30 Minuten mit der HZ

Emmanuelle Bischof – eine Französin in Franken

Emmanuelle Bischof backt in ihrer Küche Macarons auf Bestellung – für sie ein Stück Frankreich in der neuen Heimat. | Foto: A. Pitsch2019/09/IMG_6701.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Die Ferien neigen sich dem Ende zu. Die vergangenen Wochen haben wir in der HZ-Redaktion genutzt, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen und uns ihre Geschichte erzählen zu lassen. Heute erzählt Emmanuelle Bischof über Heimat.

Sie sind Französin. Was hat Sie denn nach Deutschland verschlagen?
Emmanuelle Bischof: Das erste Mal war ich hier mit dem Schüleraustausch des PPG. Mir hat die Gegend gleich gut gefallen. Also habe ich mir noch zwei Mal selbst eine Austauschfamilie organisiert und war danach jedes Jahr im Sommer ein paar Wochen zu Besuch. Nach dem Abi habe ich meine Prüfung zum internationalen Handel nicht bestanden und wollte das Jahr bis zur nächsten Prüfung als Au-pair in Lauf überbrücken. Aber dann wollte ich gar nicht mehr zurück, habe eine Lehre angefangen und bin hier hängen geblieben. Meine Prüfung habe ich übrigens doch noch nachgeholt und bestanden.

Und wie kamen Sie nach Reichenschwand?
Über meinen Mann. Wir haben uns über die Austauschpartnerin meiner Schwester kennengelernt. Jetzt sind wir schon seit 13 Jahren verheiratet. Als waschechter Reichenschwander geht man nicht aus dem Dorf weg, also bin ich hier gelandet.

Das hört sich so an, als hätten Sie nie Probleme gehabt, von den eher skeptischen Franken aufgenommen zu werden.
Nein, gar nicht. Meine Au-pair-Oma wurde damals von Bekannten vor den Franzosen gewarnt, das hat sie aber nicht ernst genommen und mir das erst Jahre später erzählt. Ich bin überall mit hin genommen worden, Und das Lustige war: Als ich meine Lehre gemacht habe, konnte ich wegen meines Abiturs verkürzen – und musste kein Deutsch belegen! Letztens haben meine Schwiegereltern und wir uns über Ausländer unterhalten. Da habe ich gesagt, ich bin ja auch einer. Meinten sie: „Du doch nicht, Du gehörst doch dazu!“

Rollendes „r“

Wo sind sich Franken und Franzosen denn ähnlich?
Sie sind beide hilfsbereit und zuverlässig. Ich habe hier wie in Frankreich sehr treue Freunde. Und meine Söhne haben beide Mentalitäten unter sich aufgeteilt: Emil ist der Franke, er rollt das „r“. Felix ist der Franzose. Sie sprechen natürlich beide Französisch – mit mir, wenn sie über Papa schimpfen oder wenn andere Leute sie nicht verstehen sollen.

Was bedeutet Heimat für Sie?
Ich habe das Glück, dass ich zwei Heimaten habe. Ich fühle mich hier Zuhause, mag als kleiner Chaot die deutsche Ordnung. Einmal im Jahr fahre ich alleine mit den Kindern mehrere Wochen nach Les Sables-d’Olonne. Danach ist es schön, wieder nach Hause zu kommen. Schwierig ist für mich halt die Distanz zu meinen Eltern; ich kann nicht einfach mal schnell hinfahren. Also Heimat sind für mich die Menschen um mich herum.

Seit Jahresanfang fertigen Sie eine Spezialität aus Frankreich: Fühlen Sie sich mit den Macarons der Heimat näher?
Damit habe ich mir schon ein Stück Zuhause mit hergenommen. Ich habe die Macarons schon immer geliebt und meine Kinder auch. Da dachte ich, ich probiere das einfach mal, habe mir Bücher gekauft und im Internet geschaut. Nach und nach sind sie immer besser geworden.

Verbinden Sie das Gebäck mit bestimmten Erinnerungen?
Nein, gar nicht. Ich habe zwar schon immer gerne gebacken, aber nie vorher Macarons. Erst meinen Kindern zu Liebe.

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Vom Backen für die Familie bis zu Bestellungen für Kunden ist aber ein weiter Weg.
Das hat rund neun Monate gedauert – das ist sozusagen mein Baby. Eine französische Freundin gab mir zunächst den Tipp, doch Kurse an der Volkshochschule zu geben; das mache ich immer noch. Darüber kam die Idee, die Macarons zu verkaufen. Also habe ich bei der Lebensmittelüberwachung gefragt, was ich brauche: Extrakühlschrank, geflieste Wände in der Küche, Fliegengitter, zweites Spülbecken und ich darf nur arbeiten, wenn die Kinder nicht in der Küche sind. Ein neuer Kollege des Kontrolleurs war überrascht, weil der mir die Genehmigung erteilt hat, dass ich das daheim machen darf. Hat er gesagt: Sie hat zuerst gefragt und dann angefangen.

Konditor in der Küche

Und das war die einzige Hürde?
Nein, die Handwerkskammer hat mein Projekt gestoppt, weil ich keine Meisterin bin. Es half auch nichts, dass ich nur auf Bestellung backe. Mit 45 Jahren war ich zu alt, die Konditorenlehre zu machen, eine französische Ausbildung wäre nicht anerkannt worden. Also hätte ich meine beweisen sollen, dass ich das Konditorenhandwerk beherrsche. Aber ich wollte ja nur Macarons machen! Über viele Gespräche mit der Kammer durfte ich dann daheim in Gegenwart eines Konditors eine praktische Prüfung nur für Macarons ablegen. Für die Theorie musste ich rechtliche und hygienische Grundlagen auswendig lernen.

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihr Gebäck?
Da probiere ich immer etwas aus. Ich verwende nur drei Farben und die mische ich nach Gefühl. Daher wird jede Charge anders. Bunten Zucker habe ich selbst hergestellt und den streue ich, wie es mir gefällt. Macarons haben zwar nur wenige Zutaten, aber die müssen hochwertig sein. Daher beziehe ich beispielsweise Schokolade aus Frankreich.

Macarons muss man einmal versucht haben, weil …
… weil sie lecker sind, wie mein Sohn Felix sagt. Und weil man ein Stück Frankreich bekommt, ohne wegzufahren.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch