Hundetrainerin Bettina Haas über Tiere

Bettina Haas mit ihrer vierjährigen Hündin Grace. | Foto: M. Gundel2019/09/Bettina.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Endlich Ferien. Endlich Zeit für sich selbst, für die Familie, für Freunde. Auch wir in der HZ-Redaktion nehmen uns jetzt immer mal wieder eine kleine Auszeit und tun das, was wir am liebsten machen: mit Leuten ins Gespräch kommen und uns ihre Geschichte erzählen lassen. Heute spricht Hundetrainerin Bettina Haas aus Alfalter über die Vermenschlichung von Haustieren und falsches Hundetraining.

Immer mehr hört man davon, dass wir Haustiere „vermenschlichen“. Verwöhnen wir unsere Haustiere zu stark?
Bettina Haas: Vermenschlichung wird zu oft mit Verwöhnen gleichgesetzt, obwohl das nicht richtig ist. Viele denken bei Verwöhnen an Privilegien wie das Liegen auf dem Bett oder Sofa. Oft werden Privilegien mit Ungehorsam in Verbindung gebracht, weil immer noch am Dominanzmodell festgehalten wird. Wenn es Mensch und Tier gefällt, gemeinsam auf dem Sofa zu kuscheln, ist das in Ordnung. Man sollte den Hund aber nicht dazu zwingen. Für mich bedeutet verwöhnen eher, die Bedürfnisse des Tieres zu erfüllen. Freundlicher Sozialkontakt gehört unbedingt dazu.

Das kann aber auch zu viel werden.
Ja, wenn ich zum Beispiel meinen Hund mit ungesunden und billigen Leckerlis vollstopfe. Das tut weder Mensch noch Hund gut. Oder wenn ich mit meinem Hund kuscheln will, obwohl der das nicht mag.

Wo beginnt dann die Vermenschlichung?
Wenn wir menschliche Eigenschaften auf den Hund übertragen. „Das macht der mit Absicht“, ist ein typischer Satz der Vermenschlichung. Ein Hund ist nicht fähig, etwas mit Absicht zu machen oder uns absichtlich zu ärgern. Das ist auch nicht sein Ziel.

Zu extrem

Wie sieht es mit Hunden in Handtaschen, mit Schleifchen auf dem Kopf oder mit modischer Winterjacke aus?
Das kommt immer auf das Tier und die Situation an. Wenn ein kleiner Hund ständig in der Tasche getragen wird, ist das natürlich schlecht. Wenn man sich aber mit ihm in einer großen Menschenmenge befindet, kann das dem Hund gut tun. Und Jäckchen können Hunden mit extrem kurzen Haaren im Winter schon vor der Kälte schützen. Aber man kann natürlich alles übertreiben. Mich stören eher die extremen Überzüchtungen.

Inwiefern?
Rassen wie der Mops sind beispielsweise nach dem Kindchenschema gezüchtet: Man wollte, dass das Gesicht des Tieres einem Menschenkind ähnelt. Also flache Schnauze und große Augen. Meiner Meinung nach ist das Tierquälerei hoch zehn.

2019/09/30-minuten-mit_Bettina_Haas.pdf.jpeg

Einige sehen in ihrem Tier einen Kindersatz. Andere sagen, der Halter sollte das „Alphatier“ spielen.
Wir Menschen denken zu oft in Hierarchien und übertragen das auf die Hundeerziehung. Für eine gute Erziehung braucht es kein Alphagehabe des Menschen. Bestrafungen können sehr leicht in die falsche Richtung führen, wenn der Vierbeiner die Strafe nicht mit seinem Verhalten verbinden kann. Ich lege im Training den Fokus auf das gute Verhalten des Hundes und setze Grenzen dadurch ganz fair und freundlich. Viele Halter meinen aber, der Hund muss sofort jedes Wort verstehen. Das ist wieder eine typische Vermenschlichung. Wir sollten öfter beobachten und darauf schauen, was das Tier braucht, und bereit sein, über gutes Training dem Hund unsere Vorstellungen freundlich und geduldig zu erklären.

Hat jeder Hund seinen eigenen Charakter?
Auf jeden Fall. Hunde sind Individuen, genau wie wir Menschen. Manche Hunde machen es uns Menschen leichter, manche schwerer. Es gibt solche, die sich sehr schnell anpassen, und solche, die sich in unseren Augen egoistisch verhalten. Denen wird dann nachgesagt, sie seien stur. Oft liegt es aber einfach daran, dass der Hund falsch trainiert wird. Hundehaltung erfordert viel Einsatz und Aufmerksamkeit. Vor einer Anschaffung sollte man sich im Klaren darüber sein, wie man sich das Leben mit Hund vorstellt.

Mit welchen Problemen kommen die Leute zu Ihnen?
Die meisten Hunde haben Schwierigkeiten bei der Begegnung mit anderen Hunden. Auch das An-der-Leine-Ziehen kommt oft vor.

Woran liegt das?
Es liegt nicht in der Natur des Hundes, frontal auf einen Artgenossen zuzugehen oder eng an ihm vorbei zu laufen, so wie es beim Gassigehen auf dem Gehsteig oft der Fall ist. Über eine weite Strecke frontal aufeinander zulaufen bedeutet für den Hund in erster Linie: Kampfmodus. Wenn wir das ohne Training einfach verlangen, sehen wir wieder zu sehr durch die menschliche Brille.

N-Land Marina Gundel
Marina Gundel