Letzte Laufer Märchentage fanden heute ein Ende

Der letzte Vorhang fiel

Spannend wurde es bei der bekannten Geschichte „Der Golem“, erzählt von Renate Wagner. Die pensionierte Lehrerin fesselte ihr Publikum mit den im Prager Judenviertel spielenden Ereignisse. | Foto: KIrchmayer2016/09/Laufer-Marchentage-Golem-Renate-Wagner.jpg

LAUF — Das letzte Mal Märchen, Sagen und Legenden: An diesem Wochenende ist ein Stück Laufer Kulturgeschichte zu Ende gegangen. Unter dem Motto „Entlang der goldenen Straße“ fanden von Freitag bis Sonntag die 24. und letzten Laufer Märchentage statt.

Für die offizielle Auftaktveranstaltung der 24. Laufer Märchentage, die diesmal im PZ-Kulturraum stattfand, baute Rolf-Bernhard Essig sprachlich „goldene Brücken“ und scheute auch vor „heißen Eisen“ nicht zurück: Beides sind Redewendungen, die heute noch in Gebrauch sind und deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen.Essig ist mittlerweile vielen bekannt als Autor unterhaltsamer Sachbücher, in denen es um unsere Sprache und die Bedeutung und Herkunft von Sprichwörtern geht. Er ist auch Autor der Kolumne „RedensArt“ in den Nürnberger Nachrichten.

Nach der Begrüßung durch den dritten Bürgermeister Thomas Lang, der allen Sponsoren sowie den beiden Hauptorganisatorinnen der Märchentage, Sabine Raile und Ulrike Böhm, für deren Einsatz dankte, stimmte Letztere auf das Thema ein und stellte gleich mit einer Reihe von geläufigen Redewendungen den Referenten vor.

Essig sang „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“, spielte dabei mit einem Miniatur-Skelett und baute sich damit sprichwörtlich selbst die goldene Brücke ins Mittelalter, in die Zeit Kaiser Karls IV., als die Pest Europa heimsuchte. Auch als „schwarzer Tod“ bezeichnet, lässt diese heute zum Glück nur noch sprachlich in der Redewendung „schwarz ärgern“ grüßen.

Ebenso kenntnisreich und wie temperamentvoll vermittelte Essig nach diesem Einstieg in geradezu rasanter Folge Wissenswertes wie Anekdotisches: Wer denkt beispielsweise schon daran, dass „typisch“ auf die Typen beim Buchdruck oder der „Drahtzieher“ eines Verbrechens tatsächlich auf den harmlosen mittelalterlichen Handwerksberuf zurückgeht? Elegant und sprachlich gewandt leitete er von einem zum nächsten Sprichwort über. Immer wieder zog er auch das Publikum ein, das gerne mitdachte und -machte.

Sprichwörter unter der Lupe

Dass die deutsche Sprache über annähernd 300 000 Redewendungen verfügt, wusste allerdings keiner; und dass es neben den gut ableitbaren und erklärbaren – wie „heißes Eisen“, „im Hals stecken bleiben“ oder „einen Narren gefressen haben“ – auch viele andere gibt, deren Herkunft selbst einem Experten wie Essig schleierhaft bleibt, wie „ins Bockshorn jagen“, dürfte manch einen angesichts des umfangreichen Fachwissens des Referenten beruhigt haben. Denn auf so gut wie jede Frage hatte er eine Antwort parat, und – da biss die Maus auch an diesem Abend keinen Faden ab – sein Vortrag war interessant und unterhaltsam.

Und obwohl er tatsächlich den Nachbau eines mittelalterlichen Leuchters in Form eines Kopfes mit geöffnetem Mund – niederdeutsch „Mul ap“ – dabei hatte, hielt er an diesem Abend keineswegs „Maulaffen feil“. Der Applaus des Publikums war dementsprechend lang und begeistert, und nicht wenige ließen sich das eine oder andere Buch vom Autor signieren.

Am Samstag fand die 24. und letzte lange Erzählnacht im sehr gut besuchten Saal des evangelischen Gemeindehauses in der Luitpoldstraße statt. Der Verein „DornRosen e. V.“, der die Laufer Märchentage ins Leben gerufen hat, löst sich auf (die PZ berichtete). Daher schwang auch ein bisschen Wehmut mit, als es sich an diesem Abend um „Goldtaler und Straßenstaub“ und vieles mehr drehte. Neun Erzählerinnen, zwei Erzähler, ein Musiker sowie ein Moderator zogen bei der über vierstündigen Veranstaltung alle Register ihres Könnens.

Mit der Fabel vom Samurai und dem Spatzen und dem Fazit der Geschichte – „Jeder tut das, was er am besten kann“, – stimmte Moderator Christian Mayer-Glauninger charmant auf den Abend ein. Zwischen den Märchen setzte Pavel Sandorf mit Klarinette und Gitarre die passenden musikalischen Akzente.

Viel Applaus für Sabine Raile

Alle Erzähler haben ihr Wissen und Können bei den DornRosen erworben, die meisten wurden sogar von Sabine Raile selbst unterrichtet. Diese genoss sichtlich ihren letzten höchst amüsanten und vom Publikum bejubelten Auftritt. Als erzählfreudige Kräuterfrau bewies sie, dass sich auch die schlitzohrige jüdische Geschichte „A Fiestele is a Fiestele“ – Ein Fest ist ein Fest – ohne Weiteres ins Fränkische übertragen lässt und dabei nichts von ihrem Witz einbüßt.

Die Vorsitzende des Vereins, Ulrike Böhm. zeigte mit „Der Hutmacher“ ihr Erzähltalent, und Dieter Wank ließ bei „Die Königin der Kesselflicker“ das Publikum dank seines ausgeprägten schauspielerischen Könnens intensiv an der Liebesgeschichte der Prinzessin Katharina mit ihrem Kesselflicker Kasimir Wolfram teilhaben. Daneben ging es um Küchenjungen und Königstöchter, arme Jäger, und reiche Kleriker, die ihre wohlverdiente Prügelstrafe bekommen – das märchenhafte Angebot war bunt gemischt und bot reichlich Stoff zum Schmunzeln, zum Nachdenken und einfach zum Genießen. Zu letzterem trugen auch zwei längere Pausen bei, die vom überwiegend weiblichen Märchen-Publikum für angeregte Gespräche genutzt wurden, während Erika Vogel mit einem reichhaltigen Buffet für das leibliche Wohl sorgte.

Am Samstag und Sonntag stand das große Märchenfest für Kinder ab drei Jahren im Laufer Industriemuseum auf dem Programm. Neben Rumpelstilzchen und Froschkönig hatte auch der bekannte Golem, der nachts in den Straßen und Gassen des Prager Judenviertels für Sicherheit sorgte, seinen großen Auftritt. Renate Wagner sorgte mit ihrer lebendigen Erzählweise für viel Spannung bei Klein und Groß. Das Industriemuseum sorgte für die passende Kulisse.

Sabine Raile blickt nach 24 Jahren trotz aller Wehmut zufrieden auf ihre Arbeit und die des „Märchenzentrums DornRosen e. V.“ zurück. Als sie zum Abschluss der Märchennacht eine Rose überreicht bekam, musste sie, wie sie später zugab, doch „sehr schlucken“. Ihr Fazit lautet aber: „Es ist gut so! Wir haben eine gute Zeit gehabt“.

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