Rezension des (auto)biografischen Romans von Werner Haussel

Mit den Ahnen im Gespräch

Cover des biografischen Romans mit dem Foto des Urgroßvaters August Haussel an seinem Schreibtisch, etwa 1908.2021/02/Feucht-August-und-ich_Cover-scaled.jpg

FEUCHT – Der Wahl-Feuchter Werner Haussel berichtet aus seinem Leben und begegnet bei der Niederschrift dem Vater, Großvater und Urgroßvater, die längst verstorben sind. Dabei stellt sich heraus, dass ihn besonders mit dem Urgroßvater August viel verbindet.

Denen werde ich es zeigen.“ So lautet der Schlüsselsatz für den (auto)biografischen Roman des Wahl-Feuchters Werner Haussel. Als er sich entschied, die Öffentlichkeit an entscheidenden Momenten seines 67-jährigen Lebens teilhaben zu lassen, stellte er sich zunächst etliche Fragen, bevor er sich an den Computer setzte. Eine überstürzte Niederschrift aus einer Laune heraus war das Verfassen dieses gut 200 Seiten langen Buches nicht. Als wäre es ihm unangenehm, die Form einer reinen Autobiografie zu wählen, in der sich die Geschehnisse nur um die eigene Person drehen, wählte er das Genre einer abgespeckten Familien-Saga, in der auch seine Vorfahren zu Wort kommen, sein Vater, Großvater und Urgroßvater, und prägende Epochen ihres Lebens erzählen.

Gerade jenem Urgroßvater August, 1868 geboren, glich der junge und auch der reifere Werner sehr, was unter anderem dieses Versprechen, das die beiden sich jeweils selbst in jungen Jahren gaben, bezeugt: „Denen werde ich es zeigen.“ Denn dieser Vorsatz sollte nicht die einzige Parallele sein, wie sich bei der Entwicklung der Geschichte herausstellt, die die beiden, die sich im Leben nie gekannt haben, verbindet. Beide haben durch Beharrlichkeit und Willenskraft, auch mit einem Quäntchen Glück und dem Gespür für die richtigen Beziehungen, bewiesen, dass es durchaus möglich ist, sich ein erfülltes und erfolgreiches Leben aufzubauen, auch wenn die Vorzeichen zunächst nicht allzu günstig erscheinen. Darin ähnelt Protagonist Werner seinem Urgroßvater wesentlich mehr als seinem etwas blassen Vater oder seinem von schweren Schicksalsschlägen gezeichneten Großvater.

Die Toten erwachen zum Leben

Um denen in seinem autobiografischen Roman begegnen zu können, greift der Autor zu einem mutigen, ausgefallenen und doch stimmigen Kunstgriff: Obwohl das Geschehen aus diversen nachvollziehbaren und realitätsnahen Lebensabschnitten besteht, begegnen ihm im Laufe des Schreibprozess seine toten Ahnen höchst lebendig in seinem Arbeitszimmer und kommentieren die Ereignisse, die der Verfasser gerade Kapitel für Kapitel niederschreibt. Und diese temporäre Auferstehung der drei Vorfahren hat überhaupt nichts Gruseliges, sondern eröffnet der Hauptperson zum einen zusätzliche Informationen aus deren Lebensbereichen und zum anderen dem Autor die Möglichkeit in einen Dialog zu treten, Fragen zu stellen, die sonst vielleicht die Leser stellen würden, kleine Diskussionen auszutragen, Ergänzendes zu erarbeiten.

Er entwickelt so zwei Zeitebenen, die einander abwechseln, aber gut harmonieren. Da ist die Lebensgeschichte des kleinen Werner aus Marktredwitz in Oberfranken, der in einer Mittelstandsfamilie im Nachkriegs-Deutschland aufwächst und dessen Lebenswirklichkeit – Kleinkindalter, Schulzeit, Ausbildung, Adoleszenz – sich hauptsächlich aus Episoden, Anekdoten und Streichen zusammensetzt, später dann die ausführlich geschilderte berufliche Karriere („Denen werde ich es zeigen“). Und auf der zweiten Ebene wird diese nahezu chronologische Erzählung von den Gesprächen und Berichten der drei Generationen vor ihm durchsetzt.

Autor Werner Haussel. | Foto: privat2021/02/Feucht-August-Haussel_DxO.jpg

Interessant für breite Leserschaft

Dieser Kniff gibt dem Buch einen besonderen und unterhaltsamen Reiz und lässt es auch für eine breite Leserschaft interessant werden. Für ältere Semester haben natürlich politisch-zeitgeschichtliche Bezüge und wie sie der junge Werner erlebt, einen besonderen Wiedererkennungswert, die DDR, Kennedys Ermordung, die Hippiezeit, die APO, die Wende. Historisch Interessierte werden die Ausführungen der Ahnen, deren Lebenszeit von traumatischen Kindheitserlebnissen beziehungsweise Kriegsereignissen geprägt war, wertschätzen.

Diese allerdings sind bisweilen ein wenig zu ausführlich geraten, wenngleich sie als Schilderungen aus erster Hand unter die Haut gehen. Aber auch jugendliche Leser dürften ihren Spaß an den Schulstreichen auf Stilblüten-Niveau haben. Ja sogar ein moralisch wertvoller Aspekt kommt nicht zu kurz, wenn der Schulbub, ein lebhafter, intelligenter Klassenkasper, der überall dazu gehören möchte, droht, auf die schiefe Bahn zu geraten und sich aus eigener Kraft einer Läuterung unterzieht.

Vom Vater verdroschen

Ein wenig langatmig gerät in der zweiten Hälfte des Romans die Beschreibung der Berufskarriere, die ja ein Teil des Schwurs „Denen werde ich es zeigen“ ist. Der kam übrigens so zustande: Als der Teenager, immer wieder unter Geldnot leidend, öfter einmal in Geldbörsen greift, die ihm nicht gehören, wird er vom Vater fälschlich eines Diebstahls verdächtigt und verdroschen. Dieser Augenblick ist Auslöser des Vorsatzes, allen zu zeigen, erstens, dass er eben doch ein ehrlicher Kerl ist, und zweitens, dass er es durchaus zu etwas bringen wird. So, wie das sein Urgroßvater drei Generationen vorher auch getan hat.

Der Leser erlebt im folgenden mit, wie Werner einen ordentlichen Realschulabschluss macht, auf die neu eingeführte Fachoberschule geht, am Nürnberger Ohm-Polytechnikum Nachrichtentechnik studiert und als ehrgeiziger Ingenieur in verschiedenen Firmen immer höhere Leitungsfunktionen übernimmt und geschäftlich in der ganzen Welt zu tun hat. Aber auch die gesellschaftlich-kulturellen Ambitionen, die Werner, schließlich in weiblicher Begleitung, hegt, darf die Leserschaft nachvollziehen, denn er ist belesen, sammelt Gemälde und findet Zugang zu klassischer Musik (nachdem er in seiner Jugend der Rock-, Pop- und Subkultur gefrönt hat). Reiselustig ist er seit frühester Kindheit.

Die Neugier des Lesers wird geweckt

Die 47 Kapitel sind in klarer, schnörkelloser Erzählsprache geschrieben, unterhaltsam und dort, wo er hinpasst, mit Humor durchzogen. Ansprechend sind die Szenenwechsel, die der Autor gekonnt gestaltet, indem er den Leser ohne lange Umschweife in eine neue Situation schmeißt und so Neugier weckt. An manchen Stellen kommt aber auch der Naturwissenschaftler mit seinem erklärenden, nüchternen Stil zum Vorschein. Ein wenig mehr Emotionen hätte man sich vielleicht bei der Schilderung des schrecklichen Unfalls gewünscht, der ihn im Alter von 25 Jahren beinahe das Leben gekostet hätte. Hier scheint die persönliche Grenzerfahrung das Hindernis zu sein, was der Autor aber geschickt auflöst, indem er zur Kommentierung des Geschehens schon bald den Vater zu Wort kommen lässt.

Daneben erweist sich Haussel aber als aufmerksamer Beobachter kleiner Details, wenn er etwa das Ritual seines Großonkels beim Cognac-Trinken beschreibt oder die Macken und Unzulänglichkeiten des Lehrerpersonals an den diversen Schulen.
Abgerundet und aufgelockert wird die Biografie durch eine Reihe von historischen Aufnahmen aus den vier Generationen, aber auch durch den Abdruck von Eintritts- und Fahrkarten, die der Protagonist gesammelt hat, und weiterer historischer Dokumente sowie ein Bildquellenverzeichnis und eine Ahnentafel.

Info:
Werner Haussel, August und ich. Biografischer Roman, Books on Demand, Norderstedt, 2020.

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