Premiere des „Fränkischen Jedermann“ im DHT

Der Tod ist unbestechlich

Noch wird gefeiert und geprasst: Jedermann (Mitte) mit den Vettern und dem „Herzala“ beim Schmaus. Foto: Krieger2011/06/24257_New_1308498063.jpg

DEHNBERG — Das pralle Leben und der Tod, sie feierten am Wochenende ein Stelldichein – bei der Premiere des „Fränkischen Jedermann“ im Dehnberger Hof Theater. Die Inszenierung des Theater Kuckucksheim entpuppte sich als ausdrucksstarkes Figurentheater, das den Klassiker mit simplen Mitteln und überraschenden Ideen in eine zeitlose Parabel über die Werte in der Welt verwandelt.

Den Staub der 100 Jahre alte Vorlage Hugo von Hofmannsthals hat Autor Fitzgerald Kusz schon vor zehn Jahren mit kräftigen Strichen abgebürstet, als er seine Version des „Jedermann“ erstmals vorstellte. Der fränkische Mundartpionier verpasste dem Stück statt brottrockenen Dialogen rhythmische Verse, die das Drama um das Leben und Sterben des reichen Jedermann fast wie ein poetisches Singspiel anmuten lassen.

Dass sich nun Stefan Kügel des Stückes angenommen hat, ist ein glücklicher Umstand. Denn mit der geerdeten Bodenständigkeit des Theatermannes, der in seinem Theater Kuckucksheim in Heppstädt seit Jahren überaus fantasievolles Figurentheater zaubert, ist aus dem „Fränkischen Jedermann“ eine Inszenierung entstanden, die das Zeug zu einem Klassiker hat.

Im Zentrum des Geschehens natürlich der Jedermann, den Gott mitten aus seinem unseligen Tun holt und ihm auf dem letzten Weg noch eine Chance einräumt, sich zu bessern. Stefan Kügel verkörpert ihn als großmäuligen Unsympathen, der den Blick für das Menschliche und Richtige längst verloren hat und nur einem nachhängt: dem Geld. Denn das Geld, so sinniert der Jedermann in einer Szene, schafft die Ordnung in der Welt, „Gebberts ka Geld, machert doch jeder, wasser wollert“. Doch um seine große Truhe, die das Zentrum der Bühne bildet, mit Schätzen zu füllen, hat er Schuld auf sich geladen. Und nun wird abgerechnet. Denn der Tod kommt nun mal zu jedem, „da gibt´s ka Gfrett, däi mäin alle miit, miit, miit“.

So entspinnt sich ein dramatischer Wettlauf, in dem der Jedermann bitter lernen muss, dass sein Reichtum ihm, wenn es darauf ankommt, nicht hilft. Freunde und Weggefährten, auch das angebetete „Herzala“ lassen ihn fallen, am Ende ist er allein. Die Kuszschen Verse bringen die Dramatik des Geschehens auf den Punkt, doch bei aller Ernsthaftigkeit blitzt auch stets die Spitzbübigkeit des Dichters hindurch, wenn er etwa im Dialog mit dem Vetter reimt, „geht’s eim zu gut, kriecht ma schnell a dickes Blut.“ Fränkische Poesie trifft auch im modernen Kapitalismus ins Schwarze.

Das Salz in der Suppe dieser Produktion aber sind die handgearbeiteten Figuren, die den Jedermann flankieren und in deren Rollen die beiden talentierten Söhne Kügels, Benjamin und Lukas Seeberger, mit kamikazeartiger Verwandlungsfähigkeit schlüpfen: Archetypen wie der „Freind“, die Mutter, das „Herzala“ und die Vettern, die als fratzenhafte Masken und Figuren (ein dickes Lob den Gestalterinnen) die verzerrte Wahrnehmung des Jedermann versinnbildlichen. Sie sind die eigentlichen dramatischen Figuren, denn sie bleiben schon zu Lebzeiten auf der Strecke, haben keine Aussicht auf eine zweite Chance. Überdauern wird sie nur der „Toud“, den Lukas Seeberger mit schwarzem Ledermantel und Sonnenbrille als Konstante in der alten wie in der neuen Welt zeichnet – auch er ist mit Geld nicht zu kaufen.

Die innerliche Wende am Ende kommt ein bisschen unvermittelt, das Gwiss‘n und der Glaum, sie tauchen als erhobener Zeigefinger irgendwo aus dem archaischen Nichts auf und helfen dem Jedermann aus dem Tal, so dass er am Schluss nicht in die Hölle (klasse Benjamin Seeberger als Teifl) muss. Aber vielleicht sind sie ja wirklich die Rettungsanker, die die moderne säkulare Welt viel zu oft vergisst.

Zusammen mit der Musik und den wunderbaren Liedern von Dietmar Staskowiak, die den Volkscharakter der Inszenierung erhalten, ist dieser Jedermann alles in allem aber eines: absolut gelungen. Bleibt für die Macher nur zu hoffen, dass das Wetter in nächster Zeit besser mitspielt und die Aufführungen doch noch auf der Freilichtbühne des DHT stattfinden können. Dann nämlich wird das Stück noch viel mehr Charme entfalten.

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