Ausstellung zu Karl IV in Ottensoos

Von Böhmen nach Europa

Renate Kirchhof-Stahlmann (links neben der Installation) hat – ebenso wie der mittelalterliche Kaiser Karl IV. – ihre Wurzeln in Böhmen. Diesen Umstand verarbeitet die Künstlerin in ihrer aktuellen Ausstellung. | Foto: Müller2016/02/karl-IV-ausstellung-kulturbahnhof-ottensoos-alm.jpg

OTTENSOOS — Mit vielen Aktionen wird in diesem Jahr der 700. Geburtstag Kaiser Karls IV. gefeiert. Die Ottensooser Künstlerin Renate Kirchhof-Stahlmann hat dabei einen sehr persönlichen Zugang zu der historischen Persönlichkeit gefunden: In ihrer Ausstellung, die am Sonntag im Kulturbahnhof Ottensoos eröffnet wurde, verbindet sie ihre Familiengeschichte mit dem Wirken des mittelalterlichen Kaisers.

Karl IV., dessen Geburtstag sich zum 700. Mal jährt, hat die Region im Mittelalter geprägt. Denn er baute die sogenannte Goldene Straße zwischen Nürnberg und Prag zur viel genutzten Handelsroute aus und schuf so enge Verbindungen nach Böhmen. Anstatt durch Kriege vergrößerte er sein Reich durch Diplomatie und geschickte Heiratspolitik – insgesamt viermal war der Kaiser verheiratet. Seine Gebiete bereiste er regelmäßig und ließ sich unter anderem das Wenzelschloss in Lauf bauen, das nach seinem Geburtsnamen Wenzel benannt ist.

Im Reisen und den Beziehungen zwischen Böhmen und dem Nürnberger Land entdeckte Renate Kirchhof-Stahlmann viele Parallelen, zu ihrer Familiengeschichte und ihrem persönlichen Schicksal. Die Verbindung zwischen Bayern und Böhmen, die als Bahnstrecke an Ottensoos vorbeiführt, beschäftigte ihre Familie über Generationen: Der Architekt Heinrich von Hügel, ein Verwandter von Renate Kirchhof-Stahlmann, war Direktor der Bayerischen Ostbahnen und baute im 19. Jahrhundert zahlreiche Bahnhöfe an der Strecke. Schon dessen Schwiegervater beschäftigte sich in Österreich mit dem Bau von Eisenbahnen. Und von Hügels Schwiegersohn – Kirchhof-Stahlmanns Urgroßvater – errichtete unter anderem Bahnen in Mähren und den Bahnhof von Salzburg.

Kirchhof-Stahlmann selbst verbrachte die ersten Jahre ihres Lebens in Liberec (Reichenberg) in Tschechien. 1946 floh sie mit ihrer Familie und fuhr in einem Viehwaggon am Ottensooser Bahnhof vorbei. Diese vielen Querverweise und Assoziationen – von der Reiselust Karls IV. über die Familientradition des Bahnbaus zwischen Bayern und Böhmen bis hin zu ihrer eigenen Flucht mit der Bahn – verarbeitete sie in der Ausstellung „Böhmische Wurzeln – Wege nach Europa“.

Den Ausstellungsraum dominiert eine große Installation aus Schrott. Die klar strukturierte Plastik ist ganz ohne Kleber, nur durch das Zusammenstecken der Teile, stabil. Sie versinnbildlicht durch beschriebene Papierstreifen die Verbindung zwischen Karl IV., seiner Familie und der Goldenen Straße. Auf Zeichnungen in Medaillonform sind die Verwandten von Renate Kirchhof-Stahlmann zu sehen. Karten verdeutlichen die Bedeutung Karls IV. für den Raum Bayern-Böhmen. Gedruckte Auszüge aus Kirchhof-Stahlmanns gezeichnetem Tagebuch erinnern an ihre Vertreibung sowie an einen Besuch in ihrer Geburtsstadt vor 25 Jahren.

Musikalisch umrahmt wurde die Ausstellungseröffnung von Anna Späth (Klangraum Schönberg) und ihrer Tochter Geneva. Sie hatten eine vierteilige Suite konzipiert, die teilweise improvisiert vorgetragen wurde. Das Mutter-Tochter-Gespann stellte musikalisch zum Beispiel die Stimmung des Mittelalters dar, in dem Karl IV. gelebt hat, oder die Geschäftigkeit eines Bahnhofs. Spannend war der Einsatz von zahlreichen verschiedenen Instrumenten, etwa selbst gebauten „Polycords“, bei denen Saiten auf Holz gespannt sind, oder einer Hirschknochenflöte.

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