Corona-Krise

Die großen Zukunftssorgen der kleinen Händler

Markus Birner hat in seinem Lotto-Laden viel Kontakt mit Menschen und bekommt so Meinungen und Stimmungen mit. Das macht ihm Sorge. | Foto: Pitsch2021/04/IMG-20210409-085634.jpg

REICHENSCHWAND – „Ich bin Gott sei Dank systemrelevant“, sagt Markus Birner. Auch wenn es dem Besitzer von „Limbos Lotto-Laden“ wirtschaftlich besser geht als Teilen der geschlossenen Betriebe, treiben ihn Zukunftssorgen um, die nicht nur mit der Corona-Krise zu tun haben. Aber sie verstärken sie.

Markus Birner kommt gerne mit seinen Kunden ins Gespräch. Doch auch seine Kundschaft ist weniger geworden: „Mir fehlen die Leute aus der Gastro, die freitags immer in der Metro waren.“ Trotzdem bekommt er jede Menge mit, wie es den Menschen so geht. Von Freunden aus verschiedenen Branchen hört er immer wieder diesen Satz: „Noch haben wir Geld, aber die Frage ist, wie lange noch.“

Birner sieht den wirtschaftlichen Schaden, der durch die Corona-Krise entsteht. Er selbst sei mit einem blauen Auge bislang durchgekommen, aber Einbußen, Kurzarbeit, Staatshilfen – das ist „ein ewiger Rattenschwanz“. Einer, den vor allem einmal seine Kinder zu spüren bekommen werden, denkt Birner. Um die macht er sich besonders Sorgen: „Das ist wirklich eine verlorene Generation.“ Den Mädchen und Jungs würden soziale Kontakte fehlen, das unbeschwerte Spielen mit anderen, schlicht viele Erfahrungen im Leben.

Dorf im Vorteil

Klar ist ihm auch, dass gerade für Kinder das Dorfleben ein echter Luxus ist: „Wir haben direkt die Natur vor der Haustür und können uns im Ort versorgen.“ Und dennoch hinterfragt er beispielsweise die Zahlungen an die Eltern für die Kinderbetreuung daheim kritisch: „Hätte man diese ganzen Gelder nicht deutschlandweit dazu hernehmen können, um zum Beispiel Lüftungsanlagen in den Schulen und Kindergärten einzubauen?“

Über solche Dinge diskutiert Birner mit seinen Kunden und hat dabei festgestellt: „Alle haben die Situation satt.“ Dazu komme eine riesige Verunsicherung von Alt bis Jung, weil sich keiner mehr zwischen all den Wahrheiten und Regelungen auskenne. „Die Stimmung kippt“, hat Birner das Gefühl. Seien die Leute im ersten Lockdown noch entspannt gewesen, so würden sie nun ungeduldig warten, bis sie bedient werden.

Nur noch Schwarz oder Weiß

Gründe dafür kann Birner gleich mehrere aufzählen: „Uns sind in der schnelllebigen Zeit immer mehr Werte verloren gegangen.“ Menschen könnten teilweise nicht mal mehr „Guten Morgen“ wünschen oder auf der Straße grüßen. Ein Ausdruck von Respekt, findet Birner. Und genau den brauche man auch, wenn es um gegenseitiges Verständnis geht, also darum, andere Meinungen zu respektieren. „Bei uns gibt es aber keinen Mittelweg mehr“, hat er den Eindruck. Dieses Phänomen beobachte er seit etwa 2015.

„Ich akzeptiere, dass sich Menschen impfen lassen und dass sie Angst vor dem Virus haben“, erklärt Birner. Er selbst wolle den Pieks beispielsweise nicht. Nicht-Geimpften dann gewisse Dinge und Rechte zu verwehren, das kommt ihm einer Brandmarkung wie vor 80 Jahren gleich. „Ich habe große Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft.“

Kopf einschalten

Zu dieser trage eben auch die Politik bei: „Ich hätte mir eine Linie gewünscht.“ Doch da merke man den Wahlkampf in diesem Jahr. „Die können und wollen deswegen nicht an einem Strang ziehen.“ Das würde es jedoch brauchen, ist Birner überzeugt, um den Zusammenhalt auch in der Bevölkerung zu stärken. Hier könne Politik durchaus etwas bewirken, auch wenn diese den Bürgern nach Birners Ansicht zu oft Regelungen auferlegt, die mit Menschenverstand und Rücksicht vielleicht gar nicht nötig wären.

Gerade in seinem Berufsfeld „liegt viel in der Hand der Verbraucher“. Er könne als kleiner Laden längst nicht mehr eine volle Auswahl an Zigaretten oder Zeitschriften bieten; auch könne er nicht rund um die Uhr geöffnet haben. Klar verstehe er, wenn dann jemand woanders kauft, aber wo bringe das die Menschen hin? „Wer verdient an einer Ananas aus Südamerika, die einen Euro kostet?“ Und sei nicht eine lokale Versorgung gerade in Zeiten wie dieser und angesichts der Überalterung sinnvoll? „Wenn alles nur noch auf große 24/7-Märkte hinausläuft, werden die ganzen Kleinen verschwinden.“

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