Ansturm auf das Impfzentrum Röthenbach

„Besser die Spritze im Arm als im Kühlschrank“

Diese Schlange von Menschen ohne Termin bildete sich am Samstagmittag vor dem Impfzentrum. Sie alle erhielten, wie insgesamt 744 an diesem Tag, trotzem noch eine Impfung. Alle später Kommenden mussten abgewiesen werden. | Foto: Unfried2021/04/Rothenbach-Impfschlange-ohne-Termin-net.jpg

RÖTHENBACH. Den „Fluch der guten Tat“ konnte man am Samstag vor Ostern am Röthenbacher Impfzentrum erleben: Weil kurzfristig noch große Impfkapazitäten frei waren und viel mehr des Vakzins von AstraZeneca zur Verfügung stand, als angemeldete Impfwillige auf der Liste standen oder telefonisch erreichbar waren, entschieden die Maltester pragmatisch, alle Begleitpersonen auch ohne Termin mitzuimpfen. Und auch die sogenannte Priorisierung „großzügig“ auszulegen. Gemäß der auch in der großen Politik propagierten Devise „Besser impfen als nicht impfen“. Weil sich diese Informationen über die sozialen Medien im Internet aber rasend schnell verbreiteten, wurde am Karsamstag das Impfzentrum durch Impfwillige aus der ganzen Umgebung überrannt. Es kam zu einem Verkehrschaos, das über Stunden mühsam von der Feuerwehr Röthenbach wieder aufgelöst werden musste.


Mindestens 500 Personen, so die Schätzungen der Feuerwehr, die ab Samstagmittag Autofahrer und Besucher ohne Termin nicht mehr ins Impfzentrum ließ, mussten so wohl abgewiesen werden. Tatsache ist aber auch, dass am Karsamstag insgesamt 774 Impfungen durchgeführt wurden. Etwa 200 mehr als ursprünglich erwartet, auch weil man, ebenfalls wieder unbürokratisch, „Menschen, die zu diesem Zeitpunkt schon stundenlang in der Schlange gestanden hatten, nicht mehr abweisen wollte“.


„Das muss ich tatsächlich auf meine Kappe nehmen“, sagte ein sehr zerknirschter Leiter des Zentrums Herbert Zinßer gegenüber der PZ. „Ich habe am Freitag angesichts der aktuellen Lage mit großen freien Kapazitäten entschieden, so viele Menschen wie möglich mit Impfstoff zu versorgen. Das ist dann am Samstag aus dem Ruder gelaufen.“
Aufgerufen, ohne Termin nach Röthenbach zum Impfen zu fahren, haben die Malteser allerdings nie, betont Zinßer. Das haben über die sozialen Medien allerdings offenbar andere Mitarbeiter und vor allem die Menschen gemacht, die eine Impfung ohne Termin erhalten haben, so dass sich die Ereignisse am Samstag vollkommen verselbstständigten, wie es in einer Pressemitteilung des Landratsamtes heißt.


Darin wird das Geschehen noch einmal chronologisch aufgezeigt. Nach Problemen in der Impfsoftware „BayIMCO“ in der Nacht auf Donnerstag konnten viele freie Termine in Röthenbach nicht mehr vergeben werden. Daraufhin haben die Malteser zusätzlich auch Angehörige der Feuerwehr eingeladen. Trotz aller Bemühungen ist es nicht gelungen, die vorhandenen Kapazitäten für den AstraZeneca-Impfstoff auszulasten.


Hinzu kam, dass viele Erzieherinnen, die zum Impfen eingeladen waren, nicht erschienen sind. Und selbst die direkten telefonischen Einladungen an Bürger auf Wartelisten reichten nicht, um alle freien Plätze zu buchen.
Weil dadurch ein Leerlauf entstanden war und vor allem bei den Kita-Sammelterminen viele Angehörige mitkamen, hat der Leiter des Impfzentrums am Freitagabend entschieden, auch Personen der Prioritätengruppe 2 ohne Termin mitzuimpfen. „Damit allen Vorschriften zum Trotz etwas vorwärts geht, weil mir wirklich jede Spritze im Arm lieber ist als im Kühlschrank,“ sagt Zinßer. Jede Form von Vetternwirtschaft oder bewusste Bevorzugung, wie es den Maltesern zum Teil in den sozialen Netzwerken vorgeworfen wurde, weist der Zentrumsleiter aber weit von sich.


Im Gegenteil, er wollte nur einfach ein Dilemma zwischen Vorgaben und Wirklichkeit lösen. Zwar waren auch schon am Karfreitag einige Personen abgewiesen worden, die nicht der zweiten Prioritätengruppe angehörten, grundsätzlich aber hatte Zinßer die Devise ausgegeben, aufgrund der besonderen Situation großzügig auch mit den Prioritätsvorschriften umzugehen. „Dass vor Wochen beispielsweise eine 78-jährige Frau als Begleitperson ihres 84-jährigen Mannes abgewiesen wurde, sollte meiner Meinung nach nicht passieren dürfen“, so Zinßer.


„Nach der Devise ,besser impfen als nicht impfen‘ haben die Malteser aus einer Software-Notlage heraus, die sie nicht zu verantworten hatten, pragmatisch und unbürokratisch gehandelt – besondere Lagen erzwingen manchmal besondere Maßnahmen.“ So kommentiert das Landratsamt in seiner Pressemitteilung das pragmatische Vorgehen der Malteser.
Weil sich dies aber sehr undifferenziert mit einer großen Geschwindigkeit über die Sozialen Medien nach außen verbreitet habe, führte das zum Andrang am Karsamstag. Auf diese Weise wurde die pragmatische Entscheidung – jede Dosis soll so schnell wie möglich verimpft werden – konterkariert und die Ereignisse vor Ort verselbständigten sich.


So sehr, dass Malteser und der Sicherheitsdienst auf dem Gelände der Situation nicht mehr Herr wurden und die Röthenbacher Feuerwehr helfen musste. Kurz vor Mittag ließen die Feuerwehrleute dann niemanden mehr ohne Termin zum Impfzentrum, so Kommandant Martin Knorr. Zu diesem Zeitpunkt standen schon Autos auf der Staatsstraße im Stau.



Nach etwa einer Stunde war das Chaos beseitigt, die FFW regelte den Verkehr aber weiter bis zum Abend. Leider, so Kommandant Knorr, hätten seine Männer und Frauen dabei viel Ärger und Unmut abbekommen, „für den sie wirklich nichts konnten“. Interessant jedenfalls sei gewesen, dass die Autos mit Impfwilligen aus dem ganzen Umland, aus Nürnberg, Bamberg oder aus Forchheim kamen.


In vielen Kommentaren auf der Facebookseite der PZ, die am Samstag schon dazu aufgerufen hatten, nicht mehr ohne Termin nach Röthenbach zu fahren, wurden die Ereignisse kritisch kommentiert.
Für Herbert Zinßer ist die Geschichte natürlich längst nicht vorbei. Heute werden die Röthenbacher Ereignisse Thema der Corona-Besprechung im Landratsamt sein. Der Leiter des Impfzentrums versteht den Ärger von Menschen, die sich an die Regeln halten und lange keinen Impftermin bekommen durchaus. Und befürchtet deshalb nach den schlechten Erfahrungen, dass man sich künftig wohl wieder ganz an strenge Vorschriften halten muss, auch wenn dann vielleicht weniger als möglich geimpft würde.

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