Im Oktober ist Welt-Psoriasistag

Wenn’s schuppt und juckt: Fehler im Immunsystem

Die Verfärbungen an Svens Nägeln zeigen es: Hier versteckt sich Schuppenflechte, die für harte Nägel und schmerzhaften Druck sorgt. Foto: A. Pitsch2015/10/Weltpsoriasistag.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Sie kamen, als er 18 Jahre alt war: Schuppige, gerötete, juckende Flecken auf Bauch, Rücken, an Knien, Ellbogen, am Kopf und an den drückenden und sehr harten Nägeln. Ein Ärztemarathon folgte, bis feststand: Das ist Psoriasis. Sven ist damit einer von etwa zwei Millionen Deutschen, die unter Schuppenflechte leiden. Mit dem Welt-Psoriasistag am 29. Oktober wird auf die anhaltende Unter- und Fehlversorgung dieser Erkrankung aufmerksam gemacht.

„Man muss die Blicke und Fragen schon ertragen können“, blickt Sven zurück. Schwimmbadbesuche, Duschen beim Fußball – das braucht ein „gutes Selbstbewusstsein“ und einen offenen Umgang mit dem Thema. Wohl auch deshalb hat er keine negativen Erfahrungen gemacht. Bei anderen Betroffen ist das nicht so: „Einer unserer Patienten hat Schuppenflechte an den Händen und Kontakt zu Kunden, das macht ihn langsam depressiv“, sagt Prof. Dr. Ulrich Amon vom Internationalen Hautarztzentrum DermAllegra. Kein Wunder, oft werden Erkrankte gefragt, ob das ansteckend sei, Ekel schlägt ihnen entgegen, ein Badbesuch wird ihnen verwehrt.

Doch was ist Psoriasis eigentlich und woher kommt sie? „Es ist nicht nur eine Hautkrankheit“, macht Dr. Raul Yaguboglu klar. Auch wenn man das bis vor einigen Jahren dachte und die Schuppenflechte mit UV-Licht, Cortison-Cremes, speziellen Salben und Kopfhautmitteln behandelt hat. „Bei einer leichten Form reicht das heute auch noch.“ Daher cremt Sven seine Flecken regelmäßig ein – seit rund 15 Jahren. Aber das dämmt nur die Erscheinung ein, nicht die Ursache, denn Psoriasis ist eine Systemerkrankung, also eine Fehlsteuerung des Immunsystems. Und davon gibt es laut Amon zwei Varianten: Tritt die Schuppenflechte vor dem 40. Lebensjahr auf, ist sie genetisch bedingt, wie bei etwa Dreivierteln der Betroffenen. „Sind beide Eltern erkrankt, ist die Wahrscheinlichkeit beim Kind sehr groß“, erklärt Amon, denn die Krankheit ist vererbbar. Unter bestimmten Konstellationen spielt das Immunsystem dann verrückt, so Amon, und der erste Schub kommt. Meist mündet er in eine chronische Erkrankung. Auslöser kann zum Beispiel eine Mandelentzündung sein. Oder eine entzündliche Darmerkrankung kann das Vorzeichen einer Schuppenflechte sein. „Je stärker die Entzündung, desto stärker ist meist die Schuppenflechte“, wissen die beiden Mediziner.

Psoriasis kommt also nie allein daher, sondern sie wird von assoziierten Erkrankungen begleitet, wie Arthritis mit schmerzhaften Gelenken, ähnlich einer schweren Rheumaerkrankung. Darunter leiden etwa 30 Prozent der Patienten. Die gleiche Zahl an Betroffenen weist eine mittelschwere bis schwere Schuppenflechte auf. Diese Männer und Frauen haben dann nicht nur die Hauterscheinungen an den typischen Stellen wie Ellenbogen, Kniestreckseiten oder Kopf, sondern oft sehr großflächig. Und sie haben gehäuft Übergewicht, hohen Blutdruck oder Stoffwechselprobleme. Das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall schnellt in die Höhe.

„Hier wirkt unsere Zivilisation mit Rauchen, ungesundem Essen, wenig Bewegung leider fördernd“, sagt Amon. Ein Teufelskreis – Gelenkschmerzen verhindern Bewegung, Gewicht setzt an, Schuppenflechte wird akut. „Man muss also auch seinen Lebensstil anpassen“, ergänzt Yaguboglu. Ruhe kann die Symptome lindern, Stress verursacht Eruptionsdruck und neue Flecken. „Daher fragen wir in einem Bogen die Lebensqualität der Patienten ab“, gibt Amon einen Einblick in die ganzheitlichen Behandlungsmethoden. Liegt der Wert über fünf, besteht eigentlich schon „therapeutischer Handlungsbedarf“.

Überbelastung kann auch ein Auslöser für die Spätform der Schuppenflechte sein, die nach dem 40. Lebensjahr auftritt. „Grund sind hier spontane Mutationen bei Entzündungen“, erläutert Amon. Weitere Einflussfaktoren können unter anderem bestimmte Medikamente (zum Beispiel Beta-Blocker und ACE-Hemmer) oder bösartige Erkrankungen sein. „Die Spätform der Psoriasis verläuft oft milder“, weiß der Hautexperte. Hier reichen meist Cremes und Salben zur Behandlung aus – wie bei Sven. Er hat seinen Hausarzt schon oft gefragt, ob er noch was dagegen machen könne.

„Für uns sind die Hausärzte, deren Kenntnisse sich in den letzten zehn Jahren in Sachen Schuppenflechte deutlich verbessert haben, ein wichtiges Bindeglied“, sagt Amon. Viele gehen zum Hausarzt, weil sie beim Dermatologen lange auf einen Termin warten müssen. „Der Austausch mit den Hausärzten ist sehr positiv, zum Beispiel beim Einstellen vom Blutdruck und beim Umgang mit Stoffwechselkrankheiten“, fügt Yaguboglu hinzu. Für die neue, im Juni in Deutschland erstmals zugelassene Therapie sind aber die Experten zuständig. „Es ist ein Quantensprung hinsichtlich Umfang der Wirkung und Geschwindigkeit des Wirkungseintritts“, erzählen die beiden Ärzte. Mit Spritzen wird ein Antikörper gegen das an der Entstehung der Schuppenflechte beteiligte Entzündungsmolekül Interleukin 17 dem Immunsystem zugeführt. „Das hat selbst bei uns für Erstaunen und Aha-Erlebnisse gesorgt.“

Das Ende der Fahnenstange scheint damit aber noch nicht erreicht: Menschen mit schweren Entzündungen haben nicht selten niedrige Vitamin D-Werte. „Das Vitamin D hat offensichtlich positive Auswirkungen“, meinen Amon und Yaguboglu.

Doch nicht nur bei DermAllegra kann Psoriasis-Erkrankten geholfen werden: Umfangreiche Therapien bietet auch die Hautklinik PsoriSol an. Von den 3600 Patienten, die hier jährlich behandelt werden, leidet ein Großteil an der Schuppenflechte, erzählt Chefärztin Dr. Clarissa Allmacher. „Wir bieten beispielsweise alle Formen der Lichttherapie an, entwickeln individuelle Konzepte, die auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sind.“

Die PsoriSol engagiert sich seit langem, um den Opfern der chronischen Erkrankung Linderung oder gar Heilung zu bringen: Erst vor einiger Zeit tagte in der PsoriSol der Dachverband aller Psoriasis-Selbsthilfegruppen – 30 Experten reisten aus dem gesamten Bundesgebiet in die Hautklinik.

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