30 Minuten mit der HZ

Annette Deinzer über Entspannung im Alltag

Annette Deinzer in ihrem Garten in Hersbruck, in dem sie unter anderem Qi Gong anbietet. | Foto: M. Gundel2019/08/Annette.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Endlich Ferien. Endlich Zeit für sich selbst, für die Familie, für Freunde. Auch wir in der HZ-Redaktion nehmen uns jetzt immer mal wieder eine kleine Auszeit und tun das, was wir am liebsten machen: mit Leuten ins Gespräch kommen und uns ihre Geschichte erzählen lassen. Heute: 30 Minuten mit Annette Deinzer. Sie bietet Qi Gong und andere Entspannungsmethoden in Hersbruck an.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht: Was stresst die Menschen besonders?
Annette Deinzer: Die Arbeit sticht schon hervor, es wird aber auch viel darauf geschoben. Wenn ich gerne zu Hause bin, richte ich meine Arbeit danach ein. Bin ich es nicht, stürze ich mich noch mehr in die Arbeit. Wenn die drei Komponenten – Hobby, Familie und Beruf – passen und ich an allem Freude habe, gelingt es auch, alles gleich einzuteilen. Und wenn ich weiß, was ich will, zum Beispiel weniger Stunden zu arbeiten, dann spielt meist auch der Chef mit.

Nicht alle sind in ihrem Beruf so flexibel. Oder sie würden gern weniger arbeiten, sind aber auf das Geld angewiesen.
Ich sage immer: Geht nicht, gibt’s nicht. Ich kann alles ändern, wenn ich es wirklich will. Man sollte sich die Frage stellen: Für was brauche ich das Geld wirklich? Bin ich wirklich auf ein zweites Auto angewiesen? Ich verstehe die Leute nicht, die unglücklich in ihrem Job sind, sich darüber beschweren und trotzdem weitermachen.

Stress ist subjektiv. Wie merke ich selbst, dass es zu viel geworden ist?
Die meisten merken es leider erst dann, wenn es zu spät ist. Wenn sie morgens nicht in die Pötte kommen oder zu nichts mehr Lust haben. Auch wenn große Veränderungen von außen eintreten, wie beispielsweise eine Krankheit oder Trennung, merken manche erst, dass etwas nicht stimmt. Einige verändern dann sehr schnell etwas in ihrem Leben, andere kommen rasch wieder in ihren alten Trott zurück.

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Wie kann man Entspannung in seinen eigenen Alltag integrieren?
Man sollte sich einen Stundenplan zurechtlegen, in dem man sich beispielsweise morgens oder abends eine halbe Stunde Zeit für sich nimmt. Und dann nicht nur eine Tasse Kaffee trinkt und etwas liest, sondern ein aktives Programm durchzieht. Zum Beispiel Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Qi Gong oder ähnliches. Um sich dafür Zeit zu nehmen, sollte man sich überlegen: „Was kann ich aus meinem Alltag streichen und stattdessen mit dem gewählten Übungsprogramm meine Lebenslust und Leistungskraft erhalten“. Und generell das Wort „Muss“ aus dem eigenen Wortschatz verbannen.

Wann zeigt sich die erste Wirkung?
Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manche stellen schon nach einer Woche eine Veränderung fest, aber die Faustregel besagt, dass es rund 90 Tage dauert. Wichtig ist, kontinuierlich zu trainieren, damit die Übungen irgendwann zum Alltag gehören. So wie Zähneputzen.

Jeder ist schwach

Wie kann sich Stress auf den Körper auswirken?
Psychischer Stress greift oft auch an einer körperlichen Schwachstelle an. Und die hat jeder Mensch. Dadurch können sich ernsthafte Krankheiten entwickeln.

Der Begriff Achtsamkeit ist heute in aller Munde. Wie ist er zu so großer Aufmerksamkeit gelangt?
Einfach dadurch, dass Europäer ihn aus den fernöstlichen Lehren importiert und relativ schnell bei uns eingeführt haben. Wenn es dann auch durch Wissenschaftler oder Professoren publik gemacht wird, entsteht schnell ein Hype. Wir vergessen aber oft, dass Achtsamkeit auch in unserer Kultur vorkommt: etwa beim Beten oder bei einer Schweigewoche (Exerzitien) im Kloster. Das berühmte „Ora et labora“ ist schon Jahrhunderte alt und im Endeffekt mit der Achtsamkeitslehre vergleichbar.

Burnout ist fast zur Volkskrankheit geworden. Liegt’s an der modernen Arbeitswelt oder daran, dass man es früher noch nicht in der Art kannte?
An beidem. Man hat dem Kind irgendwann einen Namen gegeben. Aber auch unsere Arbeitswelt hat sich verändert, der Mensch lässt sich mehr in sie hineindrücken. Weil wir zu oft nach Erfolg, Reichtum und Anerkennung suchen. Dabei sollten wir uns einmal fragen: Für wen oder was brauche ich überhaupt Anerkennung? Außerdem ist unsere Gesellschaft schnelllebiger geworden, was auch mit modernen Medien zu tun hat. Ich habe zum Beispiel erst seit kurzem ein Smartphone und schaue nur zwei Mal am Tag drauf. Wenn ich Mails am PC bearbeite, mache ich das an einem Stück – und schalte ihn dann wieder aus.

Wie unterscheidet sich Qi Gong, Tai Ji und Co. von anderen Sportarten?
Generell hat jede Sportart ihre Berechtigung, solange es für denjenigen passt und er seine Freude daran hat. Das Besondere an den fernöstlichen Bewegungskünsten ist, dass sie dem Körper immer mehr Energie zuführen. Und: Man kommt einmal aus dem Leistungsdenken heraus.

N-Land Marina Gundel
Marina Gundel