Boys Day

Wie es ist, ein männlicher Erzieher in der Kita zu sein

Mario Tyl ist aktuell der einzige Erzieher der Kita Sterntaler | Foto: Herold2018/04/Gersdorf-Boysday-Tyl.jpg

GERSDORF – Lautes, nicht böse gemeintes Gelächter hallt durch den Turnraum der Kita Sterntaler. Der Grund? Der einzige Erzieher und die zwölf Erzieherinnen wurden bei der Einweihung von diversen Rednern gelobt. „Haha. Der Erzieher ist ganz alleine.“ Auch mir treibt das ein Schmunzeln auf die Lippen. Ohne weiteren Hintergedanken – vorerst.

Wer legt fest, welche Berufe eher weiblich oder männlich sind? „Das ist doch logisch: Frauen interessieren sich für andere Sachen als Männer”, würden sicherlich viele sagen. Doch ist das nicht ein wenig zu kurz gedacht? Und noch viel wichtiger: Wie fühlen sich die, die dieser Ordnung nicht entsprechen?

„Inzwischen bin ich solche Situationen gewohnt. Am Anfang war das noch deutlich schwieriger”, erzählt Mario Tyl. Er ist der Erzieher in der Kita Sterntaler und eigentlich erst Berufspraktikant in der Ausbildung. Nachdem er zuvor in der Industrie arbeitete, hat der 25-Jährige einen Schlussstrich gezogen und eine Ausbildung zum Erzieher begonnen. Raus aus dem stereotypischen Job, der ihm keinen Spaß mehr gemacht hat, rein ins Fadenkreuz.

„Es kommen immer viele Fragen: Wie ist es alleine unter Frauen?”, sagt er. Doch damit habe er keine Problem. Bereits auf der Realschule war er der einzige Junge in der Klasse.

Bayern ist Schlusslicht

Dass es deutlich mehr Erzieherinnen gibt, zeigt sich bereits in der Ausbildung. In Tyls Klasse sind sieben Männer und 24 Frauen. Im Vergleich extrem ausgeglichen: Im Jahr 2017 ergab eine Studie des Statistischen Bundesamt, dass in Bayern nur 3,6 Prozent der Erzieher männlich sind. Damit ist Bayern Schlusslicht in dieser Kategorie. In Deutschland sind es insgesamt 5,2 Prozent – mit steigender Tendenz.

„Das entwickelt sich sehr positiv in den vergangenen Jahren. Früher waren zwei Männer in einer Klasse normal”, sagt Tyl zufrieden. Zudem gebe es immer Möglichkeiten, sich mit anderen Männern auszutauschen. Gruppen auf Facebook beispielsweise. „Ich finde es allerdings blöd, mich nur an Männern zu orientieren”, erklärt Tyl: „Ich frage jeden, der sich auskennt.”

„Die Jungs finden es schon cool, mit einem Mann zu spielen“, sagt Mario Tyl. Wie man sehen kann, hat er Recht. | Foto: Herold2018/04/Gersdorf-Boysday-Tyl-2.jpg

Dass er in der Praxis einen anderen Draht zu den Kinder hat als seine Kolleginnen, ist durchaus erkennbar. „Die Jungs finden es schon cool, mit einem Mann spielen zu können”, sagt Tyl. Ein wichtiger Grund, weshalb männliche Erzieher nicht nur als normal sondern als wichtig angesehen werden sollten.

Für ihn waren Erfahrungen in der Jugend mit ausschlaggebend für seine Berufswahl. Tyl war als Kind selbst in Jugendgruppen, die von Männern geleitet wurden. Im fortgeschrittenen Alter fuhr er als ehrenamtlicher Betreuer mit auf Jugendfahrten. Auch auf Kinder, deren Väter nicht mehr zu Hause wohnen, hat er einen besonderen Einfluss: „Man merkt schon, dass solche Kids mehr an mir als an meinen Kolleginnen hängen.”

Gehalt spielt große Rolle

Einige Erzieher haben erlebt, dass ihnen grundlos sexuelle Belästigung unterstellt werde. Einfach, weil sie Männer sind. „Sowas habe ich zum Glück noch nie selbst erlebt, aber es kommt vor”, ordnet Tyl ein.

Wie man den Beruf interessanter für Männer gestalten könne, sei extrem schwierig einzuschätzen, so Tyl.

„Natürlich spielt auch das Gehalt eine große Rolle”, sagt er: „Ich glaube allerdings, dass viele die strikte Einteilung noch in ihrem Kopf haben und bei Erziehern immer an Frauen denken.”

Parallel zur Arbeit als Erzieher arbeitet Tyl nebenberuflich bei einer Security-Firma. Dort komme es regelmäßig zu lustigen Situationen. „Manche Leute glauben mir nicht, wenn ich sage, dass ich Erzieher bin”, sagt Tyl. Ein Problem hat er damit nicht: „Die meisten Leute finden es aber sehr gut und sagen nach anfänglicher Verwunderung, dass es zu mir passt.” Zu unangenehmen Situationen ist es noch nicht gekommen, erklärt Tyl. Wie die Einweihung der Kita zeigte, ist es aber auch noch nicht normal.

N-Land Lukas Herold
Lukas Herold