Interview mit Fitzgerald Kusz

„Allers gäiht derhii“: Weltliteratur auf gut Fränkisch

„Alle meine Stücke waren irgendwo immer ‚Jedermann‘-Stücke. “ Fitzgerald Kusz gilt als fränkischer Vorzeige-Mundartdichter. Der „Jedermann“ ist neben „Schweig, Bub!“ sein erfolgreichstes Stück. Foto: PZ-Archiv2011/06/24016_New_1308234664.jpg

DEHNBERG — Am Freitag, 17. Juni, feiert im Dehnberger Hof Theater (DHT) der „Fränkische Jedermann“ von Fitzgerald Kusz seine Premiere. Die Inszenierung, die das Theater Kuckucksheim gemeinsam mit dem DHT auf die Bühne bringt, wurde im Frühjahr bereits auf dem Nürnberger Figurenfestival begeistert aufgenommen. Die PZ hat sich mit Kusz, dem wohl bekanntesten fränkischen Mundart-Dichter, über seinen Text und dessen Verhältnis zur Vorlage von Hugo von Hofmannsthal unterhalten.

Herr Kusz, wie sind Sie auf den Stoff gekommen?

Kusz: Auf der Beerdigung von Sofie Keeser, die in „Schweig, Bub!“ die Tante Anna spielte, wurde ich 2000 vom Pfarrer gefragt, woran ich gerade arbeite. Plötzlich hatte ich einen Geistesblitz: Man müsste einen „Fränkischen Jedermann“ schreiben! Daheim schaute ich dann Hofmannsthal im Lexikon nach und stellte fest, dass dieser genau vor 70 Jahren verstorben ist und die Urheberrechte somit abgelaufen sind. Ein wenig später hatte ich ein erstes Gespräch mit dem künftigen Nürnberger Schauspieldirektor. Ich erzählte ihm von meinem Vorhaben. Er war sofort begeistert. Da konnte ich sofort loslegen und mich an meine „Jedermann“-Version machen.

Bereits ein Jahr danach fand die Uraufführung Ihres Stückes in Nürnberg statt, zehn Jahre später bringt nun Stefan Kügel im DHT seine Version auf die Bühne. Was macht den „Jedermann“ auch 100 Jahre nach der Uraufführung noch aktuell?

Kusz: Der „Jedermann“ ist ein Stationendrama vom Sterben des reichen Mannes. Sein ganzer Reichtum ist für die Katz, er nutzt ihm nichts, wenn es ans Sterben geht. In meinem Dialekt gibt es eine Redewendung, die den Kern der Sache trifft: „Der kann nix miitnehmer, des letzte Hemmrd hat ka Taschn.“ Das ist ein Thema, das wird sich nie ändern …

Hat es Sie nicht gescheut, so einen populären Stoff anzugehen? Immerhin ist der „Jedermann“ durch die Salzburger Festspiele ja einem breiten Publikum zumindest namentlich bekannt.

Kusz: Natürlich war es eine Herausforderung. Aber es war auch ein Glück, dass ich die Salzburger Fassung nie gesehen habe. Ich habe mich rein auf die literarischen Vorlagen konzentriert, das Mysterienspiel „Everyman“, das Hofmannsthal als Grundlage für seinen Stoff diente, und natürlich seinen „Jedermann“. Doch anders als er habe ich nicht einfach Dialoge aneinandergereiht, sondern ein Drama in Versen, wenn auch in freien Rhythmen, verfasst. Mein „Jedermann“ ist ein dramatisches Gedicht. Und der Schluss ist nicht katholisch, sondern protestantisch.

Wie ist das zu verstehen?

Kusz: Im Katholizismus kommt derjenige am Ende in den Himmel, der die meisten guten Werke vollbringt. Ich bin aber Protestant. Da zählen das Gewissen und der Glaube. Insofern habe ich die Vorlage auch hier sehr frei bearbeitet.

Sie gelten als Galionsfigur der fränkischen Mundartdichter. Wie fränkisch ist Ihr „Jedermann“?

Kusz: Ich habe keinen modernen, umgangssprachlichen Dialekt verwendet, sondern den archaischen Dialekt, wie ich ihn von meiner Großmutter gelernt habe. Die Alltagssprache wäre fehl am Platz gewesen. Der „Jedermann“ brauchte eine Patina, die ihn von meinen anderen Stücken unterscheidet.

Würde das Stück Ihrer Meinung nach auch in anderen Dialekten funktionieren? Gibt es überhaupt einen, der ähnlich volksnah ist, dem Volk so aus der Seele spricht wie das Fränkische?

Kusz: Aus meiner fränkischen Version ist ein hessischer „Jedermann“ entstanden, der vor einem Jahr vor der Kulisse des Frankfurter Doms vom Volkstheater Frankfurt aufgeführt wurde. Alle Vorstellungen waren restlos ausverkauft. In Frankfurt wurde der „Jedermann“ von den Medien als das Stück zur Banken- und Finanzkrise betrachtet. Ich denke, es ist ein Stoff, der in allen Dialekten und Kulturen funktioniert.

Spricht Ihnen der Stoff aus der Seele?

Kusz: Auf jeden Fall. Alle meine Stücke waren irgendwo immer „Jedermann“-Stücke.

Diesmal übernehmen Puppen, besser gesagt Figuren, einen großen Teil des dramatischen Geschehens, vor allem in der zweiten Hälfte der Inszenierung. Was können sie, was ein Schauspieler nicht kann?

Kusz: Das erste Theater, das man erlebt, ist immer das Kasperletheater. Man weiß, das sind doch alles Puppen, aber man identifiziert sich trotzdem mit ihnen. Ohne Identifikation kein Volkstheater. Und Volkstheater ist, wenn es gut ist, immer so etwas wie Kindertheater für Erwachsene. Es muss begeistern!

Wenn Sie den „Jedermann“ zusammenfassen müssten …

Kusz: „An des denkt mer nie,/allers gäiht derhii.“

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kusz.

Für die heutige Premiere des „Fränkischen Jedermann“ mit Stefan Kügel im Dehnberger Hof Theater gibt es noch Restkarten. Los geht es um 20 Uhr. Bei schönem Wetter wird das Stück im Innenhof des Theaters aufgeführt. Nächster Termin: Sonntag, 19. Juni, um 17 Uhr. Kartentelefon: 09123/954491.

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