Die Lockerung kommt für viele fast zu spät

Friseuren steht das Wasser bis zum Hals

Christopher Mayers Friseursalon in Lauf darf wie alle anderen in Bayern ab 4. Mai wieder öffnen. Um seine Kunden bei der Stange zu halten, bietet er bis dahin Livestreams im Internet an, wie auf dem Bild zum Beispiel für Föhnfrisuren. | Foto: Kirchmayer2020/04/Friseur-Mayer-Lauf.jpg

NÜRNBERGER LAND – „Wir sind ein Berufsstand, wo man von der Hand in den Mund arbeitet“, sagt Theo Koni. Der Laufer ist Obermeister der Friseurinnung im Nürnberger Land. Rücklagen gibt es in seiner Branche kaum. „Warum auch?“, fragt Koni. Wirtschaftskrisen gibt es immer wieder, aber dass jemals alle Friseure wochenlang schließen müssen, „wer hätte das gedacht?“

Umso schwerer treffen die aktuelle Pandemie und die damit verbundenen Ausgangsbeschränkungen die Branche. Die Einnahmen sind weggebrochen, seit am 21. März die Friseure von den Schließungen betroffen waren, Ausgaben wie Miete gibt es aber weiterhin. Viele Salons stellen die insgesamt sechs Wochen Pause auf eine harte Probe, weiß Theo Koni. Er spricht von „Existenzängsten“, die viele Kollegen jetzt hätten.

Immerhin weiß die Branche jetzt, wie lange sie noch ausharren muss: Ab 4. Mai dürfen Friseure wieder öffnen, wie die Bayerische Regierung am Donnerstag vergangener Woche bekannt gegeben hat.

Koni betreibt mittlerweile einen Straßenverkauf, aber das, was dort finanziell zusammenkommt, ist „ein Tropfen auf dem heißen Stein“, wie er sagt. Auch die Einnahmen durch Gutscheine würden der Branche nicht viel weiterhelfen, „das macht das Kraut nicht fett“, der Umsatz fehle ja dann später.

Laufende Kosten sind hoch

15 000 Euro laufende Kosten hat Konis Laufer Kollege Christopher Mayer im Monat. Nur einen Bruchteil davon kann er durch den Verkauf von Pflegeprodukten und Gutscheinen decken. Mayer lobt das Verhalten seiner Kunden, aber ihm ist auch klar: Was er heute an Gutscheinen verkauft, nimmt er im Mai zunächst weniger ein.

Der junge Friseur hat auf die erzwungene Untätigkeit reagiert: Er bietet Livestreams im Internet an, in denen er Kundinnen erklärt, wie sie ihre Haare stylen können, oder Kunden in der richtigen Bartpflege unterrichtet. „Das kommt super an“, freut sich Mayer, somit ließe sich auch die Kundennähe ein Stück weit gewährleisten.

Angestellte sind in Kurzarbeit

Sein neunköpfiges Team hat er in Kurzarbeit geschickt, es gibt ja nichts zu tun. „Am Anfang bricht eine Welt zusammen“, erinnert sich Mayer an die Nachricht, dass die Friseure schließen müssen. Seinen Salon hat er seit dreieinhalb Jahren, „wir sind mitten in der Entwicklungsphase“. Da kalkuliert man knapp. Rücklagen? Fehlanzeige.

Und Hilfe vom Staat? Die kommt viel zu spät, klagt Mayer. 5000 Euro hat er mittlerweile als Soforthilfe bekommen, von den 15000 Euro, die er beantragt hat. Die Information, dass es möglich ist, die Sozialversicherung zu stunden, sei „viel zu spät gekommen“, sie sei schon abgebucht gewesen, ehe er den Antrag einreichen konnte, ärgert sich Mayer.

Bei einem Telefonat mit einem Angestellten des Bezirks Mittelfranken in Ansbach sei er abgewürgt worden, sein Gesprächspartner habe irgendwann einfach aufgelegt. Kredite der Förderbank KfW könne er sich langfristig nicht leisten. Was tun? „Ich will keinen Mitarbeiter entlassen“, beharrt Mayer. In höchster Not halfen ihm seine Eltern finanziell aus der Patsche. Einige Rechnungen hat er auch stunden können.

Soforthilfen kommen nicht an

Bei vielen Friseuren sei die angekündigte Soforthilfe vom Staat bis heute nicht angekommen, auch bei ihm selbst nicht, ergänzt Koni. Aber er hat auch Verständnis für die Politik, die bei einer Flut von Anträgen aus vielen Wirtschaftszweigen erst einmal alle abarbeiten muss.

Dass sie Anfang Mai wieder aufmachen dürfen, erleichtert die Friseure. Mayer hat Hunderte Nachrichten mit Terminanfragen auf dem Handy. „Der Ansturm ist riesig.“ Doch wie viele Kunden er künftig gleichzeitig in seinem Salon mit etwas über 100 Quadratmetern bedienen darf, steht noch nicht fest. Er und seine Kollegen warten auf genauere Angaben von der Innung, unter welchen Umständen sie wieder zu Schere und Kamm greifen dürfen – und wie viele Personen sich gleichzeitig in den Salons aufhalten dürfen.

Eine Wohltat für die Seele

Eines aber ist klar: Dass es weitergeht, kann die Branche kaum erwarten. Nicht nur finanziell. „Die Kunden fehlen uns, wir vermissen sie“, sagt Koni. Und er ist überzeugt, dass es andersherum genauso ist. Sich die Haare waschen und schneiden lassen, sich danach richtig frisch zu fühlen, „das tut der Seele gut“.

Es habe bisher keinen bestätigten Fall einer Infektion in einem Friseursalon gegeben. Und man werde für die nötigen Sicherheitsvorkehrungen sorgen. „Die Kunden brauchen keine Angst zu haben“, so der Obermeister im Nürnberger Land.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren