Bläsersätze, die glücklich machen

Thomas Maier von Justyn Tyme überraschte mit einem Berimbau (links). Foto: Spandler2011/07/jazzfest1.jpg

BURGTHANN – Einen wahrhaft feucht-fröhlichen Auftakt erlebte das „Jazz-in-der-Burg“-Fest am letzten der drei Festival-Tage: Hatte man am Vortag noch im stimmungsvollen Burghof ausgeharrt, machte kühler Schnürlregen dies für den Sonntagmorgen unmöglich. Doch die Veranstalter nahmen‘s gelassen – schließlich hat der Jazz- und Kulturverein zwei Ausweichmöglichkeiten, von denen man dann auch Gebrauch machte. Das Collegium Dixicum lud mit swingendem, lockerem Jazz zum Frühschoppen in den Keller, in dem im Anschluss das Stefan Grasse Quintett südamerikanisches Flair vom Feinsten verbreitete.

Der bekannte Gitarrist hat vier ausgezeichnete Musiker mitgebracht und wenn er auch in Burgthann kein Unbekannter mehr ist, so überrascht er doch immer wieder durch seine musikalische Stilvielfalt und seine technische Brillanz. Unaufdringlich, informativ und humorvoll führt der Chef durch das Programm und nimmt die Zuhörer schnell für sich ein. Und die Fünf verstehen es wieder ausgezeichnet, virtuoses Können zu präsentieren und dabei die Leichtigkeit des südlichen und südamerikanischen Lebensgefühls auszudrücken. Flamenco, Musette, Tango, Samba – die einzelnen Kompositionen strotzen nur so vor positiver musikalischer Energie. Dass daneben die Musiker ihr umfangreiches Können in komplizierten Rhythmiken und äußerst ansprechenden Soli präsentieren, komplettiert den umwerfenden Gesamteindruck, so dass die Kellerbesucher ihre Begeisterung immer wieder durch stürmische Beifallskundgebungen demonstrieren. Diese gelten dem Meister am Zupfinstrument ebenso wie der großartigen Akkordeonistin Bettina Ostermeier und dem unglaublichen Vibraphonisten Radek Szarek. Dass man dem Quintett gern noch ein paar Stunden zuhören möchte, gewiss ohne sich zu langweilen, ist eben dieser besonderen Vielfalt der Musikstile und Interpretationsvariationen zu verdanken, denn die Musiker erreichen ein durchaus orchestrales Klangvolumen, kombinieren dann wieder traditionelle Rhythmen mit lupenreinen Jazz-Phrasen, lassen durch melodiöse, mit sehr leichter Hand arrangierte Tonfolgen von Stränden und Palmen träumen oder nach einem Wechsel in Dynamik und Lautstärke von den pulsierenden Gassen der lateinamerikanischen Metropolen.

Noch bunter, was den Mix an Klängen, Rhythmen, Stilen und auch Instrumenten angeht, präsentieren sich die sechs Mitglieder der Combo „Justyn Tyme“ im Rittersaal. Weniger folkig als ihre Vorgänger, dafür rockiger und deutlich funk-geprägter begeistern auch sie schnell die Zuhörer. Schon beim Intro fliegen die Fetzen, und auch diese Sechs zeigen mit raffinierten Breaks und penibel exakten Einsätzen, Bläsersätzen, die glücklich machen, unerwarteten Rhythmuswechseln sowie exotischen Taktfolgen bis hin zum 9/4-Takt, dass musikalisch-technische Perfektion und Experimentierfreudigkeit keineswegs Spaßbremsen fürs Publikum bedeuten müssen. Beginnen sie zunächst in einer klassischen Jazz-Besetzung, so zeigen die Musiker mit jedem Stück weitere Fähigkeiten, sei es an einem der zahlreichen – oft auch ungewöhnlichen – Rhythmusinstrumente oder durch prächtige Soli am Gebläse oder atemberaubende Wirbeleien an den Perkussionsgeräten.
Nicht weniger beeindrucken die jazzig-marschierenden Bassläufe von Thomas Gätjens und – als einer der Höhepunkte – die Berimbau-Vorführung von Thomas Maier. Dass er hierzu ein leeres Glas benötigt, ist nicht wirklich ein Hindernis, das Publikum hilft gern. Dann folgt das Stück „Delta“, das er auf einem afrikanisch-argentinischen Instrument mit einer einzigen Saite und eben einem Trinkglas spielt und das einen originellen Klangkörper besitzt. Seinen Erklärungen zu Folge spielt die Komposition auf das Delta des Amazonas an, das durch den Einsatz des Berimbaus verkörpert wird, und andererseits auf das des Mississippis, das durch ein Solo auf einer Mundharmonika symbolisiert wird. Was folgt, sind wilde Improvisationen mit Gong, Cajon und einem beeindruckenden Bass – die leider überschaubare Zahl der Zuschauer ist fasziniert.

Kontrastprogramm: Traditionellerweise geht bei der letzten Band, die das dreitägige Festival am Sonntagabend beschließt, die Post ab, allerdings unter der Bedingung, dass die Musik tanzbar ist. „One Step Closer“ erweist sich hierfür allerdings als geeignet, wenn auch die Arrangements oft ein bisschen ähnlich klingen. Doch die stampfenden Beats, die meist bekannten Hits der 70er und 80er Charts und ein Vorsänger, der die Großen des Showgeschäfts gestenreich kopiert, verfehlen ihre Wirkung nicht. Von Anfang an wird die Tanzfläche geentert. Prince, Stevie Wonder, Marvin Gaye und andere bekannte Titel gehören ins Repertoire und werden discomäßig aufgebürstet. Die Soli fügen sich glatt in die Nummern ein, das Piano wird leider etwas übertrommelt, Gitarrist und Bassist können sich hören lassen, stehlen den anderen aber nicht die Schau, und Tempo und Lautstärke sorgen für rhythmisches Zucken und Wippen bei den tapferen Verbliebenen im Saal der Burg. Kleine Highlights sind ein Saxofon-Solo von Keyboarder Robert Stephan und geglückte Scat-Einlagen von Helmut Sobriety. Angefeuert von diesem manchmal etwas übermotivierten Volkalisten (vielleicht, weil er ständig Cola in sich reinschüttet?), tanzt hier auch mal die jüngere Generation, die sonst beim Jazz in der Burg nicht unbedingt die Nase vorn hat. Und am Schluss natürlich – wie es der Brauch ist – auch die Helfer, ohne die nichts ging und die nach der geglückten Organisation und Durchführung wieder einmal auf ein – wenn auch vom Wetter nicht gerade verwöhntes – gelungenes Musikfest zurückblicken können.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler