Feucht kann Kultur

Wolkenbruch und Hagel-Zucker

Die Hauptattraktion des Abends, Gitarrist Roli Müller und seine Band um die Südtiroler Sängerin Lucia Kastlunger entschädigte dann aber für die nassen Stunden | Foto: Krätzer2019/05/Mueller_Lucia-Kastlunger_FkK_5-2019_737.jpg

FEUCHT – Die Mischung macht’s – das ist vermutlich einer der vielen schönen Aspekte, die das Feuchter Kulturfestival FkK im Zeidlerschlosspark so anziehend machen. Nach Heimspiel der Band „Die Namenlosen“, Latin-Jazz von „Cafe Late“ und Tanzeinlagen hatten am Samstagnachmittag „Hagel-Zucker“, „Rabo de Nube“ und abschließend Roli Müller and Friends die Bühne für sich.

Bei so einem großartigen Programm, das noch dazu einer der beliebten Dichterwettstreite, ein Poetry Slam, mit dem bekannten Moderator Michael Jakob ergänzte, störte auch der zwischenzeitliche Regenschauer nicht. Es gebe heuer zwei Premieren, stellte Dr. Birgit Friedel vom Musikbund Feucht bei ihrer Anmoderation fest: das erste Mal Regen bei FkK und ebenfalls der erste öffentliche Auftritt von „Rabo de Nube“. Zu diesem Namen, der übersetzt „Wirbelsturm“ bedeutet, gehören die Rabo de Nube-Gründerin, Sängerin Nathalie Haas, sowie die Sopranistin Katrin Küsswetter, Michael Tschöpe (Gitarre) und Petra Meier (Akkordeon, Hackbrett).

Familiäre Wurzel bis nach Chile

Regen- und zeitbedingt kürzte das Quartett sein Programm leider sehr. Doch bereits die vier vorgetragenen Lieder begeisterten mit ihrer Eindringlichkeit. Die vor kurzem entstandene Formation will entsprechend ihrer beiden Frontfrauen – Küsswetter hat klassischen Gesang studiert und Haas familiäre Wurzeln reichen nach Chile – Klassisches mit Lateinamerikanischem, Arien mit Folk und Pop verbinden.

Für ihren ersten Auftritt hatten sie Lieder zum Thema Krieg und Gewalt ausgewählt, beispielsweise das mittelalterliche Lied „Marmotte“ über die Savoyer Bergbauernkinder. In Hungerszeiten schicken ihre Eltern sie in die Fremde, um Arbeit oder zumindest Brot zu finden. Oft begleiteten die bettelnden Kinder dabei dressierte Murmeltiere, französisch „Marmotte“.

Zur schlichten Begleitung der beiden Saiteninstrumente entfaltete der Gesang eine besondere Intensität, gerade durch die unterschiedlichen Stimmlagen der beiden Sängerinnen: Haas mit dunklem Timbre, Küsswetter mit klarem, hohen Sopran. An die zwei sehr unterschiedlichen Soli, die jedes in seiner Art anrührten, schloss sich als letztes „Para la Guerra Nada“ („Für den Krieg rein gar nichts“) der Singer-Songwriterin Marta Gómez mit teils eigenen Texten an.

Klezmer geht in die Beine

Mit Geige, Gitarre und Kontrabass unternahm das Trio „Hagel-Zucker“ eine Reise in unterschiedliche Kulturen. Jiddische Volksmusik – Klezmer – die traditionell vor allem zu Festen und Hochzeiten gespielt wurde, eröffnete das Programm. Komplettiert wurde es später mit Musik der Roma, einigen Ausflügen in die klassische Musik und Wienerischem. Wie Vers und Refrain wechselten sich, leicht variiert, lebhafte und melancholisch-ruhige Passagen im ersten Lied ab. Kurz blitzen dabei Anklänge an Hora-Tänze und Hava Nagila auf. Ins Ohr gehende einfache Melodien, ein Rhythmus, der einem schnell in die Beine fährt – Klezmer-Musik ist an sich schon mitreißend.

Genau das verstand Hagel-Zucker wunderbar zu vermitteln. Während die Geige – gespielt von Angelika Lambertz – den Gefühlen in den Melodien Ausdruck verlieh, bildeten Felix Oberst (Gitarre) und sein Vater Klaus Flemming am Bass das rhythmisch-harmonische Fundament. Lambertz und Flemming kennen sich seit Jahrzehnten, seit sie zusammen am Nürnberger Konservatorium für Musik studierten. Der Zufall führte sie wieder zusammen: den Orchestermusiker mit Liebe zur fränkischen Volksmusik und die vielseitige Straßengeigerin, die ihre klassische Musik oft als „Vivaldi-Mädchen“ vor der Nürnberger Lorenz-Kirche erklingen ließ.

Im Dreierrhythmus schloss sich das nächste Lied an, in dem man Musikfacetten entdecken konnte, die an Italien, an Chansons und Schlager erinnerten. Bestens aufeinander eingestimmt, ergänzten sich die drei hervorragend, bezauberten mit ihrer Auswahl und ihrem Spiel.

Grimmiger Gitarrist

Die Hauptattraktion des Samstagabends beim Kulturfestival am Schloss war sicher der bekannte Gitarrist Roli Müller mit seiner Band, die kurz „and Friends“ heißt. „Friends“ steht für erstklassige Musiker, für Sänger John Marshall, Keyboarder Ralf Heilmann, Bassist Roland Häring und am Schlagzeug Markus Grill – und diesmal für die Sängerin Lucia Kastlunger aus San Vigil/Südtirol. Ob Instrumental wie das bekannte „Layla“ von Eric Clapton, das Roli „Eric“ Müller perfekt spielte, ob bekannter Song wie „When Josie comes home“ – mitreißend Marshall mit seiner charakteristischen Stimme – es war großartig.

Müller beherrscht alle Stilrichtungen, fühlt sich im Funk ebenso daheim wie im Jazz oder bei Pink Floyd, unplugged oder mit E-Gitarre. Bereits mit 17 Jahren eroberte er die Bühne, ist seitdem gefragter Musiker für live-Auftritte wie Studioaufnahmen. Ein Genuss, dem meist etwas grimmig blickenden Gitarristen zu lauschen, ihn bei seinen vielseitigen Soli zu folgen. Eine Klasse für sich auch Sängerin Kastlunger, die unter anderem in Nürnberg bei Reinette Van Zijtveld-Lustig und Fola Dada Jazz-Gesang studiert hat.

Sympathisch, präsent, mit leicht rauchig wirkender, vollklingender Stimme interpretierte sie ihre Songs, begeisterte mit ihrer Version von „People get ready“ oder zusammen mit Marshall bei „Old Man Take a Look at My Life“ von Neil Young. „Da waren wir sehr kreativ“, kündigte Marshall die Eigenkompositionen des Komponisten-Duos Müller-Marshall an. Melodiöse, einprägsame Themen wie beim ruhigen „Third Word Man“. Musik zum Genießen, krönender Abschluss für einen, trotz vorüberziehender Regenwolke, glänzenden Kulturtag.

N-Land Dorothée Krätzer
Dorothée Krätzer