Mitreißende Groteske der „Drei von der Brandstelle“

Weltuntergang mit Lächeln

„Die Drei von der Brandstelle“: Jürgen Heimüller, Lisa Sophie Kusz, Ewald Arenz, Helwig Arenz (v. l.). | Foto: Voss2016/03/db-brandstelle.jpg

ALTDORF – Einmal mehr hat sich das Brauhaus Altdorf als perfekte Kleinkunstbühne empfohlen. Die VHS Schwarzachtal hatte mit „Die Drei von der Brandstelle“ zur musikalisch-szenischen Lesung mit dem Schriftsteller Ewald Arenz, seinem Bruder, dem Schauspieler Helwig Arenz, dem Schauspieler Jürgen Heimüller und der Regisseurin und Schauspielerin Katja Kendler geladen.

VHS-Chefin Ulrike Scheske traf damit ganz offensichtlich den Nerv des Publikums und freute sich über eine ausverkaufte Veranstaltung, die gleich zu Anfang mit einer Überraschung aufwartete: Kendler, die „Die Drei von der Brandstelle“ inszeniert hat, fiel an diesem Abend aus. An ihrer Stelle überzeugte Lisa Sophie Kusz, die sich in kürzester Zeit bravourös ihrer Rolle angenommen hatte. Und ja, sie ist die Tochter des großen „Fitz“, Fitzgerald Kusz, die aber nicht etwa mit ihrem Namen, sondern mit ihrer begeisternden Bühnenpräsenz die Zuschauer in ihren Bann zieht.

Um es vorauszuschicken: Ewald Arenz kann mehr als „Meine kleine Welt“. „Die Drei von der Brandstelle“, das sind Texte, Lieder und Szenen aus seiner Feder, die der Zuhörer fast überrascht als herrlich überzeichnete Groteske wahrnimmt, die die Absurdität der Wirklichkeit abbildet und dabei genau die richtige Mischung zwischen vermeintlicher Despektierlichkeit und Komik trifft.

Das Weltuntergangsszenario beginnt an diesem Abend mit dem Klang einer Mundharmonika aus dem Off, der gleichsam den Rahmen der atmosphärisch dichten, folgenden Szenen und Liedvorträge einleitet: Die Welt ist untergegangen, einzig Überlebende sind zwei Musiker, die nun endlich, Apokalypse hin oder her, einen neuen Saxophonisten finden möchten. Heimüllers und Helwig Arenz’ Darstellung gestattet den Gedanken an Konstantin Stanislawski, weil sie so authentisch sind und im besten Wortsinn spielend die temporeiche Inszenierung tragen. Gänsehautgefühl kommt darum nicht nur bei Heimüllers Liedvortrag „Als der Zirkus in Flammen stand“ auf, der unser aller abgestumpfte Wahrnehmung angesichts der täglichen, medial kommunizierten Katastrophen thematisiert.

Und dann tritt er auf, Ewald Arenz, um sich bei den beiden anderen Überlebenden des Weltuntergangs als Saxophonist zu bewerben, in der Hand eine Flöte, die für ihn ein Sopransaxophon ist.

Schöner hätte der Autor das urmenschliche Verhalten, sich eine ganz eigene, gerne auch verklärte, individuelle Realität zu schaffen, nicht in Worte fassen können, die umrahmt werden von einem lebenserfahrenen, augenzwinkernden Lächeln. Immer wieder streut Arenz auch die humorigen Geschichten ein, die seine Leser so mögen. Und das zu Recht. Weil es einfach Spaß macht, wenn z.B. im Naturkundemuseum darüber sinniert wird, dass es dort zwar 50.000 ausgestopfte Tiere, aber noch keine präparierten Schauspieler gibt. Kein Schelm, wer dahinter ein vergnügtes Wortspiel vermutet.

Halluzination in Pink

Natürlich werden auch die Höhen, Tiefen und Unwägbarkeiten des menschlichen Beziehungsgeflechtes beleuchtet und das beileibe nicht nur mit Hilfe von Herbert Grönemeyers noch immer unbeantworteter musikalischer Frage: „Wann ist der Mann ein Mann?“ Sehr greifbar ist dabei Lisa Sophie Kusz, die den drei überlebenden Männern als Halluzination im pinkfarbenen Kleid erscheint.

Zutiefst berührende, rezitierte Texte zum Thema Liebe, interpretiert von allen vier Darstellern, folgen und es ist gut und richtig, dass diese ganz und gar den Rahmen der Groteske verlassen, den Arenz dann mit Schwung wieder betritt, wenn er die alltägliche Situation einer Fahrkartenkontrolle genüsslich zu einer „Diskussion über Grundrechte im öffentlichen Nahverkehr“ eskalieren lässt und er beim Kauf eines Hamsters im Zoogeschäft den Mann entlarvt, der schon lange seine Frau betrügt. Weil er eben kein Vegetarier ist. Irgendwie absurd klingt das nur einen kurzen Moment lang, bis der Zuhörer wahrnimmt, wie zahlreich sie doch sind, die Fallstricke der Kommunikation, wie omnipräsent der (Selbst-)Betrug und wie erstickend das Korsett gesellschaftlich oktroyierter Konventionen. Die Conclusio? Den Mensch einfach Mensch sein zu lassen. In all seinen Facetten. Und für manche ist dann eben eine Flöte ein Sopransaxophon. Warum auch nicht? Damit ist noch lange der Glaube an eine heile Welt nicht verloren. Heile ist sie vielleicht so sehr, wie man es ihr zugesteht. „Die Drei von der Brandstelle“ – ganz große Unterhaltung im wunderschönen Ambiente des Brauhauses Altdorf.

Susanne Voss

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