So feierte eine christliche syrische Familie in Lauf

Ein gemeinsames Weihnachtsfest in Sicherheit

In Lauf kann die syrische Familie zum ersten Mal wieder vereint Weihnachten feiern (v. l.): Hanan, Sandra, Maria, die Gastgeber Marion und Icho Touma, Johnny und Michel. | Foto: Alisa Müller2015/12/pz-112618_weihnachtenfluechtlingesyrientoumalaufalm.jpg

LAUF — Ein ruhiges, friedliches Weihnachtsfest im Kreis der ganzen Familie: Was in Deutschland so normal ist, dass kaum jemand darüber nachdenkt, ist in zahlreichen Regionen der Welt unmöglich. Eine christliche syrische Familie konnte dieses Jahr in Lauf zum ersten Mal wieder vereint Weihnachten feiern. Die PZ stattete ihr am 24. Dezember einen Besuch ab und stellte fest, wie eng Freude und Leid beieinander liegen.

Zu fünft sind sie im September in Lauf angekommen: Die Eltern Michel und Hanan mit ihren Kindern Sandra (24), Johnny (20) und Maria (14). Eines Tages standen sie in Kotzenhof vor der Tür von Icho Touma, einem Cousin von Michel. „Bis dahin hatten wir nur sporadisch Kontakt“, erzählt Ichos Frau Marion, für die diese Situation nicht ganz neu ist: Bereits im Februar waren Verwandte von Icho als Kontingentflüchtlinge nach Lauf gekommen (die PZ berichtete).

Eng geht es Weihnachten zu im Reihenhaus der Toumas in Kotzenhof, die Stimmung ist trotzdem fröhlich. Ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum steht in einer Ecke des Wohnzimmers, darunter eine große Krippe, auf dem Esstisch leuchten die vier Kerzen eines Adventskranzes.

Für die syrische Familie könnte der Kontrast zu Weihnachten vor einem Jahr nicht größer sein: Mutter Hanan war mit ihren drei Kindern in den Libanon geflüchtet, die Festtage verbrachten sie dort. „Es war sehr traurig, wir hatten eine Schale Obst auf dem Tisch, das war alles“, erzählt sie. Ihre Augen werden trüb, wenn sie zurückdenkt. Am schlimmsten sei die Ungewissheit gewesen: Wie geht es Michel, der zunächst in Syrien zurückgeblieben war? Nicht einmal per Handy war ein Lebenszeichen von ihm zu bekommen.

Das Heimatdorf der Familie in der Region Hasaka wurde im Februar 2015 von Kämpfern des Islamischen Staats (IS) überrannt. Im September schließlich flüchtete auch Michel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Syrien und fand seine Familie im Libanon wieder. Gemeinsam schlugen sie sich über die sogenannte Balkanroute bis nach Deutschland durch.

Über die Zeit, die er allein in Syrien verbracht hat, spricht Michel bis heute mit niemandem. „Wir vermuten, dass er erpresst wurde. Vielleicht hat er auch versucht, mit dem IS zu verhandeln“, meint Marion Touma. Der ehemalige Schreiner und Schlosser tut sich in Deutschland schwer: Denn zum ersten Mal in seinem Leben ist er auf die Hilfe anderer angewiesen. Er übernimmt zwar Hausmeisterarbeiten zum Beispiel im Laufer CVJM und hilft mit, wo er nur kann – doch wenn sich jemand dafür erkenntlich zeigen will, lehnt er das kategorisch ab.

Traditionen werden gepflegt

Dass die syrische Familie das diesjährige Weihnachtsfest gemeinsam verbringen kann, ist für sie das größte Geschenk. „Wir pflegen unsere weihnachtlichen Traditionen dieses Jahr viel intensiver, um es für alle so schön wie möglich zu machen“, erzählt Marion Touma. Zum Beispiel haben alle zusammen deutsche und arabische Plätzchen gebacken. Die exotischen Zutaten für die nicht allzu süßen, dafür umso würzigeren arabischen Leckereien hat Hanan in einem türkischen Laden gefunden. Auch die aufwändige Süßspeise Baklava haben sie selbst gemacht: „Nur syrische Frauen können behaupten, dass das keine Arbeit ist!“, sagt Marion Touma und lacht.

Doch wie ist das deutsche Weihnachten überhaupt im Vergleich mit dem Fest der Christen in Syrien? Tochter Sandra gibt zu: Ein bisschen komisch sei es ja schon, dass in Deutschland häufig nur mit der engsten Familie gefeiert wird. In Syrien besucht man sich an Weihnachten gegenseitig, zahlreiche Verwandte und Nachbarn kommen ins Haus. Begrüßt werden sie mit einem Schluck Glühwein, dazu gibt es festliches Essen: gefüllte Weinblätter und gefüllte Fleischklößchen in den verschiedensten Varianten.

Traditionell kleidet sich die Familie für Weihnachten neu ein, die Frauen gehen extra zum Friseur und machen sich hübsch. In die Kirche geht man entweder morgens oder um Mitternacht – und die Straßen sind weihnachtlich geschmückt, ähnlich wie in Deutschland. Auch das Wetter ist in diesem Jahr vergleichbar: Schnee gibt es zwar keinen, aber kalt sei es an Weihnachten auch in Syrien, erzählt Sandra.

„Weihnachten und Silvester wird in Syrien einfach viel besser gefeiert als in Europa!“, sagt Michel mit einem Augenzwinkern. Bei der Erinnerung an die friedliche Zeit vor dem Krieg in seiner Heimat taut er sichtlich auf. Doch seine Frau wird plötzlich ernst, Tränen laufen ihr über die Wangen. Die Erinnerungen an die glücklichen Tage und an die vielen Verwandten, die sie in diesem Jahr nicht sehen wird, sind zu viel für sie. Tochter Sandra, die bisher so beherrscht wirkte und oft lächelte, muss kurz den Raum verlassen.

„Leicht ist es nun mal nicht – für keinen“, lächelt Marion Touma fast entschuldigend. Doch die Gewissheit, in Sicherheit ein friedliches Weihnachtsfest feiern zu können, ist für alle in diesem Jahr das Wichtigste.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren