Podiumsdiskussion zur Ukraine-Krise

„Das Aufbegehren musste kommen“

Dr. Helmut Ritzer, Moderator Georg Escher (Bild), Dr. René Tomingas und Fritz Körber sprachen über die Ukraine-Krise. Foto: A. Pitsch2014/05/5_2_1_2_20140523_UKRAINE.jpg

HERSBRUCK – Viel war und ist zu lesen über die Situation in der Ukraine. Was braucht es da eine Podiumsdiskussion ausgerechnet in Hersbruck? „Die Krise dort ist eben kein regionaler Konflikt, in einem Land, das in den Köpfen nicht präsent ist“, gab Stephan Krimm, Vorsitzender der veranstaltenden SPD Hersbruck, die passende Antwort. Schließlich bestehen dank Hilfsorganisationen und Einzelpersonen seit 1989 viele Kontakte in das osteuropäische Land. Mit Fritz Körber, Helmut Ritzer und René Tomingas führten drei lokale Experten eine angeregte und engagierte Diskussion mit dem Publikum. Reibungspunkte bei der Ursachenforschung waren das Verhalten der EU, die Unterdrückung der Russen in der Ukraine, innergesellschaftliche Spannungen und der geschichtlich bedingte Imperialismus von West und Ost.

Dass die drei Herren nicht generell einer Meinung sein werden, war nicht nur der vielschichtigen und komplizierten Thematik „Ukraine-Krise – Ursachen, Lösungen, aktuelle Lage“ geschuldet, sondern auch den drei unterschiedlichen Zugängen der Redner: Helmut Ritzer, Vize-Präsident des Landtags a.D., ist bekannt als Beobachter der EU-Außenpolitik. René Tomingas, Kreisrat und Chefarzt a.D. mit Beziehungen nach Estland, bot die Sicht von außen aus einem Land heraus, das ebenfalls das Zusammenleben mit russischen Staatsbürgern kennt. Und Fritz Körber, stellvertretender Bezirkstagspräsident a. D. und Initiator von „Hilfe für Charkiv“, aufgrund seiner langjährigen caritativen Tätigkeit den Blick von innen.

Daher führte er dem Publikum die riesige Kluft zwischen Leuten, „die in Geld schwimmen“, und ganz Armen vor Augen: Im Krankenhaus in Charkiv muss der Patient seine eigene Bettwäsche mitbringen, seine Medikamente bei der Apotheke selbst holen und zahlen und die Angehörigen müssen ihn mit Essen versorgen. Eskaliert sei die Lage in der Stadt trotz eines Anschlags auf den Bürgermeister vor einigen Wochen nicht, aber: „Freunde dort haben mir von einem Besuch im April abgeraten, weil es keine Garantie für meine Sicherheit gibt.“

Und damit waren Redner und Publikum, die fundiert von Moderator Georg Escher, Außenpolitik-Experte der Nürnberger Nachrichten, durch den Abend geführt wurden, schon mittendrin in der Frage, wer welche Fehler gemacht hat und wie es zur Krise kommen konnte. Denn als eine mögliche Ursache wurde genau diese Diskrepanz zwischen Arm und Reich ausgemacht, die laut Körber und Otto Wolze die gesellschaftlichen Spannungen förmlich heraufbeschwörte. „Wenn man deren Reichtum sieht, war klar, dass das Volk irgendwann aufbegehrt“, meinte Körber. „Deren“, das sind die Oligarchen wie Julija Timoschenko oder Wiktor Janukowitsch – superreiche Politiker, die ihre eigenen Interessen verfolgen.

Bleibt die Frage, in wie weit bei all dem die Russen mitmischen und ob Janukowitsch die Verhandlungen zum Assoziierungsabkommen mit der EU aus eigenem Antrieb oder auf Geheiß von Russlands Präsident Wladimir Putin auf Eis gelegt hat. Nach Meinung von Brigitte Zepf vom Partnerschaftsverein Charkiv-Nürnberg habe diese Tatsache sowie die Notstandsgesetze zur Stärkung der Oligarchen vor allem die jungen Leute auf die Straße getrieben: „Die haben sich auf das Abkommen gefreut.“

Damit ist auch die EU im Spiel: Klitschko und Westerwelle hätten den Ukrainern falsche Versprechungen gemacht von einer raschen Aufnahme in die Gemeinschaft, ist aus dem Publikum zu hören. Überhaupt trete der Westen in der Krise nicht einheitlich auf, die EU verfolge eine andere Linie als die USA, lässt diese aber gewähren. „Ist das richtig?“, warf Escher ein. Er hält von einem „Klein-machen“ der Europäer gegenüber Amerika nichts. Körber stimmte in diesen Tenor ein, warf den USA in Person von Präsident Barack Obama eine „unrühmliche Rolle“ vor, wenn dieser Putin mit Bemerkungen à la „Russland sei nur noch eine regionale Macht“ geradezu anstachele: „Damit trifft er den russischen Stolz.“

Will Putin die Ost-Ukraine denn überhaupt?, stellte Escher fast rhetorisch gefragt in den Raum. Nicht nur Stephan Krimm sieht dieses Einhalt-Gebieten gegenüber dem Westen als eine Form der innenpolitischen und nationalen Stärkung – schließlich handelt es sich bei der Ukraine um einen ehemaligen GUS-Staat. Und genau diesen historischen Umstand rückte Tomingas in den Blickpunkt: „Die Krise war eine logische Entwicklung, da Putin den Zusammenbruch der Sowjetunion als größte Katastrophe sieht.“ Nach dieser Schwächephase Russlands und der ablehnenden, gar aggressiven Haltung des Westens gegenüber dem ehemaligen Zarenreich, sinnt dieses unter Putin auf alte Größe und Macht – die Ukraine, ein Opfer imperialistischer Bestrebungen.

Und genau deshalb, waren sich Ritzer und Escher einig, konnte ein Ziehen der Ukraine gen Westen durch das Assoziierungsabkommen ohne Absprache mit Russland nur in den aktuellen Entwicklungen enden. Eine Rolle spielen bei politischen Entscheidungen aber auch immer wirtschaftliche Abhängigkeiten und das Thema Energieversorgung. Ohne mögliche Lösungsansätze wollte der klug agierende Moderator die Runde nicht gehen lassen. „Viel Diplomatie ist nötig“, meinte Körber, „aber ob die greift?“ Die Hoffnungen ruhen daher auf Einzelpersonen und den Wahlen in der EU und der Ukraine am kommenden Sonntag.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren