Zweiter Feuchter Poetry Slam begeisterte mit intelligenter Wortakrobatik

Im Land der Euphemismus-Zwerge

Die Poetry Slammer von Feucht kann Kultur 2014: (von vorn) Moderator Michael Jakob, Gewinner Nils Frenzel, Julian Kalk, Lea, Gewinnerin Adina Wilcke, Carmen Blom, Thomas Schmidt, Paul Stefan Wolff, im Hintergrund Hans Strauß am Keyboard. Foto: Voss2014/05/feuchtfkkpoetryslam_New_1400422501.jpg

FEUCHT – Der Applaus für die offene Bühne im Rahmen von „Feucht kann Kultur 2014“ war gerade verklungen, als der Mann mit Hut erschien: Michael Jakob; „Performance Poet“, Autor, mit- und hinreißender Poetry Slammer und an diesem Abend Moderator des 2. Feuchter Poetry Slams.

Acht Slammerinnen und Slammer waren zum diesjährigen Dichterwettstreit angetreten, um das gesprochene Wort mit selbst verfassten Texten und ganz und gar ohne Hilfsmittel auf die Bühne zu holen. Die einzige Regel für das Publikum: „Respect the poets“. Hut ab vor den Zuhörern im Garten des Zeidlerschlosses, die jedem einzelnen Slammer diesen Respekt zollten.

Wer Michael Jakob schon einmal erlebt hat, weiß, dass er bei der Moderation eines Poetry Slams immer auch eigene Texte vorträgt. Wie den der „K-Frage“, den er vor Beginn des Dichterwettstreites präsentiert. Über „Schatz“, die wissen möchte, wie ihr „Schatz“ zu Kindern, insbesondere eigenen, steht. Woraufhin sich im Zeitraffer und mit viel Augenzwinkern ein Lebensentwurf mit Sprösslingen vor dem erschrockenen inneren Auge des männlichen Schatzes aufbaut.

Den Auftakt der ersten Vorrunde macht die Feuchterin Lea, die spontan mit einem selbst verfassten Gedicht über eine persönliche Erfahrung des Scheiterns für eine ausgefallene Slammerin einspringt. „Scheitern schmeckt nach Asche“ – ihre gekonnt bildhafte Sprache wird mit viel Applaus honoriert. Den erhält auch Mitorganisator Hans Strauß, der am Keyboard jeden einzelnen Beitrag in einer Improvisation musikalisch zusammenfasst. Chapeau für so viel Spaß. Julian Kalks aus Nürnberg, der erkennbar schon länger im Poetry Slam zu Hause ist, präsentiert danach mit „Rastplatz-Collagen“ ernste Lyrik mit beeindruckendem Tiefgang. Zutiefst berührend ist seine differenzierte Betrachtung vermeintlich alltäglicher Banalitäten. „Egozentrisch blind“ gehe man an den Dingen vorbei. Das Publikum belohnt ihn mit tosendem Beifall.

Der junge Wilde

Nils Frenzel aus Bayreuth ist im Gegensatz zu Julian Kalks der junge Wilde unter den Poeten. Er findet dort klare Worte, wo Kalks feinsinnig und subtil andeutet und erreicht so das Publikum auf eine andere Weise mit seinen Betrachtungen zu Bauarbeitern, den „attraktiven, weil produktiven maskulinen Muskelmaschinen“. „Alter Falter, wäre er, der Student, gerne mal Bauarbeiter.“ Und damit hat er sie, die Zuhörer, deren Applaus nicht enden will. Einen Kontrapunkt setzt danach die Neumarkter Verlegerin Carmen Blom mit Gedichtbeiträgen aus dem Buch „Tour Mal du Coeur“, die sie in Hochdeutsch und auch in bayerischer Mundart formuliert hat. Sehr filigran muten die Gedichte an, die Raum für eigene Reflektionen lassen. Beinahe wie erwartet kürt das Publikum Nils Frenzel zum Gewinner der Vorrunde. Ein weiteres Michael Jakob Intermezzo beweist, wie viel bei so manchem Autor zwischen den Zeilen zu lesen ist, auch über so essentielle Dinge wie den Sinn des Lebens.

Paul Stefan Wolf aus Nürnberg liefert danach eine vergnügte Beschreibung des Versuches, eine eigentlich gar nicht anbetungswürdige Dame mit „Socken Comics“ zu umwerben und beschreibt in einem Märchen, wie eine „Lächelmaschine“ die Welt verbessert haben könnte. Auch Wolf lässt dem Publikum Raum für eigene Gedanken. Ihm folgt Thomas Schmidt aus Schwabach, ebenfalls hörbar erfahrener Poetry Slammer, der sich über die schier unerschöpflichen Euphemismen der Politiker amüsiert. In den Kellern der Ministerien ziehe man Euphemismus-Zwerge heran und einen habe er gefangen für sein Zuhause. Irgendwie klingt der Vorschlag gut und das Publikum jubelt.

„Keine Schubladen“

Ingo Winter aus Lauf, der nächste Slammer und von Beruf Grund- und Hauptschullehrer, überzeugt mit seinem glühenden Plädoyer für Chancengleichheit in der Bildung. „Das Problem sind nicht die Kinder, Kinder sind nie ein Problem.“, fasst er mit Leidenschaft zusammen. Honoriert wird das vom Publikum mit tosendem Applaus. Die Künstlerin Adina Wilcke, die als letzte auftritt, ist sogar aus Wien angereist. An ihr erkennt man den Profi mit Schauspielausbildung, als sie „Luftschlösser haben keine Schubladen“ vorträgt. Heftig emotional, ohne dabei feine Nuancierungen zu vergessen. Sie wolle „an der Oberflächlichkeit der Vergänglichkeit kratzen“. Der Applaus des Publikums honoriert eine wirkliche Könnerin.

Am Ende treten Adina Wilcke und Nils Frenzel im Finale gegeneinander an; Nils Frenzel mit der Erkenntnis, dass wir alle „Lappen sind, windelweiche Lappen“, wo doch „zu einem richtig ausgeglichenen Haushalt ein paar fette Kratzbürsten gehören.“ Zum Thema Stress, das sie auch schauspielerisch bewegend umsetzt, ist die Quintessenz der Künstlerin Aldina Wilcke: „Es gibt mehr als „to do“; ich will nur eins: sein.“ Das kann und ist sie. Gemeinsam mit Nils Frenzel, denn das Publikum kürt an diesem Abend zu Recht zwei Sieger. Was bleibt, ist die Vorfreude auf das kommende Jahr, liebe Poetry Slammer und Veranstalter von „Feucht kann Kultur“.

Susanne Voss

N-Land Der Bote
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