Interview zur Fairen Woche

Fairtrade ist nicht gleich Fairtrade

Leidenschaft und viel Engagement: Claudia Friedrich und Helmut Schleif betreiben seit vielen Jahren den Fairen Jakob in Feucht. | Foto: Mock2018/09/Feucht-Faire-Woche-Helmut-Schleif-Claudia-Friedrich.jpg

FEUCHT – Seit gestern versucht die Faire Woche wieder, auf die Vorteile des fairen Handels aufmerksam zu machen. Im Interview spricht Weltladen-Mitarbeiter Helmut Schleif über die Bekämpfung von Fluchtursachen, Klimawandel und darüber, was es beim Kauf von fair gehandelten Produkten zu beachten gibt. Schleif ist mit seiner Kollegin Claudia Friedrich seit vielen Jahren verantwortlich für den Weltladen Der Faire Jakob der evangelischen Gemeinde Feucht.

Herr Schleif, Feucht ist seit Januar diesen Jahres zertifizierte Fairtrade-Gemeinde. Gibt es insgesamt einen Trend zu mehr fair gehandelten Produkten?
Helmut Schleif: Es gibt schon Veränderungen. In Feucht gibt es zum Bespiel eine Reihe von Unternehmen, die fair gehandelte Produkte anbieten. Aber wir müssen natürlich weiterhin daran arbeiten, das Bewusstsein in der Bevölkerung zu stärken. Viele haben kein klares Bild, was fairer Handel und Weltladen eigentlich bedeuten.

Das Motto der diesjährigen Aktionswoche lautet „Gemeinsam für ein gutes Klima“. Wie hängen Klimawandel und fairer Handel zusammen?
Schleif: Die Auswirkungen des Klimawandels sind im fairen Handel unmittelbar zu spüren. Wir merken das jetzt schon. Manchmal bekommen wir bestimmte Produkte nicht, zum Beispiel Nüsse. Es gibt Ernteausfälle wegen Überflutungen oder Trockenheit. Wir hatten eine zeitlang Mützen und Handschuhe aus Alpakawolle aus Peru. Das Land hatte einen sehr harten Winter, alles nur noch Eis und Schnee. Die Tiere sind erfroren. Wir hatten ein Jahr lang keine Lieferung für die Ware. Der faire Handel ist von diesen klimabedingten Ausfällen wesentlich stärker betroffen als der konventionelle Vertrieb.

Inwiefern?
Schleif: Hinter jedem unserer Produkte steht eine Kooperative, die unterstützt wird. Wenn es in diesem Bereich Ausfälle gibt, fällt die ganze Kooperative weg. Es ist viel schwieriger Ersatz zu finden. Die Möglichkeiten sind nicht so groß, wie im Konventionellen. Dort kommt es eher zur Verknappung der Güter, nicht zum Totalausfall. Dann steigen in der Regel die Preise und das wars. Bei uns können aber manche Sachen einfach nicht mehr besorgt werden.

Abgesehen vom Klima, welche weiteren wichtigen Auswirkungen, hat fairer Handel?
Schleif: Der faire Handel kann Wirtschaftsflüchtlinge verhindern. Er ist indirekte Flüchtlingsarbeit: Wenn die Menschen in ihrem Land genügend verdienen, wenn sie ihre Familie ernähren und ihre Kinder zur Schule schicken können, haben sie keinen Grund auszuwandern. In manchen Fällen leiden die Flüchtlinge unter Wasserknappheit. Auch hier kann der faire Handel helfen, die Ursachen für die Fluch zu bekämpfen und die Situation vor Ort zu verbessern.

Was könnte die Politik tun, um fairen Handel zu unterstützen?
Schleif: Es gibt über 900 Weltläden in Deutschland, die fast ausschließlich, bis auf wenige Ausnahmen, mit Ehrenamtlichen arbeiten, so wie wir. Wir würden uns wünschen, dass wir mehr personelle Unterstützung, zum Beispiel über das Freiwillige Soziale Jahr, bekommen. Mehr Aufklärung könnte auch nicht schaden. Grundsätzlich müsste einfach mehr Geld zur Verfügung gestellt werden.

