Erinnerungen an Helmut Schmidts Besuche in Schwaig

Große Politik und echte Freundschaft

Helmut Schmidt 1994 wieder in Schwaig mit Lucie Kurlbaum an deren 80. Geburtstag.2015/11/Helmut-Schmidt-Schwaig-1994-geburtstag-kurlbaum-sammlung-koerber010.jpg

SCHWAIG — Die Nachricht vom Tod Helmut Schmidts hallt nach. Allerorten in der Republik hat die Spurensuche nach den Stationen seines Lebens begonnen. Spuren gibt es auch im Nürnberger Land. Drei Mal war Helmut Schmidt offiziell zu Besuch im Landkreis, 1982 sogar als Bundeskanzler. Zu verdanken war dies der engen Freundschaft zwischen dem Schwaiger Bundestagsehepaar Georg und Lucie Kurlbaum und Helmut und Loki Schmidt.

Im Sommer 2004 klingelt in einer Wohnung in Behringersdorf das Telefon. Lucie Kurlbaum-Beyer, die kurz darauf ihren 90. Geburtstag feiert, geht ran. Es ist Helmut Schmidt. Seit Jahrzehnten sind die langjährige SPD-Politikerin und der Altkanzler miteinander befreundet. Ja, sie habe ihm einen Brief geschrieben, er müsse in den nächsten Tagen im Postkasten liegen, sagt Kurlbaum-Beyer. Sie sei gerade in einem Interview, „können wir am Nachmittag noch einmal telefonieren?“ Im Anschluss entschuldigt sie sich für die Unterbrechung. „Wissen Sie, mit Helmut schreibe ich Briefe. Wir diskutieren immer über Politik.“

Politik, vor allem aber ursozialdemokratische Werte und das Wohl der Partei sind es, die das Ehepaar Kurlbaum und das Ehepaar Schmidt über Jahrzehnte miteinander verbindet. Als Helmut Schmidt 1953 als Abgeordneter in den Bundestag einzieht, hat Georg Kurlbaum, der langjährige Vorstandsvorsitzende der Nürnberger Metrawatt-AG, bereits seit vier Jahren ein Mandat als Direktkandidat des Wahlkreises Schwabach.

Der Wirtschaftsexperte aus Franken, der mit seinen Ansichten durchaus auch Diskussionen innerhalb der Partei erzeugt, wird der politische Ziehvater des jungen, aufstrebenden Hanseaten. Georg Kurlbaum habe sich als der „Ältere des Jüngeren“ angenommen“, bilanziert später der Journalist Jochen Thies in einem Buch über Helmut Schmidt. „Dazu haben die gemeinsamen Interessen im wirtschaftspolitischen Ausschuss des Bundestages beigetragen.“

Auch privat kommen sich die Schmidts und die Kurlbaums rasch näher, werden bald enge Freunde. Das Ehepaar Schmidt ist oft zu Gast in Schwaig. Neben der Politik verbindet Georg Kurlbaum und Helmut Schmidt die gemeinsame Passion für Amerika, auch die Frauen sind sich herzlich zugetan.

Als Georg Kurlbaum 1988 stirbt, ist es Helmut Schmidt, der seiner Witwe Lucie Kurlbaum-Beyer, die als Sozialpolitikerin und Mitbegründerin der Stiftung Warentest selbst eine außerordentliche politische Karriere in der SPD hinter sich hat und zudem mehr als 20 Jahre als Gemeinderätin in Schwaig aktiv war, rät, einen politischen Gesprächskreis mit Gleichgesinnten im Ort zu initiieren. Dieser Kreis halte sie nach dem Tod ihres Mannes „am Leben“, erzählt Kurlbaum-Beyer 2004 im Gespräch.

Die enge Verbindung führt schließlich auch dazu, dass Helmut Schmidt mehrmals offiziell ins Nürnberger Land kommt. Das erste Mal 1982 als Kanzler, zum 80. Geburtstag von Georg Kurlbaum. Fritz Körber, früherer Bürgermeister von Schwaig und mit den Kurlbaums ebenfalls über Jahre befreundet, erinnert sich. „Ich habe ihn damals eingeladen, aber nicht damit gerechnet, dass er wirklich kommt.“ Doch dann flattert die Zusage ins Haus: Der Bundeskanzler kündigt seiner Parteifreundin Lucie per Brief sein Kommen an.

