Finales „public listening“ gab’s in der Ruine

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BURGTHANN – „Public listening“ statt „public viewing“: Mehr Erfolg als die deutschen Kicker hatten die beteiligten Musiker der Bands am vergangenen Wochenende beim Open air „Jazz in der Burg“. Während allerorten auf großen Leinwänden verfolgt wurde, wie die Elf von Jogi Löw sich den Pokal aus der Hand nehmen ließ, beobachteten und belauschten die Besucher des Jazz-Burgfestes bis zu neun unterschiedliche Bands – und die waren sogar live zu sehen und zu hören. Pokal gab es zwar keinen, aber jede Menge interessanter Hör-Erlebnisse.
Zu den Highlights des Festivals gehörten ohne Zweifel der Opener am Freitag, das Frantisek Kop Quartet, der Top-Act am Samstagabend mit Rainer Glas und die TQU Frank Heinz Group am Sonntagnachmittag. Doch auch die anderen Jazzer, Rocker, Blueser und Experimentalisten konnten sich hören lassen. Da sich das Wetter auch heuer wieder von der optimalen Seite präsentierte, konnte die Veranstaltung im Freien stattfinden und litt lediglich am Sonntagabend unter progressivem Besucherschwund jener Musikfans, die nicht auf die Fußballübertragung verzichten wollten.
Nach dem Freiluft-Auftakt durch das Soundorchester Burgthann, das heuer zehnjähriges Bestehen feiert, und dem in Burgthanner Jazzkreisen alten Bekannten Tex Döring gab es coolen Jazz mit einer warmen Stimme: Cila Hakel bewies mit bezaubernder Bühnenpräsenz, dass sie nicht nur singen und überzeugende Jazz-Nummern komponieren, sondern auch sehr viel Gefühl in die Interpretationen der ganz Großen legen kann: Songs von Tom Waits und Ben Harper in bemerkenswertem Arrangement waren da zu hören und die Band mit dem Ausnahme-Gitarristen Paulo Morello begleitete perfekt. Konzentriert, mit geschlossenen Augen und viel Rhythmusgefühl stand sie auf der Bühne und begeisterte nicht nur Jazz-Liebhaber.
Weltmusik im besten Sinn war von den neun Leuten des Rainer Glas Jazz Ensembles zu hören. „Eine Reise um die Welt“ war das Motto seines Auftritts und dementsprechend unterschiedlich die Songs. Die Bandmitglieder und Gäste zeigten, dass sich Jazz und eigentliche „Volks“-Musik zu einer ausgezeichneten Synthese eignen, wenn sich nur Klasse-Musiker einem solchen Vorhaben widmen. „Volksmusik“ ist hier natürlich im wahrsten Sinn des Wortes zu verstehen: Es geht um die ursprünglichen Volks-Klänge aus Irland, Frankreich, Polen, Russland, Afrika, Indien, Lateinamerika oder Australien. 
Ein jazziges Feuerwerk wurde so über der Burg abgebrannt, als die Musiker von Kontinent zu Kontinent hüpften, die ethnisch interessanten Merkmale der jeweiligen Musik herausarbeiteten und mit dem Klangteppich, den die Stammmusiker gelegt hatten, verwoben. So wechselten balladige Sounds mit rhythmisch stark akzentuierten, die unterschiedlichsten Instrumente wurden dazu eingesetzt und die Künstler überraschten mit fetzigen Soli. Herausragend: Leszek Zadlo an den Saxofonen, Jörg Widmoser mit der Violine und Carola Grey am Drumset. Ein besonderes Kabinettstückchen war das Duett, das sich die junge Dame mit dem Percussionisten Biboul Darouiche lieferte.
Als defensiven Jazz könnte man die Musik von der Frank Heinz Group TQU bezeichnen. Nicht dass es irgendjemand auf die vier abgesehen gehabt hätte. Doch allzu starke emotionale Beteiligung des Publikums oder der agierenden Musiker scheint nicht ihr Ding zu sein. Umso mehr aber exaktes, akademisches Spiel. Zunächst vielfach verhalten, beginnen die drei Musiker um den Posaunisten Frank Heinz ihren Vortrag, gelegentlich stark unterkühlt und etwas brav. Dann aber geben sie bisweilen ordentlich Gas, sowohl was Dynamik, Geschwindigkeit und Lautstärke angeht. Und trotz aller Perfektion sorgt dann ein kräftiger Windstoß für ein kleines Sonder-Solo des Pianisten, weil der Kontrabassist, der eigentlich an der Reihe gewesen wäre, gemeinsam mit dem Bandleader den entfleuchenden Notenblättern hinterherjagen muss.
Eine Reise durch die Bluesgeschichte versprachen die zwölf Musiker um Wolfgang Bernreuther im Programmheft. In der Tat wurden verschiedene Facetten dieser Musikrichtung vorgestellt, wobei der Schwerpunkt allerdings erstaunlicher Weise nicht auf altem authentischen Südstaaten-Blues oder Rhythm’n’Blues lag, sondern eher auf dem Country and Western Style.
Der Chef der Formation ist der einzige, der während des gesamten Auftritts die Stellung auf der Bühne hielt, die Mitspieler wechselten. Dank des beinahe gleichzeitig beginnenden Fußball-WM-Finales hatten die Protagonisten, die größtenteils aus der angrenzenden Oberpfalz stammen, es nicht ganz einfach: Immer mehr Zuhörer verließen den gemütlichen Burghof und setzten sich Richtung Fernsehgeräte oder Großleinwand ab, unter anderem auch der Mischer Klaus Riemer, der immer wieder vom Chef an seinen Arbeitsplatz gerufen werden musste und verantwortlich für viele, oftmals ein wenig umständlich wirkende verbale Überleitungen von Bernie Bernreuther war, der versuchte, keine allzu langen Pausen entstehen zu lassen, wenn das Musiker-Personal neu durchgemischt wurde.
So taten sich die elf Jungs ein wenig schwer, die Stimmung zu heben, was wohl auch an dem Konzept lag, nach und nach alle Musiker vorzustellen und erst ganz am Ende des Gigs alle auf die Bühne zu lassen. So richtig Schwung gab’s erst, als Beata Kossowska mit ihrer Bluesharp auf die Bretter trat. Ihr Temperament, ihr angenehmes Äußeres und nicht zuletzt die klasse gespielte Mundharmonika der Power-Lady rissen die Musiker-Kollegen und auch das Publikum mit, es wurde getanzt.
Das Repertoire umfasste nach vielen folkig angehauchten Cover-Versionen und Aufbereitungen von alten Bluesrock-Klassikern auch richtig heiße Rock’n’Roll-Nummern, bei denen nicht nur die vier Klampfer (Bernreuther, Kopp, Bender und Fick) ihr Bestes gaben, sondern auch Saxofonist Stefan Lamml und die beiden Banjo-Spieler Michael Steiger und Rudi Beer zeigten, dass alter Blues nie aus der Mode kommt. 

N-Land Gisa Spandler
GISA SPANDLER