Auftakt der Laufer Literaturtage

Zuhause bei Christian Berkel

Ina Gombert wartet in der Stadtbücherei auf die Abmoderation während Christian Berkel in Berlin langsam dem Ende des Abends entgegen liest. | Foto: Krieger2020/11/20201108_2012302-scaled.jpg

LAUF – Ein entspannter Christian Berkel, der aus seinem privaten Arbeitszimmer in Berlin für die Laufer Literaturfans zugeschaltet ist, Veranstaltungstechnik, die nach einer kurzen Zitterpartie hält, was sie verspricht und über 100 verkaufte Streaming-Tickets für den Abend – das Experiment Literaturtage 2020 online ist zum Auftakt des Lesefestivals am Sonntagabend geglückt.

Kurz nach 20 Uhr die Anweisung der Regie: „Wir sind live“. Noch wenige Minuten vorher ist nicht ganz klar, ob all diejenigen, die über die Homepage literaturtage-lauf.de ein Ticket für die Lesung erworben haben und nun auf Einlass warten, den Stream auch sehen. Etwas Hektik kommt auf zwischen den Schaltpulten und Monitoren, die großflächig im Lesecafe im Erdgeschoss aufgebaut sind. Von der Galerie aus schaut Büchereileiter Andreas Reichel etwas angespannt auf die Szene.

Auf der Bühne mit dem blauen Vorhang überbrückt

Literaturtageorganisatorin Ina Gombert Aufregung und Countdown mit Plauderei mit Christian Berkel, der noch schnell seinen Hund aus dem Zimmer sperrt, damit der während der Lesung nicht bellt – es ist alles anders in diesen Zeiten, auch für Autoren.

Der Berliner ist selbst hoch gespannt, wie der Abend laufen wird. „Ich habe eine Lesung in dieser Form auch noch nicht gemacht“, gesteht der 63-jährige Serienstar und Autor, mit Brille und Pulli vor einer raumhohen Bücherwand irgendwo in der Hauptstadt sitzend.

Schalte klappt problemlos

Dann gehen die Literaturtage 2020 auf Sendung und alles ist gut. Nur zwölf Minuten habe es gedauert, bis die 75 Tickets, die für die Live Lesung von Christian Berkel vorgehalten werden konnten, verkauft waren, betont Ina Gombert in ihrer Anmoderation. Von Anfang an hatte Gombert alles daran gesetzt, das Lesefestival 2020 nicht ganz der Corona-Pandemie zu opfern. Nicht im 25. Jahr des Bestehens und aus Prinzip. Weil es die Kultur braucht in diesen Zeiten.

Nun ist aus dem Live-Event nichts geworden, stattdessen sind für die Online-Lesung, die eigentlich nur als Zusatzoption gedacht war, sogar ein paar Tickets mehr verkauft worden. Kein Vergleich natürlich zu früheren Jahren, als oft mehr als 500 Menschen die Hallen bevölkerten, kein Parkplatz zu kriegen war bei den Lesungen prominenter Autoren, aber immerhin. Kultur in Corona-Zeiten will gelernt sein.

Berkel in der „Weiterschalte“

Die Weiterschalte zu Christian Berkel, der an diesem Abend seinen aktuellen Roman „Ada“ vorstellt, klappt problemlos, der Autor begrüßt lächelnd das Publikum, es sei toll, dass die Lesung stattfinde. 2018 erschien sein Erstlingsroman „Der Apfelbaum“ und wurde auf Anhieb ein Erfolg. Dabei ist der als „Kriminalist“ und aus Filmen wie „Der Untergang“ bekannte Schauspieler erst spät unter die Autoren gegangen, mit Anfang 60, wo andere schon langsam ans Aufhören denken.

Anders als seine Frau, Schauspielerin Andrea Sawatzki, die vor einigen Jahren bereits bei den Literaturtagen zu Gast war, und mittlerweile einige Bücher veröffentlicht hat, konzentrierte sich Berkel über Jahrzehnte auf die Schauspielerei. Als Darsteller beherrscht er die Rolle des smarten, wortkargen Denkers wie kaum ein anderer. Als Autor entpuppt sich der Berliner an diesem Abend als unprätentiöser und angenehmer Erzähler. Sein zweiter Roman, der an den ersten inhaltlich anknüpft, ist eine feinfühlige Erzählung mit Gespür für das Innenleben der Protagonisten, die auch erneut biografische Verbindungen zu seiner Familie haben.

Über das Schweigen

Hauptfigur Ada ist eine junge Frau, die an den Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft und am Schweigen, das sich nach der NS-Diktatur über viele Jahre noch durch das Leben der Menschen zieht, fast zerbricht. Anschaulich spannt Berkel im Roman den Bogen von der Kindheit Adas bis zur Wende 1989, die sie, mittlerweile in der 40ern, erlebt. Zwischen den Lesepassagen erläutert der Autor Hintergründe, bettet die Geschichte in die Entwicklungsjahre der jungen Republik Deutschland ein, als die Stones die Berliner Waldbühne rockten und die 1968er Generation zu protestieren begann. Das macht Lust auf mehr, auch weil seine Figuren allesamt Projektionsflächen bieten, nicht nur Ada mit ihren Jungmädchennöten, auch Sputnik, der kleine Bruder, in dem auch ein bisschen Christian Berkel steckt, wie er verrät.


Projekte liegen auf Eis

Künstlerleben im November 2020 – das bedeutet nicht nur, dass seine Frau Andrea Sawatzki coronabedingt in Köln bleiben muss, bis ihr aktueller Dreh abgeschlossen ist, sondern auch, dass die meisten Projekte auf Eis liegen. So sollte Berkels Roman „Der Apfelbaum“ 2021 als Miniserie verfilmt werden, doch der Start steht ebenso in den Sternen wie die Verfilmung eines Familiendramas, für das Berkel und Sawatzki bereits den Stoff und ein fertiges Drehbuch haben. „Corona macht alles sehr teuer, die Auflagen sind hoch“, sagt Berkel, da sei es schwierig, Geldgeber zu finden. Er hoffe sehr, dass die Politik nicht nur Türen zumache, sondern auch an Modellen arbeite, Türen wieder zu öffnen. „Wir brauchen Wege, wie wir mit der Pandemie leben können“.

Einen Lichtblick immerhin gibt es für die Fans seiner beiden Romane: Nicht erst irgendwann, sondern schon bald, soll es einen dritten Teil der Familiensaga geben, der die Geschichte der drei Frauengenerationen fertig schreibt.


Karten und Mehr

Der Stream der Lesung von Christian Berkel kann den ganzen November über noch angesehen werden. Karten für vier Euro gibt es über die Homepage der Literaturtage. Bereits gekaufte Tickets, die am Sonntag nicht eingelöst wurden, bleiben gültig.

Die nächste Lesung der Laufer Literaturtage findet am Donnerstag, 12. November, 20 Uhr, mit Fritz Egner statt. Der Altstar des Bayerischen Hörfunks stellt sein Leben zwischen Rhythm & Blues vor. Karten für den Livestream mit Fritz Egner gibt es ebenfalls zu vier Euro unter www.literaturtage-lauf.de

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