Am 2. Mai 1982 herrscht dann Ausnahmezustand in Schwaig. Mehr als 600 Menschen, darunter die gesamte regionale Politik, drängen sich in der Mehrfachturnhalle, überregionale Medien sind da, um den Besuch des Bundeskanzlers zu begleiten, der den Geburtstag von Georg Kurlbaum fast in den Schatten stellt. Auch auf Wunsch des Ehepaares Kurlbaum, das Helmut Schmidt gebeten hat, eine Grundsatzrede zu halten, wie sich Fritz Körber erinnert. Diese habe ihn inhaltlich später stets begleitet. „Er betonte damals, wie wichtig es ist, sich als Partei nie wegen zweitrangiger Fragen aus einer Koalition zurückzuziehen, weil dann auch erstrangige Fragen nicht im eigenen Sinn entschieden werden.“

Und noch eine Aussage sei ihm von Schmidt, den er als „wortgewaltigen und absolut überzeugenden Menschen“ erlebte, in Erinnerung. „Wir müssen mehr Wert legen auf das, was uns eint, als auf das, was uns trennt.“

Fünf Jahre später, im Frühjahr 1987, kommt Helmut Schmidt, da schon Altkanzler, erneut ins Nürnberger Land: Zur Gründung der „Gesellschaft für Wirtschaft und Politik“ durch das Ehepaar Kurlbaum, die spätere und bis heute sozial tätige Georg-Kurlbaum-Stiftung.

Neben den Kurlbaums und den Schmidts nehmen an dem Ereignis in Kainsbach auch der damalige SPD-Unterbezirksvorsitzende Herbert Hofmann, Bundesbauminister Dieter Haack und der SPD-Landtagsabgeornete des Nürnberger Landes und spätere Landtagsvizepräsident, Helmut Ritzer, teil. In einer engagierten Rede zur Weltwirtschaft betont Schmidt, wie wichtig mehr Anstrengungen für eine friedliche Weltordnung seien.

Und noch einen dritten offiziellen Besuch gibt es: 1994, zum 80. Geburtstag von Lucie Kurlbaum-Beyer, sind die Schmidts – Ehefrau Loki ist auch bei offiziellen Anlässen stets dabei – erneut zu Gast im Nürnberger Land. Diesmal findet die Feier in einem kleineren und privateren Rahmen im Schwaiger Schloss statt.

Vierzehn Jahre später, 2008, 20 Jahre nach ihrem Mann Georg, stirbt Lucie Kurlbaum-Beyer. 2010 verliert Helmut Schmidt seine Frau Loki. 2015 nun hat er sich, 96-jährig, von der Welt verabschiedet. Mehr als ein halbes Jahrhundert standen sie miteinander in enger Verbindung.

Heimische Sozialdemokraten erinnern sich

Der Tod von Altkanzler Helmut Schmidt macht viele Sozialdemokraten im Landkreis betroffen. Sie erinnern sich an ihn.

„Ich habe Helmut Schmidt mehrfach auf Parteitagen getroffen. Er war für mich vor allem ein großartiger Europapolitiker“, so der frühere SPD-Landtagsabgeordnete Helmut Ritzer. „Seine Einschätzungen zur politischen Lage haben bis zuletzt gestimmt.“ Wie eng die Verbindung des Ehepaares Schmidt zueinander gewesen sei, habe er beim SPD-Parteitag 1975 in Mannheim erlebt: „Da hat Helmut Schmidt bei der Wahl zum Stellvertreter genauso viele Stimmen wie Willy Brandt bei der Wahl zum Vorsitzenden bekommen. Ich stand in der Raucherecke. Neben mir Loki Schmidt. Wir kannten uns nicht. Als das Ergebnis bekannt gegeben wurde, hat sie gejubelt und ist mir um den Hals gefallen, so hat sie sich für ihren Mann gefreut.“

Auch Hubert Munkert, ehemaliger SPD-Bürgermeister Röthenbachs, outet sich als Fan von Helmut Schmidt: „Er hatte viele Eigenschaften, die ich sehr schätze, er war korrekt und diszipliniert.“ Nur einmal habe er politisch mit ihm gehadert: „Ich war gegen den Nato-Doppelbeschluss.“

Für Herbert Hofmann, langjähriger Kreisvorsitzender der SPD im Nürnberger Land, war Helmut Schmidt „ein Vorbild für die Politik schlechthin“. Er werde fehlen.

Wolfgang Plattmeier, früher Hersbrucker Bürgermeister und Referent von Bundesbauministers Dieter Haack, erlebte Schmidt mehrfach persönlich, einmal bei einem Vortrag. Er war beeindruckt von dessen Wirtschaftskompetenz. „So etwas habe ich nie wieder erfahren dürfen.“ik/sw

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