Schau im Hirtenmuseum

Original Hersbrucker Bücherwerkstätte hat Jubiläum

Woldemar Fuhrmann zeigt Künstlerkollegen eine Auswahl der Kalenderblätter der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte, die seit 1974 entstanden sind. | Foto: U. Scharrer2019/06/50.jpg

HERSBRUCK  – „Ansonsten sind wir wohlgemut!“ – die ersten Aktivitäten der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte jähren sich zum 50. Mal, es gibt den einen oder anderen offenen Wunsch zum Wiegenfest. Nichtsdestotrotz zeigen sich die Buchdrucker in einer kleinen Vorfeier vor dem offiziellen Jubiläumsfest am 29. Juni gut gelaunt.

Dass die kreativen Säfte fließen wie eh und je, beweist die „Geburtstagsausstellung“, in der jeder der Männer zeigt, was ihm von seinen Werken am besten gefällt. Diese pointierte, satirische und vorwiegend schwarz-weiße Nabelschau ist eine Riesengaudi und ein künstlerisches Highlight. Die Ausstellung kann im Hirtenmuseum Freitag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr besichtigt werden, und das bis zum 15. September.

„Mit dabei sind Woldemar Fuhrmann, Michael Gölling, Armin Krohne, Thomas Lunz, Dan Reeder, Timo Reger, Günther Tobisch, Johannes Stahl und Siegfried Zimmermann – die Ausstellung ist eröffnet!“ – so kurz und knackig,wie sie es bei Vernissagen auf Rügen erlebt hat, gab die Leiterin des Hirtenmuseums, Ingrid Pflaum, den Weg in die Ausstellung frei.

Schon Legende

Was soll man auch noch groß erzählen? Die Anfänge der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte sind inzwischen Legende: wie die beiden Buchdrucker„stifte“ Michael Gölling und Günther Tobisch sich 1963 im Druckhaus Pfeiffer kennengelernt haben, wie sie 1965 bei der Umstellung des Druckverfahrens die Bleilettern, die sie schubladenweise zum Fenster hinausbefördern sollten, mit Einverständnis von Hannsgörg Pfeiffer vor der Entsorgung bewahrten: die Jugendstil- und manch andere Schrift – ebenso wie viele Druckmaschinen, für die sie auch einmal bis zum Neusiedler See reisen.

Denn die erste Rettungsaktion hatte einen regelrechten „Sammelrappel“ losgetreten, wie Michael Gölling berichtet. Wer diese Jahreszahlen aus den frühen Sechzigern liest, kann nicht umhin zu bemerken: einige der Buchdrucker müssen auf die eine oder andere Art in die Jahre gekommen sein. Ihrem sommers wie winters klammes Quartier im Mauerweg jedenfalls stünde eine Verjüngungskur nicht schlecht. Dort entwickeln sie seit 1980 Ideen und drucken ihre Kalender. Nun sucht die Original Hersbrucker Bücherwerkstätte ebenerdige Räumlichkeiten (die Druckmaschinen sind keine Leichtgewichte), die über Starkstrom und etwa 110 Quadratmeter verfügen und durchgängig heizbar sind.

Noch viel mehr

Dem Witz und Erfindungsreichtum der druckenden Männer haben Widrigkeiten keinen Abbruch tun können und auch wenn mancher Besucher im Hirtenmuseum staunt, „was da alles an den Wänden hängt“, meint Gölling: „Des is ja noch gar nix!“

Es ist aber doch etwas, nämlich ein kurzweiliger Querschnitt mit bitterbösen, ungenierten, rotzfrechen Druckerzeugnissen. Ob die Annäherung an Botticellis „Geburt der Venus“, der nach und nach die Körperformen entgleiten, ob das Frankenwappen mit gebleckter Zunge oder die genialen Gemeinschaftsblätter zum „Kreativen Loch“ oder zum „Reinheitsgebot“ oder die Auswahl an Kalenderblättern – von diesen Kreativen, die dem Nonsens ganz neuen, druckreifen Sinn abpressen, lassen sich die Hersbrucker gern den Spiegel vorhalten – Gelegenheit dazu bietet sich bis Mitte September im Deutschen Hirtenmuseum.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer