Serie: Unsere Burgen, unsere Schlösser

Schloss Haimendorf: Die Legende vom Ross ohne Reiter

Schlossherr Bolko von Oetinger auf dem Wall hinter Schloss Haimendorf (oben).2013/08/bolko_von_oetinger_schloss.jpg

HAIMENDORF – In unserer Serie stellen wir in losen Abständen die Schlösser und Burgen im Landkreis vor. Heute: Schloss Haimendorf, dessen Erbauer sein Leben lassen musste, als er auf dem Weg zu seinem zukünftigen Herrensitz war.

Man schreibt das Jahr 1567. Eigentlich will es sich Carl Fürer von Haimendorf, Senator der Stadt Nürnberg, demnächst in seinem Schloss in Haimendorf gemütlich machen. Doch dann kommt alles ganz anders als gedacht. Die Bauarbeiten an seinem neuen Domizil sind weitgehend abgeschlossen, es geht nur noch um einige ergänzende Arbeiten. Er ist gerade auf dem Rücken seines Rosses auf dem Weg von Nürnberg zu seinem zukünftigen Herrensitz, als ihn Räuber in der Nähe von Diepersdorf überfallen und ermorden. Sein Pferd soll pflichtbewusst bis Haimendorf gelaufen sein, das Geld für die Bauleute im Gepäck. Heute erinnert der Fürerstein an diese Begebenheit.

Schloss Haimendorf wurde trotz des Todes des Patriziers fertig gestellt und gilt heute als einer der wichtigsten Herrensitze der Renaissance in Franken.

Seit 1476 ist das Grundstück im Besitz der Familie Fürer von Haimendorf, nachdem Anna Tucher Sigmund Fürer geheiratet hatte und das Anwesen als Mitgift an die Fürers überging. Damals stand dort jedoch nur eine Ruine. „Vorher befand  sich hier wahrscheinlich eine Burg, die vermutlich schon im ersten Markgrafenkrieg 1449 zerstört wurde“, erzählt Bolko von Oetinger. 1512 begann der Sohn von Anna und Sigmund mit dem Bau des Hauses. Doch nur wenige Jahre später machte der berühmt-berüchtigte Brandschatzer und Markgraf von Ansbach, Albrecht Alkibiades, der im Nürnberger Land sein Unwesen trieb und zahlreiche Bauten zerstörte, sein Werk zunichte. Er war der einzige, der das Wasserschloss jemals einnehmen konnte. Das war 1552.

1562 bis 1566  wurde es erneut von eingangs erwähntem Carl Fürer von Haimendorf aufgebaut. Seitdem blieb es im Wesentlichen unverändert. Abgesehen von einem nicht ganz so kleinen Detail: Heute ist das Renaissanceschloss nicht mehr von Wasser umgeben. Früher gab es zwei Wassergräben, versehen mit zwei Zugbrücken, die Schutz vor Angreifern boten. Haimendorf war ein wahres Bollwerk gegen potentielle Eindringlinge. Dort, wo heute alte Bäume stehen, hatten die Bewohner freie Sicht. Schießscharten wie Sehschlitze in den Mauern machten es Angreifern nahezu unmöglich, für das Anwesen eine ernsthafte Gefahr darzustellen. Genutzt wurde das Anwesen im Wesentlichen als Verwaltungsplatz, sozusagen „als Mediation für das Umland“. Zudem nutzten die Patrizier das Haus als Wohngebäude. Noch im 20. Jahrhundert bot die Anlage den Haimendorfern Schutz. Im zweiten Weltkrieg harrten 25 bis 30 Bewohner in dem Luftschutzkeller im Wall bei Bombenalarm aus.