Fairer Handel ist mehr als nur das Verkaufen von fair produzierten Produkten. Was gehört noch dazu?
Schleif: Erst mal natürlich die finanzielle Unterstützung, die die einzelnen Kooperativen vor Ort durch den Verkauf ihrer Produkte erhalten. Nachhaltigkeit und Menschenrechte sind natürlich auch ganz essentiell. Ein besonders wichtiger Teil ist Bildungsarbeit hierzulande. Man muss bereits in den Schulen anfangen, zu informieren. Das Altdorfer Leibniz-Gymnasium ist eines der wenigen Gymnasien in Bayern, das sich mit dem Thema beschäftigt. Die Grundschule Schwarzenbruck ist Fairtrade-Schule. Das sind gute Ansätze, die das Bewusstsein der Schüler schärfen. Wir bieten auch hier im Laden Informationsveranstaltungen an, in denen wir Schulklassen die Waren zeigen und ihnen erklären, wie fairer Handel funktioniert. Erfreulich ist, dass es immer mehr Fairtrade-Gemeinden gibt: Feucht, Altdorf, Hersbruck, Lauf. Das werden immer mehr.

Apropos Bildungsarbeit: Wie wirksam sind Aktionen wie die Faire Woche? Nur was fürs gute Gewissen?
Schleif: Wir machen seit mehren Jahren mit dem Café Bernstein ein faires Frühstück. Da sieht der Kunde, was es alles an Produkten gibt und kann diese auch probieren. Ich denke es ist eine gute Möglichkeit damit in Kontakt zu kommen und zu sehen, dass die Qualität gut und der Preis gerechtfertigt ist.

Worauf kann der Verbraucher beim Kauf achten?
Schleif: Das Problem ist, dass anders als bei Bio der Begriff „fair“ nicht geschützt ist. Wichtig ist deswegen, das Kleingedruckte zu lesen. Bei Produkten mit Fairtrade Logo beim Discounter, würde ich empfehlen auch nachzuschauen, was denn wirklich drin ist. Ist zum Beispiel normaler Zucker verwendet worden oder ist er Fairtrade? Wie hoch ist der Fairtradeanteil? Manche Produkte mit Fairtrade Logo haben nur einen Anteil von 20 Prozent, das heißt mit dem Kauf dieser Ware unterstütze ich trotzdem zu 80 Prozent konventionellen Handel.Wir sind die Hardliner in den Weltläden. Wir versuchen Produkte zu verkaufen, bei denen der Fairtraideanteil möglichst hoch ist. Am besten 100 Prozent. Sie finden fast kein Produkt mehr, dass ein Fairtraide Logo hat. Die Firmen, die wir handeln haben ein eigenes Logo.

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?
Schleif: Wir haben hier Kaffee ohne Ende, aber keinen, der auch vor Ort verarbeitet wurde. Der Rohkaffee kommt nach Deutschland und wird dann hier erst zum fertigen Produkt. Das muss sich ändern. Der ganze Prozess sollte idealer Weise im Ursprungsland ablaufen. Das ist natürlich momentan schwierig, weil oft die Infrastruktur fehlt und die Korruption sehr hoch ist. Aber trotzdem sollte man Versuche starten. Für unsere Gemeinde würde ich mir eine Eine-Welt-Station wünschen, in der wir noch mehr für die Bildungsarbeit tun können. Mit einem Raum zum Diskutieren und Filmezeigen, mit Info-Materialien für Schulen und Interessierte. Wir haben im Landkreis bisher noch keine. Das könnte unser Alleinstellungsmerkmal werden.

Die Faire Woche ist die größte Aktionswoche zum fairen Handel in Deutschland. Bis zum 28. September informiert sie über fairen Handel weltweit. Veranstalter ist das Forum Fairer Handel in Kooperation mit Trans-Fair und dem Weltladen-Dachverband. Die Planung und Umsetzung der jährlich rund 2000 bis 2500 Aktionen übernehmen lokale Veranstalter.

N-Land Magdalena Mock
Magdalena Mock