Plädoyers im Schnaittacher Doppelmord

Verteidiger von Stephanie P. fordern elf Jahre Haft

Vor der 19. Strafkammer: Stephanie P., ihr Gesicht hinter einem Aktenordner, mit ihren Verteidigern Michael Spengler und Alexander Seifert (von links). | Foto: Beck2020/07/k-stephanie-p-placzek-schnaittach-mord-prozess-revision-gericht.jpg

SCHNAITTACH/ NÜRNBERG – Am Mittwochmorgen hat sich vor dem Saal 1.006 des Landgerichts Nürnberg-Fürth erneut eine Besuchertraube gebildet. Der ein oder andere wartet auf den Auftritt des Ehemanns Ingo P., der als Zeuge im erneuten Prozess gegen seine Frau geladen war.

Doch Richter Markus Bader macht dieser Erwartung ein Ende. Da P., rechtskräftig als Mörder seiner Eltern verurteilt, von seinem Zeugnisverweigerungsrecht als Ehemann Gebrauch mache, sei er wieder ausgeladen worden. Ein aufwendiger Gefangenentransport von Straubing nach Nürnberg und zurück macht wenig Sinn, wenn derjenige nur im Zeugenstuhl sitzt, um zu sagen, dass er nichts sagt.

Briefe und Akten

Die Beweisaufnahme am dritten Verhandlungstag besteht somit aus dem Verlesen einiger Briefe und Akten und der Vernehmung des Polizeihundeführers, der am 22. Januar 2018 mit seinem Spürhund nach den Leichen von Elfriede und Peter P. auf ihrem Grundstück in Schnaittach suchte. Im Garagenanbau, wo später die Toten gefunden wurden, sei der Hund aufgeregt hin und hergelaufen aber erst im Garten, an der Rückwand des Anbaus, habe er gebellt.

Der Hundeführer vermutet, dass der Leichengeruch an dieser Stelle durch den lockeren Kiesboden oder dem austretenden Bauschaum aus der Wand drang. „Ich war mir nicht sicher, ob dort wirklich die Leichen lagen, aber ich habe die Stelle der Kripo gemeldet“, sagt der Polizist. Der zeitliche Ablauf wird nicht ganz klar. Vermutlich wurde der Hundeführer in den Garagenanbau geschickt, weil Stephanie P. diesen nach ihrer Verhaftung erwähnte.

Wie wesentlich war die Aussage?

Oberstaatsanwalt Weyde räumt später in seinem Plädoyer ein, dass P. die Ermittlungen teilweise beschleunigt habe. Auch der Bundesgerichtshof sei ja zu der Einschätzung gekommen, dass ihre Aussagen möglicherweise für das Anwenden der Kronzeugenregelung nach Paragraf 46b Strafgesetzbuch ausreichten. „Allerdings müssen diese Aussagen ,wesentlich‘ für die Aufklärung des Falles sein“, erklärt Weyde. Das sei hier nicht gegeben. „Es war ja bereits ein Strafbefehl wegen dringenden Tatverdachts ausgestellt und laut dem damaligen Staatsanwalt fußte die Anklage nicht auf Stephanie P.s Aussage, sondern den objektiven Hinweisen“, sagt Weyde.

Außerdem sei bei der Kronzeugenregelung auch die Schwere der Tat zu beachten. „Der Anstifter ist laut Strafgesetzbuch wie der Täter zu bestrafen. Was wäre das für ein Signal, wenn sich ein Angeklagter nach einem grausamen Elternmord aus seiner Verantwortung herauswinden kann?“ Angesichts dessen müsse es bei dem ursprünglichen Urteil – lebenslange Haft wegen Anstiftung zum Mord – bleiben. Stephanie P.s Aussagen zur möglichen Vergiftung von Elfriede P. spielen laut Weyde wegen des fehlenden Aufklärungserfolgs keine Rolle.

Rätselhafte Substanzen

Das sieht Verteidiger Alexander Seifert anders. „Ohne die Aussagen meiner Mandantin hätte sich die Polizei nie einen Reim auf die bestellten Substanzen und das Geschirr in der Garagengrube machen können“, sagt er. Erst durch die Aussagen von Stephanie P. sei klar gewesen, dass der Mord lange geplant war. „Es hätte ja auch eine spontane Zornaufwallung von Ingo P. sein können“, so Seifert. Die Ermittler hätte im Zeugenstand betont, wie wichtig es sei, die Leichen zu finden, weil sonst eine Verurteilung nur schwer möglich sei. „Es mag sein, dass die Ermittler irgendwann im Anbau gesucht hätten, aber keiner weiß wie lange das noch gedauert hätte“, sagt Seifert.


Das „Was-wäre-wenn-Verfahren“

Das „Was-wäre-wenn-Verfahren“ lehnt Stephanie P.s zweiter Rechtsanwalt, Michael Spengler, ab. „Auf die Angaben meiner Mandantin wurden Ermittlungen gestützt. Das Alternativ­geschehen müssen wir nicht bemühen, weil es nicht stattgefunden hat“, sagt er. Beide Anwälte schließen mit der Forderung einer Begrenzung der Haftstrafe auf elf Jahre. Die 19. Strafkammer wird ihr Urteil am Montag verkünden.

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