Heute lassen die Halterungen der Zugbrücke über der roten Pforte und Reste des Walls erahnen, wie anders der Grund um den Haimendorfer Herrensitz früher ausgesehen haben muss. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Hälfte der Mauern und des Walls abgerissen, ich nehme an, man hat seinerzeit den Wassergraben mit dem Abtrag des Erdwalls aufgefüllt“, sagt von Oetinger. Geländerstangen an den Zugbrücken verhinderten, dass jemand ins Wasser fiel. „Schwimmen konnte damals keiner.“ An das Wasser, das vom Moritzberg kam, erinnert noch ein Bach, der durch den äußeren Graben führt. „Zwar ist das Haus nicht mehr von Wasser umgeben, dafür ist es aber leichter zu bewohnen“, sagt von Oetinger, der in die Familie Fürer von Haimendorf eingeheiratet hat, und nach dem Tod seiner Frau das Gut für die Familie verwaltet und dort auch wohnt . „Es ist ein zurückgezogener Platz mit einer bemerkenswerten Aussicht. Bei klarem Wetter kann man mit bloßem Auge die Nürnberger Burg sehen.“

Wie in einer anderen Zeit

Betritt man das Anwesen, fühlt man sich in eine andere Zeit, als Ritter noch um anmutige Burgfräulein à la Dornröschen kämpften, zurückversetzt. Durch eine lange Allee ritten die Edelmänner früher direkt auf das Gebäude mit dem Fürer von Haimendorf’schen Wappen zu, vorbei am Backhäuschen und dem Voitenhaus zu ihrer Linken. Auch heute noch versprüht Haimendorf verwunschenen Charme, wenn man es nach Durchschreiten der beiden stählernen Tore zwischen mächtigen Bäumen erblickt. Auf dem Wall hinter dem Gebäude steht eine mächtige Hochzeitslinde, die 1855 anlässlich der Hochzeit der Urgroßeltern von Oetingers verstorbener Frau gepflanzt wurde. „Der Baum möchte erinnern, das hat er gut hingekriegt“, findet von Oetinger. An die Liebe erinnert auch ein Herz, das schon immer verkehrt herum auf der Spitze eines Erkers auf dem rückwärtigen Dach angebracht war.

2000 wurde eine mehrjährige Restaurierung fällig, die sich bis 2009 hinzog. Ende der 90er Jahre brachen die Fensterstürze an der Vorderfront , und es bildeten sich gefährliche Risse. „Das Fundament war irgendwie am Schwimmen“, erinnert sich von Oetinger. Man vermutete, dass das Haus auf Eichenpfählen gebaut worden war, die verrottet waren. Dies bestätigte sich teilweise: Zwar bildeten Holzpfähle an den Außenmauern das Fundament, weiter innen, in der Mitte des Gebäudes, stieß man jedoch auf behauene Steinquader, die Grundmauern des Vorgängerbaus „Wahrscheinlich hat man die Grundfläche des Hauses beim Wiederaufbau 1562-66 vergrößert. Deshalb haben die früheren Besitzer nach außen Eichenpfähle in den Wassergraben getrieben“, vermutet von Oetinger. Da die Fassade auf den vermoderten Pfählen ruhte, begann sie sich wie eine Hülle zu bewegen, während der Kern des Hauses auf den Quader ruhend stehen blieb. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis das Haus wieder auf sicheren Füßen stand. Nötig war es außerdem, die Dachköpfe zu erneuern, die durchgefault waren.

Dazu wurde das Dach abgedeckt und jeder geschwächte Dachsparren ergänzt. Die Umbauarbeiten ließen das Haus um zehn Zentimeter wachsen, denn über die originalen Dachlatten setzte man einen Überbau mit modernen Latten. Seit den Umbauarbeiten trägt das Haus laut Bolko von Oetinger einen „stählernen Hosengürtel“, der wie beim Menschen dafür sorgt, dass die Fassade zusammen gehalten wird. Das Gebäude ist aus verschiedenen Materialien erbaut. Im Erdgeschoss wurde Bruchstein verwendet, damit kein Wasser  in obere Stockwerke dringt, während die oberen Stockwerke von Mauern aus Sandstein umschlossen sind. Dieser saugt sich mit Wasser voll, sodass „die Fassade bei Regen schwarz wird.“

Seit dem 19. Jahrhundert ist das Haus natursteinsichtig, das war nicht immer so. „Es hatte verschiedene Farbphasen“, sagt von Oetinger. So war es ursprünglich rosa, aber auch gelb und weiß. Immer noch sind an bestimmten Stellen Farbreste aus den verschiedenen Epochen erkennbar. „Man soll die Spuren der Zeit ruhig sehen können.“L. DEGENHARDT

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