenster, dass der Sessel in ihrem Zimmer nicht besetzt war. Wir erschraken. Auf dem Tisch stand noch unser bescheidener Christbaum, die roten Kerzenstummel waren abgebrannt. War das vielleicht schon ein Zeichen für ihr ausgelöschtes Lebenslicht?

Von einer Nachbarin erfuhren wir, dass sie von SS-Soldaten abgeholt und sehr wahrscheinlich in das Konzentrationslager (KZ) Flossenbürg gebracht wurde. Was ein KZ war, das wussten wir Kinder nicht; die Erwachsenen angeblich auch nicht.

Später haben wir erfahren, dass im KZ Flossenbürg mit seinen 90 Außenlagern mehr als 100.000 Frauen und Männer eingeliefert worden waren – Menschen, welche die Nazi-Politik ablehnten, eine Behinderung hatten oder Juden, Sinti und Roma waren. Nun zählte auch unsere behinderte „Tante“ zu ihren Opfern. So haben wir sie leider nicht mehr gesehen und konnten auch ihren Wunsch „Boum, kummts ma fei widder“ nicht mehr erfüllen. Wir haben sie aber nicht vergessen. Besonders wenn wir an Weihnachten in der Kirche ihr Lieblingslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ sangen, da war sie uns ganz nahe und wir sahen ihr gütiges Gesicht vor uns. Gleichzeitig waren wir Drei aber auch dankbar, ihr letztes Weihnachten noch etwas bereichert zu haben.

Für uns Kinder in der Altdorfer Unteren Vorstadt zählte damals diese Geschichte zu den berührendsten Momenten unserer Kinderzeit, vor allem an Weihnachten.

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